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das Geschäft vollkommen abgetan war – und das war nicht ganz leicht, weil der Impressario die Forderungen dieser unbekannten Nachtigal von Cintra übermässig hoch fand – teilte Judit den Eltern ihren Entschluss und ihre Aussichten mit und fügte hinzu, sie hoffe dadurch zu beweisen, dass es ihr nicht an kindlicher Liebe und Dankbarkeit fehle, denn für sich selbst begehre sie weder Reichtum noch künstlerische Berühmteit. Herr Miranes war gerührt und Madame Miranes entzückt, doppelt entzückt, als Judit sagte, sie sei durch eine Äusserung ihrer Mutter zur Klarheit gekommen über das, was sie zu tun habe, und danke derselben im voraus ihre Erfolge.
Da der Impressario sich nun einmal zu dem ungeheueren Wagstück entschlossen hatte, eine gänzlich unbekannte Primadonna dem Publikum vorzuführen: so tat er sein Möglichstes, um ihr einen fabelhaften Ruf von Schönheit und Genie voraus zu schicken. Den Effekt, den sie machen würde, konnte er selbst nicht ermessen, denn Judit sang in der Probe nur mit halber Stimme und spielte mit kaum halber Aktion; allein dass sie nicht Fiasko machen werde – und folglich auch nicht seine Kasse! – das stellte sich denn doch beruhigend für den geübten Beurteiler heraus. Als Desdemona trat Judit zum ersten Mal auf und so, dass der Impressario sich eingestand, sie habe ganz Recht, ihre Forderungen hoch zu spannen, und dieser Winter werde wohl der erste und letzte für Lissabon sein, da eine solche Sängerin unstreitig bald einen europäischen Ruf geniessen und auf den grossen Bühnen von Neapel, Mailand, Paris und London glänzen werde.
Judit lebte nun das Leben, welches die gefeierten Heldinnen der Bühne zu leben pflegen, bewundert, vergöttert, angestaunt, beneidet, von Kabalen und Intriguen, von Huldigung und Anbetung umringt – das glänzendste und flüchtigste inhaltlose Schein- und Schaumdasein, welches ein menschliches Wesen leben kann; zugleich auch das gefährlichste, weil es alle bösen Neigungen des Menschenherzens weckt und aufstachelt. Der Glanzpunkt einer solchen Existenz besteht darin – zu gefallen! Es heisst zwar nicht so! es heisst: durch genialische Darstellung bezaubern, durch künstlerische Vollendung entzücken. Aber darauf kann man mit Hamlet erwidern: "Worte! Worte!" Die Tatsache ist: man muss gefallen – und zwar den Augen und den Ohren der Menschen – und zwar in solcher Weise, dass sie ganz Auge und ganz Ohr und gleichsam der Sphäre der menschlichen Vernunft entrückt werden. Die vier- bis fünftausend Personen, welche ein Opernsaal fasst, müssen durch Ohrenkitzel und Augenverblendung in Wonnetaumel versinken und in einen entusiastischen Rausch auffahren, die in allerhand Extravaganzen übergehen: das ist der höchste Triumph, den man in dieser Existenz feiern kann. Auch Judit errang ihn und musste ihn erringen wollen. Ohne ihn – hätte sie ja ihre Laufbahn verfehlt. Sie musste es zu einem Gegenstand ihres ernsten Studiums machen, durch einen Blick, einen Ton, eine Stellung die elektrische Kette des Beifalls in Bewegung zu bringen. Sie musste die Falte ihres Gewandes, die Haltung ihres Kopfes, den Aufschlag ihrer Augen, ihr Lächeln, ihren Gang, alles und jedes, Grosses und Kleines, auf den Effekt berechnen, den sie hervorzurufen hatte, und musste es dahin zu bringen suchen, dass der Eindruck von Berechnung hinter dem der einfachsten Natürlichkeit verschwinde, wozu allerdings ein grosses Talent gehört. Aber weil sie es hatte, so fand sie auch Vergnügen daran es zu üben. Höchst lästig war ihr hingegen die Huldigung, die man ihr ausserhalb der Bühne darbrachte. Sie wollte durchaus ihre Person in Schatten und nur ihre Kunst in's Licht stellen. Allein bei ihrer Kunst macht die Person selbst einen wesentlichen Teil und Gegenstand derselben aus: wie der Bildhauer seinen Marmorblock, muss der Schauspieler seine Person behandeln und bearbeiten, und da Judit diesen Teil ihrer Kunst auch ausserhalb der Bühne beibehielt, so musste sie es sich gefallen lassen, auch ausserhalb derselben Huldigungen entgegen zu nehmen, die oftmals ihr stolzes Herz tief verletzten. Niemand glaubte an die kalte Gleichgültigkeit ihrer Erscheinung im gewöhnlichen Leben; einige hielten es für Koketterie, andere für Maske, noch andere fanden den Schlüssel – in einer unglücklichen Leidenschaft, die ja durchaus bei jeder Erscheinung, welche der Alltagswelt nicht klar ist, eine Hauptrolle spielen muss. Von den Verhältnissen, welche sie auf die Bühne geführt hatten, sprach sie nie. Nur gelegentlich äusserte sie einst, dass sie eine spanische Jüdin sei. Sie lebte bei ihren Eltern, erschien nie öffentlich ohne ihre Mutter, und ihr Vater trieb sein Geschäft nur nach Lust und Laune, um nicht in die Langeweile der Untätigkeit zu versinken.
Als der Winter und mit ihm Judit's Engagement in Lissabon zu Ende war, ging sie nach Amerika. Europa hatte noch nicht wieder das gehörige Gleichgewicht gewonnen, um sich für die Nachtigal von Cintra zu fanatisieren; es lag noch in den letzten Krämpfen der momentan gebändigten Revolution. Nach England hätte Judit freilich gehen können; aber sie wusste, dass sie dort als eine Berühmteit auftreten musste, wenn sie gefeiert werden wollte. Diese Berühmteit gab ihr das an der äussersten Grenze von Europa gelegene Lissabon nicht und deshalb wählte sie Amerika, das geld- und städtereiche, als den entsprechenden Schauplatz für ihre künstlerischen Grosstaten. Sie gelangen ihr über alle Erwartung. Judit trat als Opernund Konzertsängerin auf; wo keine Bühne war – oder keine, die ihr zusagte – war doch gewiss ein Saal zu finden, und das Konzert bildete sie allein. Manche hörten sie sogar am liebsten im Konzert, weil man sie dort in