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ein Schnippchen schlagend, mit Einer seiner Töchter zu teilen? Diese Olga müsste es doch nun sein, die mir diese Dummheit möglich machte! Sie ist sechszehn Jahre. Von siebzehn könnte sie mein Weib werden. Auf Paulowna kann ich doch nicht mehr warten. Wahrlich, es ist verletzend! Parbleu, so beurteilt zu werden! So beim besten Willen en coquin behandelt! Diese kleine Amazone! Wenn man Das so liest, so vorgelesen bekommt, denkt man sie sich bei alle Dem allerliebst. Es ist die neuromantische Emancipationsteorie, aber ein gutes Herz liegt doch zum Grunde. Diese Liebe zum Vater rührt mich. Wäsämskoi war ein Pedant, aber ein edler Mensch. Wenn Adele, seine Gattin, so kalt und indifferent fühlte, wie Olga beschreibt, tut er mir leid, der brave, gute Alexei! Ich könnte die Frau hassen und gestehe Ihnen, ich bin ganz portirt für meinen kleinen italiänischen Deserteur ...
Trotz dieses abscheulichen Briefes? sagte Rudhard, gerührt von Dystra's gutmütigem Humor, für den ihm eigentlich das Verständniss fehlte.
Trotz dieses Briefes, an dem mich nur Wunder nimmt, dass sie meinen glücklicheren Nebenbuhler, den Maler Siegbert Wildungen nicht erwähnt.
Es kommt noch! ergänzte Rudhard diesen Einwand, der den Beweis gab, dass man im Hause der Fürstin so aufrichtig gewesen war, die Existenz Siegbert's nicht zu verschweigen. Aber wohl nur Rudhard war es gewesen, der Siegbert in Beziehung auf Olga erwähnt hatte. Die Fürstin wäre dieser Selbstüberwindung nicht fähig gewesen.
Ich will den Kelch zu Ende schlürfen, sagte Dystra ernster und setzte sich.
"Der gute Vater umschwebt mich oft wie im Traume", las Rudhard, "und sagt zu mir: Olga, vergib, ich glaubte, du wärst herzlos wie deine Mutter! Du würdest Den zum Gatten wählen, den du nicht kennst, nicht liebst."
Gegen die Mutter ist Das ein wirklicher Hass! bemerkte Dystra kopfschüttelnd.
"Und ich sage ihm im Traume: Lass mich Den wählen, Vater, den meine Seele liebt! Und sein Bild verdüstert sich vor Gram, dass sein hinterlassenes Weib, die Witwe Alexei Wäsämskoi's, den Jüngling lieben kann, den sein Kind liebt! O Rudhard, sage Das meiner Mutter! Sage ihr, dass es einen Gott im Himmel gibt, der sie strafen wird! Der Herr richtet die Schuldigen. Was ist mehr eine Todsünde, die Niemand vergeben kann, als wenn ..."
Les sept péchés capitaux! unterbrach Dystra. Nun springt sie in Eugène Sue über!
"Als wenn eine Mutter ihrem eignen Kinde ihr Kleinod raubt! Ich weiss es, mein Treuer flieht sie, wie ich sie geflohen bin! Sein Segen folgt mir, seine Liebe begleitet mich. Ich will mich bilden, ich will an den heiligen Quellen Italiens schöpfen, dass ich mich erfülle mit der hohen Wissenschaft der Kunst, die er liebt, um seiner würdig zu sein. Ich lese Bücher der Poesie, aber auch Schriften der Prosa und verweile bei Allem, was zu wissen merkwürdig ist. Ich zeichne mir die schönen Gebäude ab und erkundige mich nach Allem, was in einer Stadt lehrreich zu sehen ist. Auch frag' ich alle Menschen an jedem Ort, ob sie gut und glücklich leben können und welche Früchte bei ihnen wachsen ..."
Was? rief Dystra. Das noch einmal! Sie fragt Jeden, welche Früchte bei ihm zu Lande wachsen? Das Mädchen gibt entweder eine Närrin oder ein Ideal.
"Von Italien aus, Papa, schreib' ich dir wieder. Wir reisen nun über die Alpen. Wir sind immer allein. Nur die Bedienten und die beiden Mädchen. Tante will gar keine andre Gesellschaft. Nur über die Alpen wird es uns recht einsam vorkommen. Aber wir haben Mut und wenn er uns manchmal entsinkt, umarmen wir uns und sind wieder neugestärkt. Leb' wohl, Papa! Denke zuweilen über mein Glück nach! Grüss' unser liebes Gärtchen, das jetzt schon recht welk und kahl aussehen wird! Grüsse den garstigen Sensenmann auf deinem Zimmer, der uns ewig zugerufen hat: Du musst sterben, deine Stunden sind gezählt! Aber noch leben wir. Erst Neapel sehen und dann sterben! Deine Olga Wäsämskoi."
Kein Postcript? bemerkte Dystra kopfschüttelnd und satyrisch.
Wohl, sagte Rudhard und las, während Dystra einschaltete: Doch ein Frauenzimmer!
"Wenn ich sage, dass ich dich hasse, Papa, so brauchst du Das nicht so ernst zu nehmen. Es ist keine Gefahr dabei. Aber dem Baron und der Mutter verschweige nichts. So lange sie mein Herz bedrohen, kehr' ich nie zurück und sollt' ich betteln gehen und vor den Häusern singen. Das sage ihnen!"
Oder Kunstreiterin werden oder auf dem Seile tanzen oder an dem ersten besten Pariser Lion in einer Mondnacht in Fraskati zu Grunde gehen!
Dystra's schmerzlicher Ton und seine ernste Miene bestätigte, was Rudhard fühlte, dass hier in der Erziehung ein Versehen begangen war.
Rudhard überreichte Dystra den Brief und legte ihn, da dieser ihn nicht nehmen wollte, auf den Tisch.
Was ist da zu tun?
Ich habe, begann Rudhard, das Buch der Wahrheit vor Ihnen aufgeschlagen, gleich als Sie kamen. Ich sagte Ihnen von Siegbert Wildungen, von der Mutter, von Olga's schnellentzündetem Kinderherzen. Helene hat alle Dem, was in dieser leidenschaftlichen Natur schlummert, den