highChunks/1860_von_Hahn_Hahn_162_12566.txt -- topic 71 topicPct 0.188449844718
. Der Geist, der sich zu freier Selbstbestimmung, über tausend Lugund Truglehren, Vorurteile und Täuschungen erhebt: das ist meine Gotteit, und sie wohnt in jeder Menschenbrust. Der Kultus, der ihr wohlgefällig ist, besteht darin, dass alles weggeräumt werde, was die freie Selbstbestimmung hemmt: der ganze Kram von Dogmen, der ganze Apparat teologischer Wissenschaft, das ganze Agglomerat kirchlicher Formen und Zeremonien, Vorrechte und Gebräuche – alles! Wer von diesen Fesseln, Ketten und Windeln des Geistes auch nur ein Atom hinwegnimmt, hat dadurch ein Weihrauchkorn der Huldigung für die ewige Gotteit gestreut, die von Anbeginn in der Menschheit gewohnt hat – aber verkannt."
"Sehr verkannt!" sagte der Marquis trocken. "Man hat diese ewige Gotteit – Satan genannt."
"Das haben die Priester Ihres Gottes zuwege gebracht!" fuhr Florentin fort. "Um die freie Selbstbestimmung des Menschengeistes zu hindern, nannten sie dessen Bewegung in jener Richtung: Abfall zum Bösen – und gaben diesem Bösen, um es für Kinder an Geist möglichst abschreckend zu machen, die Gestalt eines Teufels, eines Undings, das nirgends existiert, als in der Phantasie eines Pfaffen, aus dessen entmenschtem Herzen es in sein verbranntes Gehirn übergegangen ist ..." –
"Herr Marquis," sagte Judit mit ruhigem Ernst, "jetzt ist es an mir, Ihnen meine Entschuldigung zu machen, weil Sie, ein Katolik und, wie ich hoffe, ein guter Katolik – gerade bei mir einen Emanzipierten vom katolischen Glauben treffen mussten. Ich bin keine Katolikin; aber eine Versicherung kann ich Ihnen mit aller Aufrichtigkeit geben: die Bilder, welche Sie uns heute abend in Menschen vorgeführt haben, die sich zum katolischen Glauben – und infolge davon zu einem weltentsagenden Opferleben bekehrt haben – stellen sich neben dem Bilde des abgefallenen .... oder emanzipierten Menschen, welches Signor Fiorino uns vorführt, nicht anders dar, als das Paradies neben der Hölle."
Der Marquis, dessen Glaubenstemperatur durch Judits Beifall um einige Grade stieg, erwiderte:
"Das haben Sie ganz richtig charakterisiert, Signora. Der Katolik ist infolge seiner Glaubenslehre im Besitz der vollen übernatürlichen Wahrheit, die ihn, wenn er sie praktisch ersasst und übt – zum höchsten Ziel, zur Seligkeit durch Heiligkeit führt: und das erstreben die Menschen, von denen ich sprach. Der Katolik, der die Offenbarung der übernatürlichen Wahrheit, und folglich auch das Ziel, wohin sie führt, verwirft – hält sich zu ihrem Gegensatz und langt bei deren Ziel an: Unseligkeit! Also: der eine zum Himmel und zur Hölle der andere."
"Und so wäre ich richtig zur Hölle verdammt!" rief Florentin höhnisch lachend.
"O mit nichten!" entgegnete verbindlich der Marquis; "diese Vermessenheit hat keiner von uns. Sie haben sie freiwillig gewählt, Signor. Der Weg des Abfalles und der Weg der Unterwerfung – die Hingebung an den Geist Gottes wie an den eigenen Geist – die Liebe zu übersinnlichen Dingen wie die Versenkung in Materialismus sind in unsere Hand gelegt. Wir wählen frei. Das ist ja eben die Selbstbestimmung, auf die Sie so stolz sind." – –
Judit brach auf. Ihr waren Herz und Kopf voll und übervoll von allem, was sie im Laufe des Tages gehört – und innerlich gelebt hatte. In ihrem einsamen Zimmer sank sie auf die Causeuse am Kamin und seufzte erschöpft: Bin ich endlich erlöst von meiner Menschenmenagerie! Aber nach einer Pause setzte sie hinzu: ich muss mir diese Verachtung der Menschen abgewöhnen! sie haben ja Seelen, für welche das Blut Jesu vergossen ist! – –
Florentin nahm Orest unter den Arm, begleitete ihn zum Hotel Meloni und sagte:
"Orest, nimm Dich in acht vor den Dunkelmännern. Judit läuft Gefahr, in ihre Schlingen zu fallen. Wer hätte je so etwas gedacht! Stupide, unbedeutende Gänschen, denen man einredet, sie würden Heilige werden, Wunder tun und prophezeien und dadurch zu Ansehen und Geltung kommen – ja, dass die sich von den Pfaffen fangen lassen, ist begreiflich. Aber Judit, die übergenug an Berühmteit – und ausserdem Urteil und Besonnenheit trotz ihres Genies und einen energischen Charakter hat – es ist unbegreiflich! unbegreiflich! unbegreiflich!"
"Was ist unbegreiflich!" fuhr Orest auf; "dass sie an Deinen Predigten über die freie Selbstbestimmung keinen Geschmack findet; nicht wahr? Nein, Freund! diesem Idol können nur ganz verkommene Weiber huldigen – oder solche, die auf gutem Wege dazu sind. Mit dieser Sorte hat Judit nichts gemein, und ich freue mich darüber. Gibt es eine Horreur unter der Sonne, so ist es ein brutales Weib; und brutal ist jede, die Deinen Teorien huldigt."
Florentin zündete höchst gelassen seine Cigarre an und sagte: "Warte nur! wird Judit eben so fromm wie Corona, so langweilt sie Dich auch."
"Judit hat bis jetzt ein einziges Mal mit einem Geistlichen gesprochen," sagte Orest; "daraus kann man unmöglich auf übertriebene Frömmigkeit schliessen."
"Woher weisst Du, dass es nur einmal geschah?"
"Judit hat es mir gesagt – und sie lügt nicht."
"Sage lieber – sie log nicht! Unter der Leitung der Pfaffen muss man auf alles von ihr gefasst sein. Ich bin überzeugt, es ist eine Intrigue in vollem Gange."
Orest machte eine Bewegung, als ob er Florentin packen und schütteln möchte, fasste sich aber