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zu bemerken schien, dass ich wirklich irritirt sei, "wie oft hast Du an meinem Herzen geschlummert und welch ein Glück ist mir das gewesen. Mit welch andächtiger Liebe habe ich Dein Köpfchen an meine Brust gedrückt und die sanften Atemzüge Deiner Lippen belauscht; wie kannst Du zürnen, wenn ich einmal ausruhe an dem Herzen meines Weibes! Du törichtes, liebes Kind!"
Friedrich wollte mich umarmen, aber ich liess es nicht zu. "Ich mag wohl unverständig sein, lieber Friedrich!" antwortete ich, "aber ich will Dir bekennen, dass mir unsere ganze Lebensweise anfängt au suprême degré zu misfallen. Wir kommen ganz in die bequemen Alluren der Ehe hinein, das ist ein Horreur. Du tust, als hättest Du positive Rechte an mich –
"Diogena!" rief Friedrich, "und habe ich die nicht?"
"Und wodurch?"
"Du redest irre, Diogena!" rief Friedrich und fasste meine Hand. "Wodurch? Und bist Du nicht mein Weib? Hast Du nicht liebend Dich mir zu eigen gegeben mit heissen, flammenden Worten? Bist Du nicht mein gewesen seit fast zwei Jahren, mein ganz und gar, so dass ich des Kirchenbundes nicht mehr begehrte, weil ich es empfand, es konnte dessen nicht mehr bedürfen? Ich liebe Dich, ich bin Dir eigen mit Seele und Leib in treuster Hingebung und Du kannst fragen, wodurch ich ein Recht habe an Dich? Du kannst das fragen, das liebende Weib?"
"Friedrich!" sagte ich – und zum ersten Mal im Leben empfand ich einen tödtlichen Schmerz bei diesen Worten, denn ich wusste, dass ich ein vergiftetes Stilet drücke in sein Herz – "Friedrich! ich mag Dich nicht täuschen, ich liebe Dich nicht mehr!"
Er erblasste, trat einige Schritte von mir zurück und stand da in starrer Versteinerung. "Kann man denn aufhören zu lieben?" sagte er, wie Jemand in wüstem Traume nach dem Unmöglichen fragt – "kann man denn aufhören zu lieben, was man geliebt hat, wie ich Dich?"
"O," rief ich, "ich glaube, ich habe Dich niemals geliebt. Vergib mir, mein Friedrich! Du weisst es, ich kann wohl nicht lieben. Du kennst das Herz, das anatomische Herz in seinen geheimsten Verzweigungen, mein Herz ist Dir ein Mysterium geblieben, es ist aber unergründlich, Dir, mir selbst ein Rätsel. Du hast gewähnt, Deine Liebe, eheliches Glück könne mir genügen, aber –, mein Friedrich, ich bin ja kein gewöhnliches Weib, keine gewöhnliche Frauennatur. O! ich wusste es wohl, als ich es Dir sagte: Ich will es versuchen Dein Weib zu sein; ich wusste, ich könne die tödtliche Dauer der Ehe nicht ertragen, die vehemente Impetuosität meines Wesens revoltirt gegen die Dauer, gegen die unwandelbare Treue."
Friedrich sah mich an, als sei die Welt im Versinken begriffen und sagte tonlos: "Diogena! ein Weib, das sich einem Manne zu eigen gibt ohne den Vorsatz wandelloser Treue, ist sehr elend."
"O!" rief ich mit allem prächtigen Stolze meines aristokratischen Bewusstseins, "so urteilst Du, befangen in blödsichtiger Bürgerlichkeit. Die Treue ist Bornirteit, ich bin unbegrenzt, m e i n e Untreue ist sublim, ist göttlich. Was Du Wankelmut nennst, ist die erhabene Forschungslust des Adepten, der rücksichtslos das letzte Geldstück, welches die Seinen vor dem Hungertode retten sollte, seinem Schmelztiegel übergibt, um den Stein der Weisen zu finden, den er so wenig kennt, als ich das Herz, die Liebe, den Mann, den ich suche. Wir glauben Beide an die Existenz eines Unmöglichen, eines Mirakels, und wir müssen es suchen, bis wir es finden."
"Diogena! ich glaubte an Dich, ich liebte Dich, Du brichst mir das Herz!"
"Ich darf die Opfer nicht achten, die es mich kostet," sagte ich, "denn auch ich leide in diesem Momente. O, ich leide sehr!" rief ich, und fing zu weinen an.
Als Friedrich meine Tränen sah, stürzten auch die seinen unaufhaltsam hervor. "Diogena!" sagte er, "meine ganze Liebe war Dein, ist Dein und das genügt Dir nicht?"
Ich war gerührt, nahm mild seine Hand und sagte: "Mein Friedrich! Du bist der erste Mann, den ich beklage, weil er mir nicht genügte. Aber sieh! ich kann nicht anders. Deine Liebe bleibt sich ewig gleich, ist immer dieselbe, gewährt ein ruhig Glück. Das habe ich nie gewollt. Ich verlange eine göttliche Anbetung in täglich neuer Form, ich verlange täglich neue, gesteigerte Glut, ich verlange vielleicht Unmögliches – aber das Mögliche widert mich an. Ich weiss, ich bin eine Titanennatur, ein weiblicher Faust, was kann ich dafür, dass Ihr nur Männer, nur Menschen seid. Schaffe mir einen Halbgott, ihn will ich lieben und treu sein – wenn ich es kann."
"Diogena, um Gottes willen! ein Fieberwahnsinn umnebelt Deine Seele, so kann kein Weib reden zu dem Manne, dessen Herz ihr Bild in sich schliesst, dessen Gattin sie geworden. Du bist krank, meine Diogena!"
Ich hielt ihm ruhig meine Hand hin und sagte: "Fühle die gleichmässigen Pulsschläge meines Blutes, ich bin nie ruhiger gewesen als