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ist Sklavin der männlichen Willkür, wie der Mann es sein sollte der weiblichen Caprice. Es muss einen normalen Zustand geben, sagte ich mir, der, unberührt von der Civilisation, eine naturgemässe Position der Geschlechter gegeneinander zeigt; in diesem normalen Zustande allein kann sich der Culminationspunkt der Liebe präsentiren. Es lag in meinem Charakter neben aller Eleganz der Weltfrau ein gewisses sauvages je ne sais quoi, das mir immer die Cooper'schen, wohlgewaschenen, durch die Liebe dressirten, nobeln Wilden interessant gemacht hatte. Ich glaube nicht daran, dass sie ausgestorben seien; ich hoffte noch einen Descendenten dieser edlen Race zu entdecken, ich ahnte, in ihm könne ich den Rechten finden. Wie ein Lichtstrahl fiel dieser Gedanke in meine Seele. Ich rayonnirte von der animirenden Hoffnung und rief den Fürsten, um ihm meine Ideen mitzuteilen. Als der Fürst aufstand und mich erblickte, sagte er, ganz bewildert von dem neuen Leben, das aus der sammetweichen Iris meines Auges strahlte: "Aber, meine Gräfin! was haben Sie begonnen, Sie sehen aus, als hätten Sie aus dem Quell der Jugend getrunken, Sie sind wieder die blendende, fascinirende Diogena, die ich zuerst in Baden-Baden erblickte. Das sind nun doch fast ein zehn Jahre her." Das Entzücken des Fürsten freute mich, aber seine letzte Aeusserung machte mich pensive. Zehn Jahre! ein Decennium rastloser, vergeblicher Anstrengungen – O, welch ein trauriges Loos war mir geworden! Ich gestand mir, dass ich sieben und zwanzig Jahre alt, dass ich nicht fern von der äussersten Grenze der Jugend sei. Das decidirte mich, um so schneller an die Realisirung meines Planes zu gehen. Ich setzte ihn dem Fürsten auseinander, er hatte Capacität genug, ihn zu begreifen, obgleich er ihm nicht vollkommen angenehm war. Indessen mir zu folgen, war seine Vocation, wir erkannten es Beide dafür und liessen die Kameele am nächsten Morgen auf der Strasse nach Kairo retourniren. Wir durchflogen Meere und Länder, Nichts reizte mich mehr, ich hatte ja schon Alles gesehen, und oft kam mir Lord Ermanby's Ausspruch in den Sinn, "man kann ja nicht immer wieder von Neuem anfangen zu bewundern." In kürzester Zeit erreichten wir Deutschland und den Rhein. Die Anwesenheit eines Monarchen hatte die ganze schöne Welt an seinen Ufern versammelt. Eines Tages sassen wir in Koblenz an der table d'hôte, der Fürst und ich. Plötzlich sehe ich den Erstern erbleichen und höre, wie er sich bei dem Kellner erkundigt, ob keine andern Plätze für uns zu haben wären. "Und was misfällt Ihnen an diesen, lieber Fürst?" fragte ich graziös lächelnd. "O, ich meine wegen des vis-à-vis!" entgegnete er verlegen. Ich nahm mein Lorgnon und blickte hinüber, da sass Graf Bonaventura, mein Mann, mit Aurora Elsleben, die er geheiratet hatte, wie ich wusste. Bonaventura schien überrascht und bewegt; Aurora war in sichtlicher Unruhe, man sah Beiden die Emotion ihres Innern an. Mich liess es ganz kalt. Ich dachte an das Begegnen von des Fürsten Mutter, Gräfin Cornelie, mit ihrem frühern Geliebten Lenor Brand, und richtete mein Lorgnon, als ob es gleichgültige Bekannte wären, freundlich grüssend, fest auf die mir Gegenübersitzenden. Und in der Tat, was ist uns ein Mann, den wir nicht mehr lieben? Warum haftet man an Impressionen des Herzens mit so ridiculer Consequenz? Männer sind für Frauen meines geistigen Ranges Mittel, sich durch die Langeweile des Lebens zu kämpfen. Wer aber ist töricht genug, ein Ding festalten zu wollen in der Pietät des Andenkens, das ihm Nichts mehr ist, weil er einmal glaubte, es könne ihm Etwas sein? Dies sind Schwächen kleinlicher Naturen, die mir vollkommen fremd sind. Das Ehepaar war nicht auf dieser Seelenhöhe. Sie hielten kaum die Hälfte des Diners aus und entfernten sich. Der Fürst atmete auf. "Meine Gräfin!" sagte er, "wie froh bin ich, dass der Graf sich entfernte, ich litt für Sie." "Zu gütig!" rief ich lachend, denn ich befand mich vortrefflich und hatte niemals bessern Appetit. "So quälte Sie die Anwesenheit Ihres Mannes nicht?" "Sie war mir lästig, als er noch mein Mann war, jetzt ist sie mir indifferent. Lernen Sie doch endlich die Göttlichkeit meiner Natur begreifen. Ich behalte Alles, was mir schmeichelt, ich ignorire Alles, was mir unbequem ist. Ich lebe nur im Moment, und die Vergangenheit versinkt spurlos in die Eisschluchten meiner immensen Seele, wie die unglücklichen Bergersteiger in den Eisspalten der Gletscher. Das ist der Vorzug einer immensen Seele." "Und das wird auch mein Loos sein?" fragte der Fürst. "O, gewiss! wenn ich Sie nicht mehr brauche, wenn ich einen Remplaçant für Sie habe, ohne Zweifel!" rief ich mit entzückender Naivetät. Der Fürst schien nachdenklich, aber ein süsser Blick meiner sammetweichen Augen verscheuchte seine Launen und er blieb wie immer befriedigt unter dem Lächeln meiner Huld. Wir fuhren den Rhein hinab und schifften nach London über, wo wir einen längern Aufentalt machen mussten, uns für die projectirte Excursion nach Nordamerika zu arrangiren. Ich kaufte eine neue Equipage, auf deren Türe statt des Wappens mein Emblem, die trostlose Wüste, gemalt war. Oben über dem Wagen war von Gold die Laterne des Diogenes, meine Laterne