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um Waffen bitten für die Freiheiltskämpfer der Einheit Deutschlands? Er fand das sehr erhaben; der Graf selbst musste, trotz reaktionärer Gesinnung und ultramontaner Umgebung, für Schleswig-Holstein Sympatien haben und die Freischärler mit offenen Armen empfangen, das war ja gar nicht anders möglich. Heroisch wollte er den Zug nach Windeck führen. Der Steinwurf, den ein roher Gesell aus dieser Schar abends zuvor, als er von Ferne einen Priester erblickte, auf Levin warf, verstimmte Florentin auf's äusserste, denn im unglücklichen Falle wäre das ein Meuchelmord gewesen – und damit wollte er nichts zu tun haben. Als er nun gar die Abwesenheit des Grafen erfuhr, wäre er am liebsten wieder umgekehrt; denn vor wem sollte er seine gracchische Rede halten? Doch Umkehr liessen seine Kameraden nicht zu; sie wollten nicht unverrichteter Sache abziehen und Florentin blieb, um den Ausgang derselben zu überwachen. Als aber Regina erschien, versenkte er sich in die tiefste Dunkelheit und überliess einem anderen das Wort. Der Moment war doch nicht grossartig genug, um vor ihr in der vollen Würde eines Volkstribuns auftreten zu können. Vor dem Grafen schon eher! aber vor ihrem klaren, unbestechlichen Auge – nimmermehr! Wie er sie da sah auf dem Perron, so unaussprechlich edel in ihrer Ruhe, so umflossen von einer Sphäre von Licht fielen ihm als schneidender Gegensatz Frauen ein, die er an Barrikaden gesehen hatte, in karikierter Begeisterung und verzerrter Leidenschaft. Unwillkürlich musste er sich eingestehen, dass jene Freiheitsheldinnen einen widerwärtigen Eindruck neben dieser Vertreterin der Reaktion machten. Er war froh, als der Rädelsführer den Abmarsch antrat und fest entschlossen, einen zweiten Zug gen Windeck nicht mitzumachen. Die brutalen Bemerkungen seiner Kameraden über Regina und ihre Schönheit machten alles Blut in seinen Adern vor Zorn kochen; aber was war da zu tun? – nichts, als in der Liebe für die Volksfreiheit alles Missbehagen zu ersticken. In der dunkeln Lindenallee kehrte sich Florentin nach dem Schloss um, das mit seinen abendlichen Lichtern so friedlich und heimlich da lag, als ob weder Revolution noch Freischaren in der Welt wären; und der schöne Löwe am Tor, gegen den so eben der grimmige Steinwurf geschah, liess sich auch gar nicht stören auf seinem Pfeiler und hielt seine Wache fort. Da dies sich nun alles so entsetzlich aristokratisch ausnahm und Regina, das versöhnende Element, aus dem Bilde verschwunden war, so fühlte sich Florentin wieder in seinem Gleichgewichte, d.h. in seinem Hass gegen traditionelle Vorurteile, Kastengeist etc. und grimmig hob er einen Stein auf, um ihn seinerseits gegen einen der stolzen Löwen zu schleudern. Aber er liess ihn fallen und murmelte für sich: Grosstaten der Gassenbuben? – pfui, Florentin! –
Am dritten Tage kam der Graf zur grössten Freude der Seinen wieder aus dem Odenwalde zurück, beruhigt über das Befinden seiner Mutter – und ebenso über den Zustand der Besserung, worin er den Onkel Levin antraf. Natürlich wurde ihm gleich von allen Seiten der Freischarenbesuch mitgeteilt.
"Wer weiss, ob ich mich so ruhig benommen hätte wie Regina," sagte der Graf liebreich.
"Drum hat es der liebe Gott gerade s o gefügt!" rief sie munter und küsste seine Hand.
"Hattest Du denn gar keine Furcht dem wüsten Gesindel gegenüber, das Dich durch Wort oder Tat hätte beleidigen können?"
"Nein, gar nicht," sagt sie.
"Und hattest niemand, um Dich zu beschützen?"
"O doch!" rief sie, zog ihren Rosenkranz hervor, küsste das kleine Kruzifix mit dem Partikel vom wahren Kreuz und setzte hinzu: "Im Schutz des Kreuzes bin ich gefeit."
"Das ist ein Glaube, der Berge versetzt," sagte der Graf.
"Und der die Welt überwindet," bemerkte Ernest. –
Das Befinden der Baronin Stamberg wurde besprochen, und als der Graf beklagte, dass sie keine andere Pflege als von Dienerinnen habe, erbot sich Regina sogleich, zur Grossmama zu gehen.
"Kind, Du bist allzu vollkommen, das ist auch eine Art von Unvollkommenheit!" sagte der Graf unmutig, der durchaus nicht gewillt war, sich der Gesellschaft seiner Tochter zu berauben.
"Um's Himmelswillen nicht!" flehte die Baronin Isabelle. "Im Badischen hausen die Freischaren und könnten einmal Stamberg überfallen."
"Nun, wegen der bekannten Freischarenbravour könnten sie dort wohl bald ausgehaust haben," bemerkte Ernest.
"Vor der Hand ist nicht daran zu denken," sagte der Graf. "Ich kann doch unmöglich ganz allein bleiben? Die Buben sind fort – nun soll ich auch meine Regina fortschicken? Nein, daraus wird nichts."
Die Buben, wie er sie nannte, machten freudig den Feldzug in der Lombardei mit. Uriel schrieb fleissig, und die Siegesnachrichten von jenseits der Alpen lichteten die trüben Zustände diesseits derselben.
"Mailand hätten wir wieder!" rief der Graf froh. "Jetzt nur auch bald Wien."
"Wird schon kommen!" entgegnete Ernest zuversichtlich.
"Ach, aber der heilige Vater!" sagte Regina beklommen. "Das undankbare Rom misshandelt sein mildestes Herz – und wer weiss, ob ihn die Revolution nicht verjagt oder Schlimmeres noch begeht."
"Daran sind die Stellvertreter Christi gewöhnt," bemerkte Levin. "Vom ersten Apostelfürsten an, der auf dem Janikulus kopfabwärts gekreuzigt wurde und dessen dreizehn erste Nachfolger sämtlich den Martertod für den katolischen Glauben fanden – bis zur heutigen Stunde