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an, dass er noch immer nicht diesen Entschluss ins Werk setze. Einmal wird es aber doch geschehen! sagte er dann tröstend zu sich selbst; alle Tugend hat ihre Grenze da, wo die Leidenschaft übermächtig wird; und auf d i e s e m Punkte angelangt, ist der Mensch nicht mehr Herr seines Schicksals, sondern das Schicksal ist Herr über ihn! – Von dieser Romanteorie durchdrungen, war es denn ganz in der Ordnung, dass sich Orest aus allen Kräften nach jenem Punkt hinarbeitete, wo das Schicksal Herr über ihn werden müsse. Corona kannte nicht den Schlüssel zu seiner für sie so rätselhaften Verstimmung. Sie ahnte wohl, dass eine so gründliche Unzufriedenheit mit einer so glücklichen Lebenslage nur aus Orest's Unzufriedenheit mit sich selbst und aus einem geheimen Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung entspringen könne. Aber seine Leidenschaft für Judit ahnte sie nicht. So etwas lag unter dem Horizont ihrer Gedanken und Gefühle. Sie hatte damals in London Orest im Rausch des Entzückens über Judit gesehen; dann in Interlaken abermals in diesem Rausch; allein sie schrieb dies auf Rechnung der Huldigung, welche die Männerwelt den gefeierten Heldinnen der Bühne darbringt. Hatte ihr Vater bei einer solchen Veranlassung doch einmal ganz gleichmütig gesagt: "Ja, das ist heutzutage nicht anders! zwischen den jungen Männern unseres Standes gibt es nicht viele, die nicht in der Region der Teaterprinzessinnen ihren ersten Kursus der Liebe gemacht hätten." Daher kam es denn, dass Corona zu jenen "Hochgeborenen" – wie Judit sich ausdrückte – gehörte, welche die ganze Bühnenwelt mit ihren sämtlichen Berühmteiten als etwas betrachteten, das in ihre Sphäre nicht gehöre und nur der unerfahrenen männlichen Jugend gefährlich sei. Nach ihrer Ansicht konnte eine Primadonna für Orest eine Unterhaltung sein – doch keine Fessel. Was sie aber auch versuchen oder vorschlagen mochte, um ihm sein Haus lieb und traulich zu machen – es scheiterte an seinem schroffen Widerstand gegen jeden guten Einfluss, der sich durch einen peinigenden Geist des Widerspruches gegen all' ihr Tun und Treiben äusserte. Zuweilen war er so bitter in seinen Bemerkungen, so hart in seinen Äusserungen, so abstossend in Worten und Benehmen, dass er selbst darüber erschrak, besonders wenn er sah, wie Corona es aufnahm. Sie wurde nie heftig oder ungeduldig. Es ging ihr wie den Kindern, wenn ihnen irgend etwas sehr leid tut: sie erröten und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Das rührte ihn zuweilen einen Augenblick und er sagte dann freundlicher: "Ich quäle Dich, Krönchen, vergib es mir! Du glaubst nicht, wie verstimmt ich bin! ich reibe mich auf in der Untätigkeit und im Ärger über mein verfehltes Leben." Wollte sie ihm aber begreiflich machen, dass er einen schönen Kreis für tätige Wirksamkeit haben und in seinem Alter und seinen Verhältnissen nicht von einem verfehlten Leben reden dürfe: so verfiel er gleich wieder in unbändige Aufregung und erwiderte: "Du verstehst nicht, was mir not tut und weisst nicht, was ich bedarf." Auch den zweiten Winter brachte er in Paris zu; aber er nahm Corona mit. Einerseits war es ihm lästig, da er sie doch nicht der vollkommenen Verlassenheit übergeben durfte. Andererseits war ihre Anwesenheit ihm, der Welt gegenüber, eine Art von Rechtfertigung. Warum sollte sich ein junges Ehepaar nicht einen Winter in Paris aufhalten? Corona fügte sich seinen Anordnungen und hoffte, dass Orest sich besser unterhalten und vielleicht dadurch besser gestimmt werde. Für sich selbst hoffte sie nichts. Da wie dort musste Gott ihr Trost, Felicitas ihre Freude sein. So war es auch. Orest führte sie in einige Häuser der guten Gesellschaft ein und begleitete sie knapp so viel, als es der Anstand erheischte. Da sie fühlte, wie schwer die Stellung in der Welt für eine junge Frau ist, um welche ihr Mann sich gar nicht bekümmert, und welche Gefahren dies Alleinsein mit sich bringt, da die Männer nicht ermangeln, einer schönen Verlassenen ihre Huldigungen darzubringen: so zog sich Corona leise so viel wie möglich zurück und schob auf ihre schwache Gesundheit, die allerdings nicht sehr fest war, ihre ungesellige Neigung. Orest liess sie gern gewähren. Blieb sie zu Hause, so war er um desto freier, seine Tage bei Judit und seine Abende in der italienischen Oper zuzubringen. Corona sah ihn kaum; wenn sie ihn aber sah, war er munter, gesprächig und augenscheinlich fühlte er sich hier zufriedener, als auf Stamberg. Judit hatte ihn in die Reihen ihrer Verehrer aufgenommen und gesagt: "Es bleibt aber, wohlverstanden, bei der Verehrung, der Bewunderung, Graf Orestes, und von Liebe ist keine Rede zwischen Ihnen und mir." Orest hatte erwidert: gerade das sei sein Tema. Judit antwortete kalt: "So werden Sie sich darüber mit Ihrer Frau Gemahlin unterhalten." Wenn Judit in dieser Weise sprach, war er immer auf dem Punkt, auch sie zu hassen, und dennoch hatten solche Worte die Wirkung von Wassertropfen, die man ins Feuer spritzt: die Flamme brennt um desto heller auf. Wer mit Zorn und Groll Orest wieder zu Gnaden bei Judit aufgenommen sah – das war Florentin. Das Wort seines Freundes Lelio: An Leute wie Dich und mich denkt Judit nicht! hatte um so tiefer seine Eitelkeit verletzt, als er bald gewahr wurde, wie richtig es sei. Während sein Herz von Ehrgeiz zerfressen war, machte er ihr heimlich einen Vorwurf daraus, dass es mit ihr nicht anders stehe