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, immerfort schweigen; lachen, singen, immerfort lachen und singen und scherzen wäre besser gewesen! Es ist ja so bequem, an das Glück der Menschen zu glauben, so angenehm, sich zu sagen, Vittoria ist und bleibt ein harmloses Kind und ich mache sie glücklich! Es ist ja so bequem, Dank zu ernten von einem Herzen, das zu grossmütig ist, sein Wehe laut auszuschreien und die Hand anzuklagen, die es aus dem Boden seines Vaterlandes riss, ohne ihm eine neue Heimat in der Fremde bereiten zu können! Du sagst mir, ich hätte nie geliebt! – Sie lachte wieder mit jenem bitteren Lachen, das ihm in das Herz schnitt. – Und was ist's, fuhr sie fort, was Du von der Liebe weisst? Glaubst Du, die blasse Empfindung, welche man seit Jahren in Dir grossgezogen und die man zu benutzen verstanden hat, als man sie für reif hielt, das sei Liebe? Ist diese blutund phantasielose Hildegard, die älter ist, als Du, die nie jung gewesen ist in der Jugend des Herzens, ist sie ein Weib, das lieben kann, das man lieben kann? Ist sie in Dein Leben getreten so überraschend, so blendend, so überwältigend wie die Sonne, wenn sie plötzlich um Mitternacht über Deinem Horizonte aufginge und es fiele wie Schuppen von Deinen Augen und Du müsstest Dir sagen: Ich habe geschlafen bis auf diese Stunde, nun bin ich erwacht und ich lebe!?
Vittoria! rief Renatus noch einmal mit bittender Abwehr, denn ihm bangte vor dem Geständnisse, das er zu hören fürchten musste. Aber sie gab auf seine Mahnung nichts, und wie sich selber zur Genugtuung sprach sie: Hast Du es je empfunden, das Glück der Leidenschaft, das so gross ist, dass es kein Gestern hat und an kein Morgen denkt, weil der Augenblick ihm die Welt und das ganze Dasein aufwiegt – das so gross ist, dass Recht und Unrecht, Tugend und Sünde davor wie leere Schemen in sich selbst zerfallen – so gross, dass nur ein Schmerz daneben denkbar bleibt, ein einziger, der Schmerz der Endlichkeit! Kennst Du solch ein Glück?
Er antwortete ihr nicht. – Und wenn sie nun kommt, die Trennungsstunde, wenn nun Alles vorüber ist und nichts mehr bleibt, als die Hoffnung eines Wiedersehens, und es kommt der Tag, der es verkündet: es gibt kein Wiedersehen, keines, keines! Denn die Erde gibt nicht wieder, was sie verschlungen hat.
Sie brach in lautes Weinen aus, Renatus lag zu ihren Füssen und presste ihre Hände in die seinigen. Er wusste nicht, was er ihr sagen oder was er tun solle, ihre Aufregung zu besänftigen. Er dachte gar nicht mehr an sich. Jetzt erfuhr er, was Vittoria seit Jahren so verändert hatte und warum sie ihm bisweilen so fremd und unbegreiflich erschienen war. Sie war ihm auch fremd in ihrer Leidenschaft. Es kam mit einer heissen Angst der Gedanke über ihn, dass es seine Stiefmutter, dass es die Gattin seines Vaters sei, die also zu ihm spreche; aber er hatte das Herz nicht, sie zu verdammen. Er fühlte ein unaussprechliches Mitleiden mit ihr, indess er fragte sie um nichts und sie sagte ihm nichts weiter. Er blieb auf seinen Knieen vor ihr liegen, sie schien ihn fast vergessen zu haben. Erst nach einer langen Weile legte sie ihre Arme um seinen Nacken.
Sieh', sprach sie, wenn ich manchmal am Tage um mich sah und die Welt mir so leer war und ich mir sagte, dass ich jung sei und noch lange leben müsse und dass ich Niemanden hätte, Niemanden, der mich liebte ....
Vittoria, sagte Renatus schüchtern, mein Vater liebt Dich! –
Wie den Vogel, den er eingefangen hat und den er im vergoldeten Käfig nährt, damit sein Gesang ihn im Winter glauben mache, dass es Frühling sei! Ist das Liebe?
Aber Du nahmst seine Hand an, obschon Du es sehen musstest, dass sein Lebenswinter nahe sei!
Singe ich denn nicht, sieht er mich traurig, glaubt er mich nicht glücklich? gab sie ihm zur Antwort.
Du hast auch Valerio! erinnerte er sie.
Sie sah ihn an und schwieg. Ja, sagte sie danach, ich bin Deines Vaters Frau und ich habe einen Sohn! Ich lebe für sie. Wer aber lebt für mich? Valerio ist ein Kind, und mein Gatte ist ein Greis! – Und wieder schwieg sie.
Bin ich Dir denn nichts, nichts mehr, Vittoria? fragte er, wie am Anfange ihrer Unterredung.
Sie schüttelte verneinend das Haupt. Hildegard liebt nicht zu teilen, sprach sie, und Hildegard hat Recht! Es wohnen nicht zwei Gefühle verträglich in einem Herzen bei einander! Sie und Du – Du und sie, das ist Deine Zukunft! Was kümmert Dich die meine?
Renatus verstummte. Er hatte, seit er sich ein selbständiges Urteil über seine Stiefmutter zu bilden im Stande gewesen war, ihre Neigung zur Eifersucht gekannt und sie als einen Zug ihres National-Charakters angesehen; aber dass dieselbe sich auch auf ihn erstrecken könne, hatte er nicht erwartet, und doch war es nicht diese Erfahrung, die ihn ratlos machte.
Wer war der Mann, den Vittoria geliebt hatte? Wann hatte sie ihn gekannt? Wusste sein Vater davon, und was sollte er selber gegenüber den Geständnissen tun, die