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" entgegnete Levin. Die Sybilla persica Ein Fluss, der könnte mancherlei erzählen von den Dingen, die er in seinem rastlosen Laufe durch die Zeit und den Raum an seinen beiden Ufern wahrgenommen hat, und seine murmelnden Wellen bewegen sich so geheimnisvoll wie Lippen, die ein Zauberbaum geschlossen hält. Welch ein Wechsel von Bildern aus dem Natur-, dem Völker- und dem Menschenleben spiegelt sich in seiner Flut. Die Weltgeschichte und die Jahrtausende rollen sich neben ihm auf und ab. Welch ein Kontrast, wie der Main aus den rauschenden Wäldern und den dunkeln Felsenschluchten des Fichtelgebirges in die grünen Wiesen des Frankenlandes und dann in dessen Rebenhügel sich hinein windet, an alten ehrwürdigen Städten mit feierlichen Domen, an herrlichen Ruinen gebrochener Abteien, an Dorf und Schloss, an Kloster und Kapelle vorüber, die alle, alle, ihre Geschichte haben, und oft eine recht traurige! bis er sich flach und matt, wie lebensüberdrüssig, dem ehemals "goldenen Mainz" gegenüber in den Rhein gehen lässt, der ihn in rascher Strömung dahinreisst. Ehe es so weit mit ihm kommt und nachdem sich Kloster Engelberg und Schloss Windeck längst nicht mehr in ihm spiegeln, fliesst er an Frankfurt vorüber, der alten Stadt der Kaiserkrönung, und an einem schönen Garten im englischen Styl, in dessen Mitte eine elegante Villa liegt. Die Stürme des Spätjahres hatten die Gesträuche bereits entblättert und die spärliche Belaubung der Bäume in kupferfarbene Schattierungen gefärbt. Die Rasenplätze waren durch die eisigen Herbstnebel und Nachtfröste bräunlich geworden und von den Massen der Blumen, die auf ihnen in tausend Farben geprangt hatten, war nichts übrig geblieben, als hie und da eine vereinzelte halberfrorene Georgine. Im Hause selbst war es aber sehr freundlich. Die Blumen, die im Garten fehlten, standen in Fülle in den Zimmern und in den Kaminen glimmte behagliches Feuer. An den Wänden hingen einige schöne Gemälde; auf den Tischen lagen Litographien, englische Stahlstiche, Journale, die Tagesliteratur Deutschlands, Frankreichs und Englands. Totenstille herrschte im Hause. Die Besitzerin war in die Stadt gefahren, der Salon leer und leer die Zimmer rechts und links. Endlich im letzten Gemach sass ein junges Mädchen, die Tochter des Hauses, die Tochter des spanischen Banquiers Miranes, der mehrere Jahre in Paris gelebt und sich jetzt hier niedergelassen hatte. Das junge Mädchen sass gedankenvoll mit untergeschlagenen Armen vor einer Staffelei, auf der ein herrliches Gemälde, ein Frauenbild in orientalischer Tracht, aufgestellt war. Sie betrachtete aufmerksam das Gemälde. Welch ein Auge! sprach sie zu sich selbst; und welch ein Blick! ein Blick, der alles zu wissen scheint und doch ist er traurig. Wär' ich allwissend .... ich wollte nicht traurig sein! – Sie war allerdings das Bild der Melancholie. Ihre Züge waren von jener edlen regelmässigen Schönheit, die man an den antiken Statuen bewundert und jener tief tragische Hauch, welcher der Antike ganz eigentümlich ist – von jener Sphynx an, im Sande der ägyptischen Wüste, zu Füssen der Pyramiden, bis zu jener Psyche, die in ihren Bruchstücken eine Perle des Museums zu Neapel und der griechischen Kunst ist – lag auch auf ihren Zügen. Dieser tragische Hauch der Antike gibt ihrer Schönheit, die oftmals herbe erscheinen könnte, einen grossen Reiz: sie weckt Sympatie in jedem Menschenherzen, das, seiner Natur nach, durch stille Trauer gerührt wird. Die ganze antike Welt, mir ihren Heroen und ihren Göttern, steht unter der Signatur des Todes: sie ist unerlöst! Wie sollte sie nicht traurig sein? traurig durch jene Melancholie, die unbestimmt ein höchstes Gut ahnt und es nicht zu finden, ja nicht einmal zu suchen weiss. Und eine Unerlöste war auch diese schöne, schwermütige Judit Miranes: sie war Jüdin. Aus ihrem Nachsinnen erhob sie sich mit einer ungeduldigen Bewegung, sah nach der Uhr und murmelte unmutig: Schon halb eins! ob der Ernest heute nicht kommen wird? ich wüsste gar gern, was dies für ein Bild ist! – Sie stand auf, zog graue Vorärmel an, rückte eine zweite Staffelei herbei, auf der ein Rahmen mit Leinwand überspannt sich befand, nahm ihre Palette, Pinsel, Zeichenstift hervor und hatte alles in Bereitschaft gesetzt und wohl zwanzig Mal nach der Uhr geschaut, bis endlich ein Diener die Türe öffnete und der Erwartete eintrat. Es war ein ältlicher Mann, in einem sehr abgetragenen Rock, mit einem äusserst wohlwollenden Gesicht, in welchem nichts Ungewöhnliches war, als ein ungemein klares Auge und eine sehr zart ausgearbeitete Stirne. Judit sagte stolz und hart, und ihr Ausdruck war nicht mehr schwermütig, wohl aber hochfahrend: "Sie haben mich lange warten lassen, Herr Ernest." "Grüss Sie Gott, mein Fräulein! Verzeihung, wenn ich Sie warten liess," antwortete er höchst unbefangen. "Sie hätten sich beschäftigen sollen, dann würden Sie ein Stündchen früher oder später gar nicht bemerken. Nun, wie gefällt Ihnen mein Gemälde?" Mit beiden Händen in den Rocktaschen pflanzte er sich vor demselben auf und betrachtete es vergnügt. "Es ist wunderschön," sagte Judit, "und auch wunderschön gemalt. Aber wen stellt es vor?" "Es ist eine Kopie der berühmten Sybilla persica von Guercino, deren Original sich im Kapitol zu Rom befindet." "Wer war die Sybilla persica?" "Die Sibyllen waren, wie man sagt, hehre Frauen des Altertums, die unter den Heiden den Platz der Propheten im Volke Israel einnahmen und