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mit nichten!" rief der Graf ganz ausser sich. – "Das hängt von mir ab! ich nehme diese Veränderungen nicht vor. Willst Du Stamberg an Orest abtreten – gut! Willst Du die Welt umsegeln – gut! beides ist Unsinn, aber ich kann's nicht hindern. Willst Du Regina aufgeben – das ist verständig, denn sie lässt sich nicht überwinden und Zeit, Geduld und Mühe sind bei ihr verschwendet. Aber was Corona betrifft – hab' ich ein Wörtchen mitzureden. Sie heiratet binnen zwei Jahren nicht, und kehrst Du heim von Deiner Weltumsegelung, so reden wir abermals von der Sache. Weisst Du, wie sie diesen Winter genannt wurde? 'Die Krone des Bundes' nannte man sie, symbolisch, als die schönste Person in Deutschland. Warum bist Du nicht nach Frankfurt gekommen? was kalmäuserst Du auf Deinem Odenwäldischen Bergschloss mutterseelenallein sieben lange Monate? Da muss man ja mit Gewalt melancholisch werden und das Leben verabscheuen, nämlich solch ein Leben zwischen Eulen und Raben! Sei kein Tor! führe Corona nach Stamberg und Du wirst bald aus einem anderen Ton sprechen. Bist so untröstlich um Regina, dass Du zwei Jahre der Weltumsegelung brauchst, um Dich zu fassen, so segle ab und komm' vernünftig wieder. Ich bin sehr froh, wenn ich Corona noch zwei Jahre behalte."
"Lieber Onkel," sagte Uriel entschieden und eine helle Glut flog über seine Stirn, "so wahr ich ein Windecker bin, ich heirate Corona nicht! sie ist Regina's Schwester und würde mich an die geliebte Regina erinnern. Das darf nicht sein!"
Der Graf setzte sich im Lehnstuhl zurück, liess die Hände ermattet auf die Knie sinken und sagte tief niedergeschlagen zu Levin:
"Bester Onkel, haben Sie es gehört? Uriel fällt auch in einen Raptus von sublimen Gefühlen und will Corona nicht heiraten."
"Ja, es gibt noch immer zarte Herzen auf der Welt," entgegnete Levin.
"Was zarte Herzen!" fuhr der Graf auf. "Überspannte Gehirne gibt's – und die wuchern in meiner Familie! aber nun hab' ich's satt, nun schieb' ich einen Riegel vor. Diese Influenza soll nicht weiter grassieren! Corona heiratet Orest, lieber heute als morgen – so wahr i c h ein Windecker bin! Basta."
Als Uriel erfreut seine Hand küsste, wendeten sich seine Gedanken aber wieder diesem, seinem Lieblingsneffen zu, den er seit so langen Jahren als seinen Erben und Schwiegersohn geliebt hatte, und er sagte kopfschüttelnd:
"Wenn Du aber nach zwei Jahren wiederkehrst – was willst Du beginnen? Aus der diplomatischen Karriere bist Du ausgetreten, Stamberg hast Du abgegeben. Also was bist Du, was hast Du dann? Sollte ich bis dahin sterben, so bekommst Du freilich Windeck mit allem, was dazu gehört, und damit kannst Du schon in der Welt bestehen. Aber ich sollte meinen, dass ich noch so zwanzig, dreissig Jahre leben und Kinder meiner Enkel sehen könnte."
"Ich habe mir eine kleine Apanage vorbehalten, die der Besitzer von Stamberg mir alljährlich zahlen wird und die mir genügen soll."
"Du hast aber immer wie der Sohn eines reichen Mannes gelebt!"
"Ja, bester Onkel, Dank Deiner Güte. Aber – so gewiegt zu werden im Wohlleben, so aufzuwachsen in allem Behagen, so zu geniessen die Vorzüge des weltlichen Glücks – darin liegt ein Etwas, das die Entwikkelung des inneren Menschen hemmt, seine sinnlichen Bedürfnisse ins Unglaubliche steigert und seine geistigen nicht befriedigt. Nie war die Welt in einem so rasenden Rennen nach eben diesem Zustande begriffen: Glücksgüter erringen und geniessen ist ihr Ideal. Ein sehr brutales – man muss es gestehen! Darum ist sie denn auch selbst ungemein brutal unter ihrem glatten, blanken Bildungsfirniss; oberflächlich der Verstand, schwach der Charakter, trüb das moralische Bewusstsein, lahm der Sinn für Höheres, Null – das Verlangen danach. Im kläglichsten Subjektivismus zerfällt die grosse Einheit der Menschheit, wie ein toter Körper in widerliche Atome sich zersetzt. Ich habe nicht wie ein Blinder und Tauber diese letzten verhängnisvollen Jahre durchlebt. Ich hab' mich umgeschaut, ich habe aufgehorcht; ich bin da gestanden, wo es genug zu sehen und zu hören gab. Eines ist mir klar: in ihrem tiefsten Grunde ist die Welt ratlos. Sie hat die Wahrheit nicht. Hinter all' der pomphaften Prahlerei mit Civilisation und Aufklärung, mir Wissensdurst und Freiheitsdrang, mit Völkerglück und Bildungsfortschritt liegt eine ungeheuere Leere. Bildungsfortschritt? – und die Gefängnisse, die Zuchtäuser, die Strafanstalten vergrössern sich mehr und mehr, und die statistischen Tabellen weisen nach, dass diese Vergrösserung nicht Schritt hält mit der wachsenden Zahl derer, für welche diese Anstalten bestimmt sind. Völkerglück? und das Proletariat und das Elend des Fabrikwesens wächst in monströser Progression. Freiheitsbedürfnis? und Niemand will das edle Joch der Selbstbeherrschung tragen, und jeder spricht sich das Recht zu, Selbsterrscher – über andere zu sein. Wissensdurst? – ja: freche Neugier und Forschungen auf der Oberfläche der Dinge und Erscheinungen. Aufklärung? – ja: Bankrott an gesundem Menschenverstand, an Sinn für Recht und Unrecht, an klarer Einsicht und Beurteilung der Verhältnisse und entschiedene Sympatie für jede Art von Marktschreierei und Charlatanismus. Civilisation? – ja: Eisenbahnen, Telegraph, Schreibfedern, Papiergeld, Zeitungen, stehende Heere, Büreaukratie, Branntweinschenken, allgemeine Begier nach materiellen Freuden und Genüssen,