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! aber ...." –
"Nun – aber?" rief Florentin gespannt.
"Aber vielleicht ein böses!"
"Bah! sie wird doch nicht mit Gift und Dolch umgehen?"
"Nein; doch mit eiskalter Koketterie. Sie verlangt grosse Triumphe. Leute wie Dich und mich beachtet sie gar nicht."
Lelio's Aufrichtigkeit verdross Florentin ungemein und er gab seine Fragen hinsichtlich Judit's aus Empfindlichkeit auf. Wie nun auch seine eigenen Beobachtungen ausfallen mochten, er blieb ihr Privatsekretär und war bereits drei Jahre in dieser Stellung, als sie ihren Aufentalt in der Villa Diodati nahm.
Judit's Schönheit hatte in dieser Zeit verloren und gewonnen; verloren – alle Frische und Weichheit der Jugend, allen Schmelz der ersten, unwiederbringlichen Blüte; gewonnen – eine gewisse tragische Ruhe in Ausdruck und Haltung. Sie schien beständig zu denken: Es ist nichts anzufangen mit dem Leben! ich weiss es aus Erfahrung! – –
Sie trat jetzt mit dem ganzen Schwarm ihrer Begleiter in den eleganten, hell erleuchteten Salon der Villa Diodati, wo Madame Miranes sie erwartete, und ihr entgegen rief:
"Lelio ist endlich zurückgekehrt!"
"O glückliche Nachricht!" rief der russische Fürst.
"Jetzt wird mir vielleicht die Wonne zu Teil 'Casta Dia' zu hören."
"Bester Fürst," sagte Judit, "ich begreife gar nicht diese Marotte. Sie haben ja unzählige Male die Norma gehört."
"O welch ein Unterschied, sie zu hören auf der Bühne, als Oper und mit dem ganzen Publikum – oder im Salon, und gerade diese e i n e Arie! das ist ein Genuss, der nur wenigen Lieblingen des Glückes zu Teil wird."
"Diese Sucht nach dem Besonderen ist eben das, was ich Ihre Marotte nenne," erwiderte Judit.
Aber der Fürst fuhr fort: "Ich flehe Sie an, Signora, lassen Sie den Herrn Lelio rufen, dass er seinen Platz am Pianino einnehme und die 'Casta Dia' akkompagniere. Legen Sie Ihren Burnus nicht ab! er drappiert Sie unvergleichlich und bildet ganz ungesucht das Gewand der Druidin."
Da alle Herren die Bitte des Fürsten unterstützten, sagte Judit endlich zu Florentin:
"Hätten Sie wohl die Güte, uns den Lelio zu holen?"
Ein Sturm des Entzückens brach aus und der junge Engländer wurde gesprächig vor froher Erwartung und sagte:
"Von den Druidinnen, die in meiner Heimat Wales recht eigentlich zu Hause waren, erzählt die Sage: sie hätten Lieder von so wundersamer Schönheit gesungen, dass sie die Meeresstürme damit bezaubert und zur Ruhe gebracht hätten. Das fällt mir immer ein, wenn ich Signora Judit die Norma singen höre."
"Nur mit dem enormen Unterschied," fiel der Fürst ein, "dass die Signora Stürme erregt, nicht beschwichtigt." –
Florentin trat so eben mit einem ganz verstörten Gesicht wieder ein und berichtete dem erwartungsvollen Kreise, Lelio lasse sich entschuldigen, er liege bereits im Bett.
"Desto besser!" sagte Judit und warf ihren Burnus ab. "Sie brauchen über dies Missgeschick nicht fassungslos zu sein, Fiorino."
"Aber ich desto mehr!" rief der Fürst. "Seit vierzehn Tagen bin ich hier festgehalten durch ..."
"Ihre Marotte!" warf Judit lächelnd ein.
"Gut also! durch meine Marotte; werde von einem Tag auf den anderen vertröstet: Wenn Lelio kommt! – Er kommt, der Unglückliche, und legt sich mitten im Tage – denn es ist ja wohl kaum sieben Uhr – legt sich zu Bett!"
"Morgen ist auch noch ein Tag," sagte Judit.
"Nicht mehr für mich!" rief der Fürst klagend aus. "Meine Passerlaubnis ist bis zur äussersten Grenze abgelaufen; ich muss fort."
"Welche Sklaverei!" rief Florentin.
"Nun ja," entgegnete der Russe kalt, "ohne einige Sklaverei lebt sich's nicht auf dieser sublunarischen Welt. Ketten von Oben und Unten, von Innen und Aussen sind unser aller Los. Der eine gehorcht dem Czar, der andere dem Volk, der dritte einem geheimnisvollen Alten vom Berge, der vierte einem schönen Augenpaar: Ketten allüberall! Nur ein Mensch ohne alle Beziehungen könnte sich ihrer entledigen; damit würde er jedoch aufhören, Mensch zu sein."
"Dennoch ist es sehr hart," rief unbesonnen der Marquis d'Avallon, "von solchen Beziehungen umsponnen zu sein, die für eine geringe Überschreitung polizeilicher Ordnung nach Sibirien führen."
"Oder nach Cayenne," entgegnete der Fürst mit seinem verbindlichsten Lächeln.
Madame Miranes machte es sich zur besonderen Aufgabe, allen Gesprächen, die eine scharfe Wendung zu nehmen drohten, die Spitze abzubrechen. Bei den vielen und verschiedenartigen Menschen, die zu ihrer Tochter kamen, wachte sie darüber, dass sich alles in Ruhe und Harmlosigkeit bewege und unterhalte, und dass vor allen Dingen nie eine politische Diskussion geführt werde, von der nichts zu erwarten sei, als Erbitterung für die Redner und Langeweile für die Zuhörer. Jetzt rief sie lebhaft:
"Was Sibirien und Cayenne! ich sage etwas ganz anderes! ich sage Clarens! wir wollen morgen mit dem Dampfboot eine Exkursion an das Waadtländische Ufer machen und in Clarens die 'bosquets d'Héloise' durchwandeln."
Alle gerieten wieder in gute Laune. Marquis d'Avallon sagte triumphierend, der Genfersee trage eine wahre Krone