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wütender Leidenschaften, Einhalt tun mussten. Aber einmal mit Macht gewaffnet, erhielten sie über die weichlichen Gemüter der Morgenländer eine uneingeschränkte herrschaft, weil der Schrecken alles auf dieselben vermochte, und ihre Glieder weder durch die rauhe Luft, noch durch die zu ihrer Nahrung unvermeidliche Arbeit, wie bei den nördlichen Völkern, abgehärtet worden waren. Hier entstunden zuerst erbliche, und willkührlich gebietende Einzelherren; das feige Volk ist des Joches gewohnt, und lernt den Namen der Freiheit von seinen knechtischen Eltern nicht.

Usong belehrte sich täglich um desto leichter, je besser er sich nunmehr in der Landessprache ausdrükken konnte. Er unternahm kleine Schiffahrten im adriatischen Seebusen, und sah mit Vergnügen die Ordnung und die Leichtigkeit, mit denen ein Schiffshauptmann sein Volk lenkt: hier sieht man, sagte er, den Ursprung und den Nutzen einer unwidersprochenen Macht: sie wird notwendig, wo der geringste Verschub des Gehorsams die Gesellschaft umstürzt.

Er besah die Heere, die aus Venedig gegen den benachbarten Herzog zu Meiland auszogen, und begleitete sie als ein Freiwilliger. Mit Verwunderung sah er, wie die Europäer, die seit einer sehr kurzen Zeit, das Geschütz kannten, es so viel besser als die Chinesen zu gebrauchen wussten. Auch dieser Vorzug, sagte Zeno zu seinem Freunde, ist die Folge der Freiheit, und des Triebes zur Ehre. Durch ihn werden alle Künste lebend, sie steigen in die Höhe, weil jeder Künstler seine Mitbrüder zu übertreffen strebet. In China bleibt der Sohn bei den Handgriffen seines Vaters, er stellt sich nicht vor, dass jenseit der Weisheit seiner Voreltern etwas zu entdecken sein könne, er entdeckt auch nichts, und übergiebt seinem Sohne seine Kunst, wie er sie von Vater empfangen hat.

Die geraden Glieder, in welche in Europa die Kriegsleute traten, ihre Ordnung im Gehen, im Stehen, die genaue Aufsicht, und die Staffeln der Gewalt, die ungeschwächt vom obersten Feldherrn zum untersten Kriegsknechte geht, der Mut in den Stürmen, und im freiwilligen Unternehmen der gefährlichsten Angriffe, alles entzückte den tapfern Usong. Gegen die Europäer kamen ihm seine Mongalen wie streitbare, aber bloss von der natur gewaffnete Tiere, die Chinesen aber wie Sclaven vor, denen man Waffen leihen, aber keinen Mut mitteilen kan.

Usong fand die Policei und die Uebungen der Gerechtigkeit nicht schlechter als in China. Die Ehre hält, sagte er selbst, die Richter hier ab, der Ungerechtigkeit sich zu überlassen, die die Nachrede bestrafen würde. In jenem Reiche ist es nur eine ausserordentliche Tugend, die einen Richter gerecht macht. Liewang war gerecht, aber selten schenkt der Himmel dem land einen Liewang, und täglich straft er es mit feilen Mandarinen.

Er begriff endlich, wie in einem Rate gleichmächtiger edlen die Einigkeit Platz haben kan, indem sich alle dem Schlusse der mehrern unterziehn. Er sah ein, dass die Obermacht unter freien Miterrschern einzig durch die Obermacht in den Gaben erhalten werden kan, und dass Tausende ihre Neigung nicht einem einzigen unterwerfen, wenn er nicht durch die Stärke seiner Gründe sie bezwingen, oder durch seine Beredsamkeit sie gewinnen kan. Auch hierinn liegt ein Mittel, den Trieb zur Vollkommenheit zu erhöhen, da sie der Weg nicht nur zur Ehre, sondern auch zur Gewalt wird.

Aber Zeno selbst gestund nicht ohne Kummer seinem einsichtsvollen Freunde, alle diese Vorteile würden verschwinden, wenn jemals die Anzahl der edlen zu klein würde. Ein Freistaat ist nur so lange glücklich, als seine Herrscher von einander unabhängend sind, und durch keine andere Bande zusammen verknüpft werden, als durch das allgemeine Beste. In einem zahlreichen Regierungsrate gleicher edlen können die kleinen Verbindungen des Blutes und der Freundschaft, keinen grossen und schädlichen Einfluss haben, er dehnet sich auf wenige aus, denen die vielen Unabhängenden leicht widerstehen. Wann aber die Anzahl der Miterrscher gering würde, so könnten eben diese kleinern Verbindungen die Entschlüsse der Regierung nach dem Willen der Wenigen lenken, die sich zu eben dem Zwecke vereinigten. Es könnte alsdann das Blut, die Freundschaft, der gemeinschaftliche Vorteil, eine solche Macht zusammenknüpfen, deren die übrigen unabhängenden edlen nicht zu widerstehn vermöchten, und alsdann würden die besonderen Absichten mächtiger Bürger stärker sein, als der gemeine Nutzen des Staates. Ferne sei von meinem Leben, sagte der Redliche, die Stunde, in welcher ein Edler einen andern Vorteil, als den Vorteil des Vaterlandes, einzugestehn sich entblöden wird!

Der Fürst von Kokonor las, besah und verglich, er wuchs täglich an Einsicht und Kenntniss. Aber ein Krieg, in den die Republik mit dem mächtigen Morad geriet, rief ihn von Venedig weg.

Georg Castriot, der Erbe Tomas des Fürsten in Epirus, war durch seine fast fabelhafte Tapfekeit der Liebling des Sultans geworden. Georg war ein Held, sein Mut war so gross als seine Leibeskräfte, und gegen beide war niemand zu vergleichen. Er fühlte seine Rechte, er trennte sich in einer Schlacht vom Morad, und entriss ihm den Sieg. Er erpresste von demjenigen, der des Sultans Siegel bewahrte, einen Befehl, dass man dem Erben von Epirus Croja, seine Hauptstadt, übergeben sollte, und eilte diesen Befehl zur Wirklichkeit zu bringen. Es gelang ihm; aber Morad drang auf ihn mit der Uebermacht geübter Kriegsleute: die Jenjitscheri waren schon damals der Schrecken der Völker. Die Republik sah an den Osmannen Sturmwolken, die noch von weitem drohten, aber täglich sich näherten, und bald über sie mit zerstöhrenden Strahlen losbrechen würden: die Klugheit riet, dieses Ungewitter von ihren