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reissende Rhone zu, die im Westen, bei Genf, an dem Becken des See's im ungeduldigen Jugendmut herausbricht und sich ihre eigenen Wege sucht, hinab zur Küste des mittelländischen Meeres. Die Krone des See's und der ganzen Landschaft ist der gewaltige Montblanc; er liegt da wie ein weisser Marmorblock in einem Blumengarten.
Es war gegen Abend; die Sonne sank und zog einen rosenfarbenen Schleier über alle Berge, während der ewige Schnee des Montblanc im feurigsten Rosenlicht aufflammte. Mitten auf dem See, da, wo man die volle Ansicht des Montblanc hat, schwamm eine Barke, leise gewiegt von den rieselnden Wellen, denn die Schiffer hatten die Ruder eingezogen. In der Barke sassen einige Männer und eine Frau. Sie hatte sich in einen weissen Burnus eingewickelt, der ihre hohe schlanke Gestalt hervorhob, nicht verhüllte, und dessen Kapuze über den Kopf gezogen. Sie blickte mit ihrem ernsten schwarzen Auge unverwandt auf den Montblanc und kümmerte sich nicht im mindesten um die Herren und ihre Gespräche. Zwei dieser Herren waren übrigens ebenso schweigsam wie die Dame, obschon sie nicht, gleich ihr, in den Anblick des zauberhaften Naturgemäldes versunken waren. Endlich sagte der eine zu ihr:
"Signora Giuditta!" – aber er musste es wiederholen, bevor sie die Kapuze ein wenig zurückschob und, ohne nach ihm umzublicken, sagte:
"Was wünschen Sie, Graf Orestes?"
"Sie zu hören, da Sie uns das Glück nicht gönnen, Ihr Antlitz zu schauen."
Als ob diese Aufforderung ihrer Stimmung einen Ausdruck gegeben hätte, begann Judit sogleich jenes Lied vom Wanderer zu singen, das durch Schuberts Komposition so berühmt geworden ist: "Ich komme vom Gebirge her – Es ruht das Tal, es rauscht das Meer." Sie sang alle Strophen durch. Kein Atemzug war in der Barke zu hören; auch die Schiffer lauschten. Als sie zu Ende war, blieb alles still.
"Hat Ihnen das Lied nicht gefallen, Graf Orestes, oder klingt meine Stimme tonlos über der Tiefe?" fragte Judit.
"Das Lied ist so fürchterlich melancholisch, dass man davon angesteckt wird," entgegnete er.
"Ein deutsches Lied!" antwortete sie mit leichtem Achselzucken.
"Ganz recht, Signora!" rief der zweite der schweigsamen Männer; "ein deutsches Lied – das muss melancholisch sein! Deutschland hat nicht genug Stimmen, um zu weinen und zu klagen über seinen tiefen Verfall."
"Warum ziehen Sie es nicht empor – Sie und Ihre Gleichgesinnten?" fragte Judit kalt. "Sie klagen über die mark- und tatenlose Zeit; aber was haben Sie denn aufzuweisen an Kraft im Willen und im Handeln?"
"Barrikaden, Signora!" erwiderte nicht der Gefragte, sondern statt seiner Orest mit scharfem Hohne. "Es gehört sehr viel Kraft an Leib und Geist dazu, um den Pferden eines Omnibus in den Zügel zu fallen – die bekanntlich so wild sind, als ob sie eben auf den Steppen der Ukraine eingefangen wären – um den Omnibuskutscher von seinem Sitz herabzureissen, der bekanntlich erhabener als ein Tron ist, um den Omnibus quer über die Strasse zu werfen, mit der Intention, also sämtliche Trone Europa's in den Gassenkot zu schleudern, und um dann einen Fetzen, welcher Fahne der Freiheit tituliert wird, nicht eigentlich auf den zerschmetterten Tronen, wohl aber auf dem zerschmetterten Omnibus, dem Bollwerk der modernen Freiheit, aufzupflanzen."
"Die Freiheit ist das Gut des Volkes!" rief der Verhöhnte schneidend zurück. "Schlimm genug, wenn Ihr sie im Gassenkot unberücksichtigt lasst, anstatt sie aufzunehmen in Euren goldenen Sälen."
"Müssen Sie denn immer wieder Streit anfangen mit Fiorino, Graf Orestes?" rief Judit.
"Aber, Signora, er ist ein ehrlicher Deutscher und heisst Florentin!" rief Orest. Tausendmal schon sagt' ich es Ihnen! Florentin Hauptmann heisst er."
"Ach, ich weiss es ja sehr gut," erwiderte sie gleichgültig. "Er ist ja seit drei Jahren mein treuer Sekretär und Geschäftsführer; allein der Name Fiorino gefällt mir besser und ist leichter auszusprechen. Setzen Sie nur Ihre Jeremiaden über Deutschland fort, Fiorino! ich finde sie ganz richtig. Ein englischer Schriftsteller hat die Deutschen 'ein Volk von Denkern' genannt. Ob er ihnen ein Kompliment damit machen wollte, weiss ich nicht. Mir aber fällt bei diesem ewigen deutschen Grübeln, Philosophieren und abstrakten Spekulieren der Prinz Hamlet ein mit seinem berühmten Monolog. Aller Tatkraft der Deutschen wird 'des Gedankens Blässe angekränkelt' – um mit besagtem Hamlet zu sprechen – und dadurch die Energie des Willens und die Originalität des Charakters gebrochen, welche beide die Basis der Tatkraft sind."
"Welche Studien machen Sie über die Deutschen infolge von Florentins Jeremiaden!" rief Orest.
"O nein!" entgegnete Judit lächelnd, "die haben mit meinen Beobachtungen wenig gemein! Sie wissen ja, Graf Orestes, dass ich von jeher Studien der Menschen und Charaktere machte. Je älter ich werde, desto lieber und umfassender mache ich sie. Überdies gehören sie zur Bühnenkunst."
"Mir scheint aber," sagte Orestes, "dass Ihnen durch diese Studien von Jahr zu Jahr mehr 'des Gedankens Blässe angekränkelt' wird."
"Darin können Sie recht haben," sagte sie abbrechend, – und dann zu Florentin: "Wie heisst sie weiter, Ihre Lamentation um Deutschland?"
"Einst