highChunks/1860_von_Hahn_Hahn_162_12416.txt -- topic 71 topicPct 0.21980676055

sich selbst; der kleine genre ist auch nachgerade langweilig. Und munter sprengte er zu seiner Gesellschaft zurück. – Einige Stunden später war er mit dem Grafen in der italienischen Oper, wo die ganze haute volée beisammen war, um Desdemona's tragisches Schicksal zu bewundern und zu beweinen. Denn auf der Bühne war Judit hinreissend, voll Leben, voll Feuer, voll Bewegung, voll tiefer Empfindung und auch im Ausdruck heftiger Leidenschaft immer edel. Ihre mächtige Stimme durchdrang mit einem goldenen Glockenton den ungeheuren Raum, herzerschütternd im tiefen, gehaltenen Ausdruck grosser Schmerzen, sinnbezaubernd in den perlenden Fiorituren der Fröhlichkeit, des Glückkes, der Zärtlichkeit. Die Damen zerflossen in Tränen, die Herren erschöpften sich in Beifallssturm. Seit der Pasta und der Malibran hatte man keine solche Stimme von solchem Metall und solcher Ausbildung, verbunden mit einem so hinreissenden teatralischen Genie, in der italienischen Oper gehabt. Mit Giuditta's goldener Stimme verglichen, hatten die Sontag und die Lind nur Silberstimmen, und deren anmutiges Darstellungstalent verschwand vor den Kunstschöpfungen dieser tragischen Muse. Man erzählte, sie habe geäussert, die Desdemona mache ihr den Eindruck von Orangenblütenduft in einer italienischen Sommernacht – so viel Glut und Zarteit liege in dem Charakter. Das war genug, um einen Regen von Orangenblüten hervorzurufen, mit dem die Bühne überschüttet wurde, als Desdemona auftrat. Die krankhafte Exaltation der Zeit für Erscheinungen in der Teaterwelt hatte sich auch der kühlen, baumwollspinnenden Söhne Albions bemeistert – wenn auch nicht bis zu dem Grad von Wahnwitz gesteigert, der sich auf dem Kontinent an manchen Orten kund gab. Der Gegenstand dieser Bewunderungsexplosion blieb auch auf der Bühne stets in ruhiger Haltung – und das gefiel nur umso mehr. Die Schicksalswendung, welche Judit getroffen hatte, war nicht geeignet, um ihr Welt und Menschen in einem lieblichen Lichte darzustellen. Der gänzliche Umsturz seiner glänzenden Verhältnisse hatte Judits Vater geistig entkräftet. Er fühlte sich ausser Stande, noch einmal – und zwar bei sechzig Jahren – das Riesenwerk des Reichwerdenwollens von vorn wieder anzufangen. Madame Miranes, die ihr Leben lang nichts anderes getan, als Geld ausgegeben hatte, war eine Ausnahme unter den Töchtern ihres Volkes, verstand nichts von Geschäften, von Einschränkung ihres Luxus, von einem Leben nach ganz niedrigem Massstab der Finanzen, und anstatt ihrem Mann seine traurige Lage tragen zu helfen, erschwerte sie ihm die Last. Judit stand zwischen dem kraftlosen Vater und der verzweiflungsvollen Mutter, ganz bereit, ihn zu unterstützen und sie zu trösten, denn der Verlust des Vermögens und der damit verknüpften gesellschaftlichen Stellung berührte sie nicht tief. Sie war noch jung genug, um zu wähnen, dass man auch ohne das zur Geltung gelangen könne, und es war ihr ungemein schmerzlich, dass sich die Klagen ihrer Eltern hauptsächlich um das Unglück drehten, welches die Aussichten der Tochter betroffen habe. Die Familie ging nach Bordeaux, Vaterstadt der Madame Miranes, wo ihre Brüder, zwei wohlhabende Männer, lebten. Mit der Bereitwilligkeit, Verwandten fortzuhelfen und zu dienen, welche sich nicht immer in christlichen Familien findet, boten beide Schwäger dem Herrn Miranes die Mittel, um einem befreundeten Hause in Lissabon sich anzuschliessen. Dies war nun freilich eine ganz beschränkte und untergeordnete Lage im Vergleich zu der früheren; allein Madame Miranes war herzlich froh, der Heimat zu entrinnen, wo sie unaufhörlich an den entschwundenen Glanz ihrer Vergangenheit erinnert wurde; und Herr Miranes fühlte nur zu gut, dass ihm nicht mehr die energische Tätigkeit früherer Jahre zu Gebote stehe, um nicht mit dem beschränkten Spielraume zufrieden zu sein. Allein das Glück war ihm nicht mehr hold. Die Geschäfte dieses Hauses nahmen keine günstige Wendung, Herr Miranes kränkelte mehr und mehr, Madame Miranes langweilte sich mehr und mehr; Judit litt für ihre Eltern. Für sich selbst wäre sie recht glücklich gewesen! Sie bewohnten ein kleines Landhaus in den Citronenhainen von Cintra, das in seiner poetisch bezaubernden Wildheit vier Stunden landeinwärts von Lissabon an die schroffen Felsenausläufe der Gebirge von Estremadura sich lehnt. Judit erkletterte diese Felsen, durchstreifte diese Bergabhänge voll Kastanienwälder, diese Ebene voll Citronenhaine, wo sich so wenig Spuren von Kultur und Civilisation finden, und die Natur noch so ungestört einen ursprünglichen Stempel von wilder Schönheit und melancholischer Poesie trägt. Aber gerade das, was ihr gefiel, verabscheute ihre Mutter. Madame Miranes begehrte von der schönen Natur nichts weiter, als einen macadamisierten Weg. um spazieren zu fahren – und den gab es nicht zwischen Cintra und Lissabon, vielleicht nicht in ganz Portugal. Was lag ihr an malerischen Bergpartien, die man zu Fuss oder zu Esel mühselig aufsuchen muss! Auch ihr Landhaus war weit entfernt von der Eleganz ihrer Frankfurter Villa, war fast ärmlich eingerichtet. Die pyrenäische Halbinsel hat das Glück, mit dem erdrückenden K o m f o r t des Lebens noch nicht behaftet zu sein, der wie ein Alp auf Mitteleuropa lastet und es entnervt. Wo die materielle Bedürftigkeit eine so ungeheure Bagage mit sich schleppt, da müssen höhere Bedürfnisse vorkommen. Das soll nicht heissen, als würde diese auf der pyrenäischen Halbinsel besonders gepflegt; dass es nicht geschieht, hängt mit anderen Gründen zusammen, namentlich mit dem einen, dass die halbe und oberflächliche Bildung gewisser Klassen verkehrten Fortschrittsideen die Oberhand gibt, und dadurch eine Revolutionsphase nach der anderen herbeiführt. Unter manchem Druck, der von England ausgeht, schmachtet die pyrenäische Halbinsel; allein die Bürde des englischen Komfortes belastet sie noch nicht – und ach! wie sehr seufzte Madame Miranes gerade danach! – Judit wurde angesteckt