highChunks/1860_von_Hahn_Hahn_162_12412.txt -- topic 71 topicPct 0.226586103439
von der italienischen Oper, wo Du sie fast täglich sehen könntest," sagte Orest.
"Da bewundere ich ihre Nerven beinahe noch mehr als ihre Schönheit!" rief der Graf. "Tag für Tag gegen Mitternacht italienische Oper – das prästiere ich nicht!"
"Du bist auch keine Primadonna mit einem horrenden Gehalt für die Dauer der Season."
"Ist sie die Primadonna der italienischen Oper?" rief Regina. "Sie – Judit Miranes!"
"Ob sie Judit Miranes heisst, weiss ich nicht," erwiderte Orest; "aber hier ist sie schwarz auf weiss zu lesen."
Er suchte das Tagesblatt, in welchem die verschiedenen Schauspiele angezeigt waren, und las:
"Also heute Otello, der Mohr von Venedig. Da ist sie! Desdemona – gesperrt gedruckt: Signora Giuditta. Eine göttlichere Desdemona gab es wohl nie. Die und die Norma sind ihre Hauptrollen. Nun, Regina, warum siehst denn Du so betrübt aus? war sie etwa Deine Pensionatsfreundin im Sacré Coeur?"
Regina schwieg mit beklommenem Herzen, und der Graf erzählte, was er von Judit und ihren Eltern wusste.
"Menschenschicksal!" versetzte Orest äusserst gleichgiltig.
"Jetzt gehe ich aber gewiss in die italienische Oper!" rief der Graf. "Wollt Ihr nicht alle mitgehen?"
"Ich gewiss nicht," sagte Regina traurig.
"Ach geht doch alle mit," bat Orest, "Ihr werdet entzückt sein."
"Ist denn diese Oper so besonders schön?" fragte Corona mit leiser Neugier.
"Versteht sich! das Libretto ist nach der Tragödie von Shakespeare bearbeitet."
"Ach erzähle doch etwas, lieber Orest, bitte!"
"Die Sache ist in Kürze so: Die Republik Venedig hat einen heroischen Feldherrn, der Otello heisst und ein Mohr ist. Die Dogentochter Desdemona fasst eine so heftige Leidenschaft für ihn, dass sie über den Fluch ihres Vaters, der keinen schwarzen Schwiegersohn haben will, sich hinwegsetzt und Otello heiratet. Der Mohr liebt nun seine schöne Desdemona auf gut afrikanisch, d.h. mit einer tüchtigen Dosis Eifersucht gemischt; und als er den falschen Verdacht auf sie wirft, dass sie einen andern liebe, lässt er sich vom Satan blenden und ermordet die unschuldige Desdemona. Es ist furchtbar ergreifend, wie sie zuerst den Fluch des Vaters und dann den Dolch des Gemahls von sich abzuwehren sucht!"
"Nein!" rief Corona, "solche Entsetzlichkeiten mag ich nicht sehen. Ich würde mich halbtot ängstigen und halbtot weinen und die schauderhaften Szenen gar nicht aus dem Gedächtnis bringen. Wie kann man an solchen Vorstellungen Vergnügen finden."
"Wohlan, Papa, so gehen wir allein und bewundern allein die Vereinigung der dreifachen Kunst Shakespeare's, Rossini's und Giuditta's – eine Vereinigung, welche meine sublimen Cousinen doch zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit gelten lassen sollten."
"Lieber Orest," entgegnete Regina mit ihrem schönen Lächeln, "Du bist zu gut erzogen, um nicht zu wissen, dass sich solche Spässe in unserem Kreise nicht schicken. Mässige also den Ausdruck Deiner extatischen Bewunderung."
"Liebenswürdigste Königin," rief Orest entzückt und glitt graziös auf ein Knie vor ihr; "Du bist immer perfekt! Wenn alle Damen einen dummen Spass so beantworteten, wie Du, bei Gott! wir würden keinen zweiten machen. Gewöhnen wir uns dergleichen an, so ist das wahrhaftig Eure Schuld, denn Ihr könnt es uns abgewöhnen. Wie beneidenswert ist Uriel, unter ein solches Pantöffelchen von Sammt und Perlen zu kommen."
"O," sagte Regina unbefangen, "Uriel ist selbst so perfekt, dass er das gar nicht nötig hat."
"Aber nun hört auch meine Neuigkeit!" sagte Orest. "Ihr habt im Kristallpalast eine Salonbekannte als Opernsängerin wiedergefunden; aber wem bin ich begegnet? ratet."
"Nein," sagte die Baronin Isabelle, "da könnte man die halbe Welt der Bekannten durchraten! Sag' es uns."
"Ich begleitete also die Giuditta und ihre Mama auf ihrer Wanderung und machte dabei die schmeichelhafte Bemerkung, dass das Töchterlein etwas weniger wortkarg als gewöhnlich war."
"Ist sie das noch immer?" fragte teilnehmend Regina.
"In einer Weise, die noch nicht da gewesen ist!" versicherte Orest. "Deinem charmanten Cousin gelang es aber, ihr einige zusammenhängende Worte zu entlocken."
"Mein charmanter Cousin," erwiderte Regina lachend, "ist wirklich recht bescheiden – für einen fat!" –
"Nun, wem bist Du begegnet?" fragte ungeduldig der Graf.
"So geleitete ich sie zum Wagen. Als eben der Schlag geschlossen wird und ich mit vieler Grazie meinen letzten Kratzfuss mache, schlüpft eine Gestalt an mir vorüber, die ich sogleich erkenne und die auch mich erkennt – denn sie wendet ihr Gesicht ab und drängt sich in einen Menschenknäuel hinein, der sich dem Eingang zuwälzt. Ich springe vom Wagen zurück und mitten unter die Menschen und schreie aus Leibeskräften: Halt! halt! Alles stäubt entsetzt auseinander, man denkt, ich setze einem Taschendiebe nach. Eine Miss mit ellenlangen blonden Locken machte Miene, sich in Ohnmacht vor Schreck legen zu wollen. Mir einerlei! Wie ein Tiger auf seine Beute springe ich auf die Gestalt zu, die sich trotz des Tumults rund umher gar nicht umschaut und nur vorwärts eilt. Aber ich nach, und halte