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je nachdem die Wagschale mit Hass oder Liebe sich mir zusenkt. Ist das vernünftig? ist das liebenswürdig? was kann man mit einem zu solchen Excessen geneigten Mann anfangen?"
"Ihn lieben, Judit."
"Vor der Hand nicht! sondern ihm Gute Nacht wünschen," antwortete sie scherzend, schellte und sagte zu dem eintretenden Diener: "Graf Windeck's Wagen."
Orest machte Anstalt, den Befehl zu überhören, indem er sich in einen tiefen Lehnstuhl versenkte und drei Journale auf einmal zur Hand nahm. Da öffnete und schloss sich leise eine Seitentüre des Salons; und als er aufblickte, war Judit verschwunden und er allein. Ohne mir Gute Nacht gesagt zu haben! murmelte er und blickte ihr zornig nach. Dabei fiel sein Auge auf den Burnus, der über dem Lehnstuhl hing, in welchem Judit ihm gegenüber gesessen hatte. Er sprang auf, ergriff den unschuldigen Burnus, zerriss das feine Gewebe von oben bis unten, drückte es an seine Lippen – und eilte zu seinem Wagen.
Als er fortrollte, kehrte Judit in den Salon zurück, fand ihren Burnus zerrissen am Boden liegen, hob ihn auf und sagte für sich: "Du armer Mantel! auf dem Webstuhl zu Marocco träumte dir vielleicht davon, in die Klauen eines Tigers oder eines Löwen des Atlas zu fallen und zerfetzt zu werden – und jetzt erfüllt sich Dein Schicksal nicht in Afrika's Wüste durch wilde Bestien, sondern am eleganten Genfersee durch ein Menschenkind!" Sie wickelte sich in ihren zerrissenen Burnus ein und ging auf den Balkon, und ging auf demselben auf und nieder, eine Stunde, und noch eine Stunde – und fand nicht einmal die Ruhe der Ermüdung in diesem rastlosen Wandeln: so unruhig waren ihre Gedanken.
Immer drängten sich diese Gedanken der Zukunft zu; aber nicht, um sich über freundliche und glänzende Bilder hingleiten zu lassen; nicht, um bei Phantasiegebilden von Freuden und Genüssen zu verweilen, oder um Lebensverhältnisse mit lieblichen Farben auszumalen. O nein! – Lechzend, atemlos, durstig, standen ihre Gedanken vor der dunkeln Zukunft und fragten: Was birgst du mir? Was bringst du mir? Bist du die Sphynx, die das Rätsel meines Lebens mir vorlegt? und muss ich unter deinem steinernen Griff umkommen, wenn ich es nicht löse? Gelöst hab' ich meine Aufgabe nicht, denn ich habe keine Befriedigung gefunden. Und doch hab' ich alles erreicht, was ich damals in den Citronenhainen von Cintra mir zu erreichen vornahm. Ich habe Gold, Ruhm und Bewunderung eingeerntet; ich habe Welt und Menschen in bunten und glänzenden Gestalten, in fesselnden und interessanten Erscheinungen – nebenbei auch in allen ihren Niedrigkeiten kennen gelernt; ich habe Freude gehabt an der Kunst, an der Ausübung meines Talentes, an den Studien, die damit verbunden sind, an der Begegnung mit anderen, die eines Weges mit mir gingen. Ich habe mit stolzem Selbstgefühl die Huldigung der einzelnen und der Massen empfangen. Ich habe Triumphe gefeiert – aber sie verrauschen, und die alte Leere und die alte Unruhe sind wieder da. Es war zuweilen wohl still in meiner Brust, aber die Stille der Ermüdung, die Stille dumpfer Resignation, wenn ich zu mir selbst sprach: Lass sie dahinrollen, die Welt und das Herz und die Zeit und das Leben! lass sie gehen, wie sie wollen und können! das Menschenschicksal ist nun einmal ein Ringen ohne Sieg! und wenn ich so zu mir selbst sprach, so kroch mir ein Etwas wie Verzweiflung durch alle Adern, alle Nerven, alle Fibern – und ein anderes Etwas stemmte sich dagegen und schrie in mir: Nein! das Leben muss etwas anderes sein, als ein Ringen aus dem Nichts, für das Nichts, in das Nichts! gerade dies Ringen beweist, dass es ein Ziel habe und dass es folglich auch einen Sieg gebe – und in dem Siege Befriedigung! Aber wo ist sie – die Befriedigung? Sphynx meines Schicksals, habe ich dich noch immer nicht verstanden mit deinem geheimnisvollen dunkeln Blick? Meinst du die Liebe? – Ja, die grosse Leidenschaft, von der man zuweilen hört und liest, mag wohl solchen Zauber haben, dass sie, wenn sie mit vielen Schmerzen und Bitterkeiten Hand in Hand geht, das Herz befriedigt. Aber die kommt, man weiss nicht wie und woher; die kann man nicht erringen, man fühlt sie nur. Empfunden hab' ich sie nie. Ob ich sie einflösse? ich weiss es nicht. Die armseligen Lieben aber, durch welche der frische Schmelz des Herzens, der Blütenduft des innersten Wesens trüb' und matt wird – und welche sich doch wiederholen, weil sie einem Opiumrausch gleichen, der des Menschen Träume lieblicher macht als seinen wachen Zustand – nein! für sie bin ich nicht mehr jung und noch nicht alt genug. – – Und sie verfiel in trübes Sinnen über diese traurigen Lieben, an die auch sie gestreift war und die ihr Herz gepanzert hatten mit einer so kalten und gründlichen Verachtung von allem, was man Liebe nennt, dass sie – mit sich selbst allein – auch sich selbst verachtete. Aber dann erwachte der Stolz und schüttelte diese Bürde ab, hob trotzig das Haupt und schaute nach anderen Triumphen aus. Orest liebt mich – fuhr sie fort in ihren Gedankenzügen. Er soll mich lieben. Er hat mich für eine leichte Eroberung gehalten: dafür will ich eine grosse Genugtuung. Gräfin Windeck will ich werden.