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handeln stimmten bei ihm überein; immer, nicht ausnahmsweise. Die meisten Menschen sind aus Bruchstücken von diesem und jenem Denken, Wollen, Handeln, zufällig und äusserlich, planlos zusammengesetzt; die einen mehr, die anderen minder. Sind die Bruchstücke schön, so gibt es das, was man nennt, interessante Menschen. Bei Lelio kamen jetzt solche Bruchstücke zum Vorschein. Er war nicht aus einem Guss wie Ernest; Judit selbst hatte ihn ja noch vor kurzem auf einem ganz anderen Wege, mit einem ganz anderen Streben gekannt. Um so mehr interessierte sie sich für seine Umwandlung, die augenscheinlich aus seinem innersten Wesen hervorging. Florentin versicherte zwar, er folge einem fremden Impuls. Einmal wollte er gehört haben, ein sehr reiches junges Mädchen habe sich zum Sterben in Lelio verliebt; aber von ihrem Beichtvater die Weisung erhalten, unter keiner Bedingung mit einem Menschen sich zu verehelichen, der zu den geheimen Gesellschaften, zu einer Venta oder einer Loge gehöre; nun könne Lelio doch unmöglich diese schöne reiche Person vor Liebe umkommen lassen! Ein anderes Mal hatte Florentin gehört, dass die Jesuiten, deren fabelhafte Reichtümer ja immer eine sehr grosse Rolle bei allen Gegnern der katolischen Kirche spielen, Lelios Bekehrung erkauft haben sollten. Ein drittes Mal sollte seine bigotte Familie ihn dermassen mit Schilderungen der Höllenstrafen geängstigt haben, dass er durch Grauen zur Apostasie von der Sache der Freiheit und des Fortschrittes getrieben sei. Aber all diese Angaben machten nicht den mindesten Eindruck auf Judit, obschon eine Menge Menschen, vielleicht die meisten, in ähnlichen Fällen ähnliche Motive voraussetzen. Sie war zu selbständig, um nicht an eigene, innere Beweggründe zu glauben, und zu stolz, um nicht zu begreifen, dass man ihnen rücksichtslos folgen könne. Sie sagte kaltblütig zu Florentin: "Geben Sie sich keine Mühe, mich durch das Wutgeheul Ihrer Partei zu betäuben, Fiorino. Ich glaube das, was Lelio mir gesagt hat. Er lügt nicht." "Darf man wissen, was er gesagt hat?" "Die Gnade hat ihn bekehrt." "Und das begreifen Sie, Signora?" "Nein, das hab' ich nicht gesagt; wohl aber, dass ich an Lelios Aufrichtigkeit glaube." "Die Gnade? .... ja, was ist denn das für eine mystische oder mytische Person? Wie gibt sie sich kund? wodurch wirkt sie? wie ergreift sie den Menschen? was ergreift sie in ihm?" "Fragen Sie doch lieber: was isst sie, was trinkt sie? dann stehen Sie vollkommen auf der Höhe von Sir John Falstaff!" unterbrach Judit ihn unmutig. "Ist das Genie nicht auch eine mystische oder mytische Person, wie Sie höhnend fragen – und i s t es deshalb etwa nicht? Wer versteht die geheimnisvolle Flamme zu erklären, die z.B. über der Stirn eines kleinen Bauernbuben so wunderbar leuchtet, dass sie ihm die Augen öffnet für die Schönheit, die im Stein verborgen ist, ihn antreibt, den Meissel zu ergreifen und die schönen Götterbilder aus ihrer Versteinerung heraus zu arbeiten; und die ihn endlich zu einer der grossen Berühmteiten macht, die man unsterblich zu nennen pflegt. Ich finde es nicht seltsam, dass Lelio von der Gnade – als dass ein Canova vom Genie ergriffen wird." "Nur haben beide äusserst verschiedene Folgen! das Genie wirkt schöpferisch, die Gnade ertötend." "O nein!" rief Judit, "auch die Gnade ist schöpferisch; aber nach innen." "Sie sind hellsehend, Signora!" rief er spöttisch. "Und Sie sind blind, armer Fiorino," sagte sie kalt. "Das muss wohl sein," entgegnete er; "denn ich nehme nichts wahr von dieser wunderbaren Schöpfung in Lelio. Er ist ein Abtrünniger einer heiligen Sache geworden, ein Deserteur von der Fahne der Freiheit, ein Überläufer ins Lager der Finsternis. Er ist treulos gegen seine besten Freunde, er entsagt der Kunst, die das Leben lieblich schmückt. Nein, Signora, ich entdecke keine goldenen Früchte, welche seine Gnade ihm trägt." "Sie macht ihn gut, Fiorino; rechnen Sie das für nichts? Er ist ein guter Sohn geworden, er lebt in dem Kreise seiner einfachen Pflichten, er ist die Wonne und der Herzenstrost seiner Eltern, er hat sich losgesagt von dem wüsten Sinnenleben, in dessen Schwelgereien er sich berauschte; er begnügt sich mit einer ganz unscheinbaren Stellung, mit einem äusserst bescheidenen Lose, um nicht in der Strudel der Welt zurückgeschleudert zu werden; er verzichtet auf den Beifall und die Bewunderung, die seinem herrlichen musikalischen Talent folgen würden, auf diesen gewissen Kunstrausch, dem man schwer entsagt, wenn man ihn genossen hat. O es ist eine ganz wunderbare Veränderung mit Lelio vorgegangen, und so wie er jetzt ist, ist er besser und edler, als er früher war. Ich nehme vorlieb mit den Menschen, wie sie eben sind, guter Fiorino! allein deshalb dürfen Sie nicht wähnen, dass ich den Massstab für höhere Naturen verloren hätte. Er rostet mir nur ein wenig ein, weil ich so äusserst selten ihn an jemand anlegen kann." – Florentin wütete heimlich bei solchen Äusserungen Judits und hatte zuweilen Lust, auf irgend eine Weise rächerisch störend einzugreifen in ihr Verhältnis zu Orest. Aber abgesehen davon, dass ihm bei Orests Leidenschaft für Judit die Unmöglichkeit einer Störung einleuchtete, versprach er sich durch ihre Ehe doch noch einen viel