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die ganze natur unterwirft, der Millionen von unsers Gleichen zu freiwilligen Sclaven unsrer Üppigkeit macht, und der uns in jedem schlauen Kopf einen dienstwilligen Mercur, und durch den unwiderstehlichen Glanz eines goldnen Regens, in jeder Schönen eine Danae finden lässt. Die Kunst reich zu werden, Callias, ist im grund nichts anders, als die Kunst, sich des Eigentums andrer Leute mit ihrem guten Willen zu bemächtigen. Ein Despot hat unter dem Schutz eines Vorurteils, welches demjenigen sehr ähnlich ist, womit die Egypter den Crocodil vergötterten, in diesem Stück einen ungemeinen Vorteil: Da sich seine Rechte so weit erstrecken als seine Macht, und diese Macht durch keine Pflichten eingeschränkt ist, weil ihn niemand zwingen kann, sie zu erfüllen; so kann er sich das Vermögen seiner Untertanen zueignen, ohne sich darum zu bekümmern, ob es mit ihrem guten Willen geschieht. Es kostet ihn keine Mühe, unermessliche Reichtümer zu erwerben, und, um mit der unmässigsten Schwelgerei in einem Tag Millionen zu verschwenden, hat er nichts nötig, als denjenigen teil des Volkes, den seine Dürftigkeit zu einer immerwährenden Arbeit verdammt, an diesem Tage fasten zu lassen. Allein ausser dem, dass dieser Vorteil nur sehr wenigen Sterblichen zu teil werden kann, so ist er nicht so beschaffen, dass ein weiser Mann ihn beneiden könnte. Das Vergnügen höret auf Vergnügen zu sein, so bald es über einen gewissen Grad getrieben wird. Das Übermass der sinnlichen Wollüste zerstöret die Werkzeuge der Empfindung; das Übermass der Vergnügen der Einbildungskraft, verderbt den Geschmack des echten Schönen, indem für unmässige Begierden nichts reizend sein kann, was in die Verhältnisse und das Ebenmass der natur eingeschlossen ist. Daher ist das gewöhnliche Schicksal der morgenländischen Fürsten, die in die Mauern ihres Serails eingekerkert sind, in den Armen der Wollust vor Ersättigung und Überdruss umzukommen; indessen, dass die süssesten Gerüche von Arabien vergeblich für sie duften, dass die geistigen Weine ihnen ungekostet aus Cristallen entgegenblinken, dass tausend Schönheiten, deren jede zu Paphos einen Altar erhielte, alle ihre Reizungen, alle ihre buhlerische Künste umsonst verschwenden, ihre schlaffen Sinnen zu erwecken, und zehen tausend Sclaven ihrer Üppigkeit in die Wette eifern, um unerhörte und ungeheure Wollüste zu erdenken, welche fähig sein möchten, wenigstens die glühende Phantasie dieser unglückseligen Glücklichen auf etliche Augenblicke zu betrügen. Wir haben also mehr Ursache, als man insgemein glaubt, der natur zu danken, wenn sie uns in einen Stand setzt, wo wir das Vergnügen durch Arbeit erkaufen müssen, und vorher unsre Leidenschaften mässigen lernen, eh wir zu einer Glückseligkeit gelangen, die wir ohne diese Mässigung nicht geniessen könnten.

Da nun die Despoten und die Strassenräuber die einzigen sind, denen es, jedoch auf ihre Gefahr, zusteht, sich des Vermögens andrer Leute mit Gewalt zu bemächtigen: So bleibt demjenigen, der sich aus einem Zustand von Mangel und Abhänglichkeit empor schwingen will, nichts anders übrig, als dass er sich die Geschicklichkeit erwerbe, den Vorteil und das Vergnügen der Lieblinge des Glückes zu befördern. Unter den vielerlei Arten, wie dieses geschehen kann, sind einige dem Menschen von Genie, mit Ausschluss aller übrigen, vorbehalten, und teilen sich nach ihrem verschiednen Endzweck in zwo Classen ein, wovon die erste die Vorteile, und die andre das Vergnügen des beträchtlichsten Teils einer Nation zum Gegenstand hat. Die erste, welche die Regierungsund krieges-Künste in sich begreift, scheint ordentlicher Weise nur in freien Staaten Platz zu finden; die andre hat keine Grenzen als den Grad des Reichtums und der Üppigkeit eines jeden volkes, von welcher Art seine Staatsverfassung sein mag. In dem armen Aten wurde ein guter Feld-Herr unendlichmal höher geschätzt, als ein guter Maler; in dem reichen und wollüstigen Aten gibt man sich keine Mühe zu untersuchen, wer der tüchtigste sei, ein Kriegsheer anzuführen; man hat wichtigere Dinge zu entscheiden; die Frage ist, welche unter etlichen Tänzerinnen die artigsten Füsse hat, und die schönsten Sprünge macht? ob die Venus des Praxiteles, oder des Alcamenes die schönere ist? – Die Künste des Genie von der ersten klasse führen für sich allein selten zum Reichtum. Die grossen Talente, die grossen Verdienste und Tugenden, die dazu erfodert werden, finden sich gemeinlich nur in armen und emporstrebenden Republiken, die alles, was man für sie tut, nur mit Lorbeerkränzen bezahlen. In Staaten aber, wo Reichtum und Üppigkeit schon die Oberhand gewonnen haben, braucht man alle diese Talente und Tugenden nicht, welche die Regierungskunst zu erfodern scheint. Man kann in solchen Staaten gesetz geben, ohne ein Solon zu sein; man kann ihre Kriegsheere anführen, ohne ein Leonidas oder Temistokles zu sein Perikles, Alcibiades, regierten zu Aten den Staat, und führten die Völker an; obgleich jener nur ein Redner war, und dieser keine andre Kunst kannte, als die Kunst sich der Herzen zu bemeistern. In solchen Republiken hat das Volk die Eigenschaften, die in einem despotischen staat der einzige hat, der kein Sclave ist; man braucht ihm nur zu gefallen, um zu allem tüchtig befunden zu werden. Perikles herrschte, ohne die äusserlichen Zeichen der königlichen Würde zu tragen, so unumschränkt in dem freien Aten, als Artaxerxes in dem untertänigen Asien. Seine Talente, und die Künste die er von der schönen Aspasia gelernt hatte, erwarben ihm eine Art von Oberherrschaft, die nur desto unumschränkter war, da sie ihm freiwillig zugestanden wurde; die Kunst eine grosse Meinung von sich zu erwecken, die