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Die Wellen seines Schicksals, wie er es nannte, brausten über ihn zusammen. Er fühlte sich grenzenlos elend. "Sie sind ein Tor, Graf Orestes," sagte Judit frostig und achselzuckend. "Man muss im Stande sein, einen Entschluss zu fassen und auszuführen; dazu hat man seinen Willen." Die wildesten Gedankenstürme gingen ihm durch den Sinn. Sollte er sich von Corona trennen? sollte er sie bitten, ihm seine Freiheit zu lassen? war seine Ehe auch gültig, auch rechtmässig, so dass er wirklich durch sie gebunden war? wäre es denn gar nicht möglich, Judit zu vergessen? Nein! sprach er zu sich selbst, d a s ist unmöglich. Alles andere ist möglich – aber das nicht! – – So lagerten sich die Schatten immer tiefer über Recht und Pflicht und so wurde der böse Wille immer mehr der Beherrscher in diesem Reich der Finsternis. Mit Judits Aufentalt auf der Insel Wight ging auch der seine zu Ende. Bis die italienische Oper in Paris eröffnet wurde, machte sie eine Kunstreise durch Belgien und Norddeutschland, wo sie noch nie gewesen war. Orest wünschte sehnlichst sie zu begleiten. Sie sagte trocken: "Ich glaube, Sie sind wahnwitzig, Graf Orestes. Was soll denn das bedeuten?" "Florentin und Lelio begleiten Sie doch!" "Florentin und Lelio sind in meinem Dienst, gehören zu meiner Umgebung. Ich brauche den einen im Fach meiner Geschäfte, den anderen im Kunstfach. Jeder hat seine Stellung und die ist abhängig von mir; also ist sie durchaus vor der Welt gerechtfertigt. Aber wenn Sie, ein verheirateter Mann, aus einer bekannten Familie, meine Kunstreisen mit mir machen wollten: das gäbe einen enormen Skandal, und ich wüsste nicht, weshalb ich einen solchen hervorrufen sollte. Auf Wiedersehen in Paris." So trennten sie sich. Judit ging nach Brüssel, Orest nach Windeck. Dort war auch Hyazint. Einen schneidenderen Gegensatz, als diese beiden Brüder, gab es vielleicht nie! so ganz Welt der eine, so ganz Gnade der andere; jener – durch und durch im Irdischen wurzelnd, dieser – im Himmlischen. Orest durch selbstsüchtige Zwecke und Hoffnungen in die gefallene Menschennatur gebannt; Hyazint durch gänzliche Hingebung an seinen Beruf, getragen von der göttlichen Kraft, welche die gefallene Natur besiegt. Orest so seelenmatt, dass er ohne Schwertstreich der Gegenwehr von Leidenschaften sein Herz zerfleischen liess, und so unfähig zu jeder höheren Auffassung des Lebens, dass ihm die reiche Blütenfülle seines Daseins nicht genügte, weil sie den Gelüsten nicht entsprach, deren Befriedigung sein Ziel war; und Hyazint, ein ringfertiger Kämpfer gegen die leiseste Versuchung und dabei so unerschütterlich ruhend in den Verheissungen des Glaubens, dass ihm alle Mühen und alle Dornen seiner anstrengenden, schmerzen-, sorgen- und arbeitsreichen Laufbahn in Paradiesesblumen umgewandelt wurden. Orest ein leibhafter Vertreter des Materialismus der Zeit; Hyazint ein lebendiger Protest gegen ihn. Der Gegensatz war so auffallend, so schlagend, so ausgeprägt in der Gesinnung und in den Worten der beiden Brüder, so ausgeprägt in ihrer äusseren Erscheinung, in Ton und Blick, in Haltung und Geberden, dass Corona, wenn sie die Brüder beisammen sah, immer ganz heimlich eine gewisse schmerzliche Beschämung für Orest empfand, und sich wunderte, wie er, der sein Lebenlang in der eleganten Welt, der grossen Welt, der künstlerischen Welt sich bewege, so roh und alltäglich aussehen könne neben Hyazint, der als ein armer Kaplan zwischen Bauern verkehre. Aber das ist's: der Mensch ist nicht bloss der Sohn des Staubes, er ist auch der Mitbürger der Heiligen; und dies Bewusstsein himmlischer Heimatberechtigung, das unabhängig von jedem Stand, von jeder Lage, von jedem Ort, von jedem Verhältnis ist, machte Hyazint zu einem Flüchtling aus der Region des Staubes, während Orest, in dem es erloschen war, der Sklave des Staubes wurde. Diese innerliche Abkehrung von allem Höheren, die mehr und mehr in Orest um sich griff, erfüllte Hyazint mit nagendem Kummer. Corona hatte ihn und Onkel Levin gebeten, sie möchten Orest zu bewegen suchen, dass er die Kapelle ausbaue und sich um einen Hausgeistlichen bemühe. Beide fanden diesen Wunsch durchaus gerechtfertigt, aber Orest wollte nichts davon hören. "Eine Frau muss nicht immer ihren Willen durchsetzen!" entgegnete er. "Immer nicht," antwortete Levin; "aber doch zuweilen, wenn er so gut ist, wie in diesem Falle." "Ich mag keinen Dritten in meiner Häuslichkeit haben." "Ist auch nicht nötig!" sagte Hyazint. "Je weniger der Geistliche mit euch – was das äussere Leben betrifft – zu tun haben wird, desto lieber wird es ihm sein." "Das ist Deine Gesinnung, aber nicht die allgemeine. Die Priester wollen überall die Ersten sein und herrschen." "Wir müssen durch Orest geistliche Gesinnung kennen lernen, lieber Hyazint," sagte Levin lächelnd. "Bester Onkel, verzeih!" rief Orest; "Du und Hyazint – Ihr seid Ausnahmen von der Regel." "Und wo hattest Du denn Gelegenheit, die Regel kennen zu lernen?" "Nun da, wo alle Welt sie kennen lernt: in der Geschichte." "Sage lieber, in den Geschichten; dann bezeichnest Du Deine Quellen etwas richtiger." "Der grösste Teil der Bevölkerung in der Herrschaft ist protestantisch; da würde ich in den Verdacht der Proselytenmacherei kommen." "