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nicht tat, fuhr er fort: "Mein Freund, Ihr Lehrer in der Chemie, lernte Sie kennen und statt der ernsten Gespräche, die wir sonst auf unsern Promenaden, an unserm Kamine führten, trat Ihre Strahlenerscheinung zwischen uns. Ich ward begierig, eine Frau kennen zu lernen, die im vollsten Glanze der Jugend und Schönheit, von den brillantesten Festen heimkehrt zu tiefsinnigen Forschungen an dem Schmelzofen. Mein Freund verschaffte mir die Gunst, Ihnen vorgestellt zu werden." Noch einmal unterbrach er sich, fuhr mit der flachen Hand über die Stirn und sagte dann, tief atemholend, wie Jemand, der einen entscheidenden Schritt zu tun bereit ist: "Ihre erste Erscheinung wirkte auf mich wie ein neuer Tag, wie ein neues Licht. Ihre aristokratisch hochmütige Weise stiess mich ab, beleidigte mein Selbstgefühl; ich hätte Sie fliehen und verabscheuen mögen, hätte nicht ein trügerisches Gefühl, das ich damals nicht erkannte, mir zugerufen: bleibe! um die Hochmütige zu demütigen. Zeige ihr durch eine Einsicht in das All der Wissenschaft die grosse, geheimnissvolle Weltmacht, den Allgeist, vor dem ihr Hochmut so töricht ist, wie das Revoltiren eines Insektes gegen die Weltordnung. Zeige ihr, dass sie Deinesgleichen ist – denn das allein wollte ich, um Ansprüche machen zu dürfen an Sie." Ich fuhr empor, Friedrich bemerkte es und hielt mich zurück, indem er, vor mir niederknieend, meine Hände in den seinen festielt. "Unterbrechen Sie mich nicht, sagte er mit einer Art von Heftigkeit, es handelt sich hier nicht um eine flüchtige Declaration. Ich stehe nicht als ein Bettler vor Ihnen, der um ihre Gunst fleht, ich stehe als ein Mann da, als ein liebender Mann, der – selbst sehr leidend – unsägliches Erbarmen hat mit Ihnen und Sie retten möchte, weil er die Kraft der Liebe zu seinem Beistande hat." "Und wissen Sie, ob ich diesen von Ihnen anzunehmen geneigt bin?" fragte ich, während meine Seele in ungekannter Verehrung zu ihm emporblickte. "Das müssen Sie, Gräfin! ich würde versuchen, Sie dazu zu zwingen, weil ich Sie liebe." – Er schwieg abermals und schien zu überlegen, dann sagte er: "Ich hielt Sie für kokett, für untergegangen in dem Schlammpfuhl niedriger Sinnlichkeit, die unablässig nach neuem Genusse jagt. Ich hatte von Ihrem Leben gehört, was man in den Salons und aus diesen in die Kaffee's berichtet. Man nannte mir die grosse Zahl Ihrer begünstigten Liebhaber – aber ich glaubte nicht mehr daran, als ich Sie gesehen hatte, mit Ihren Kinderhändchen, mit Ihrem edeln zarten Wesen, den Schrecken des Todes gegenüber Stich halten – als ich gesehen hatte, wie Sie in dem Ernste der Wissenschaft Trost und Ersatz suchten für ein Glück, welches das Leben Ihnen grausam versagte. Sie sind nicht schlecht, Gräfin! o nein, nein! Ein Engel sind Sie an Leib und Seele, aber Sie sind sehr unglücklich gewesen." "O, namenlos, namenlos unglücklich!" rief ich aus, "einsam ohne Liebe und die Liebe suchend, d i e Liebe, die allein mich glücklich machen konnte, die ewig ekstatische, nimmer verglühende Liebe!" Friedrich sah wie verklärt aus, er legte sich meine Hände über seine Schultern und umschlang meinen Leib mit seinen Armen. "Du armes, armes Kind!" sagte er selbst mit der spielenden Grazie eines Kindes, "ich ahnte es gleich, was Du suchtest in den Herzen der Gestorbenen – Du suchtest die Liebe! – Ach, meine Diogena! mein holdes Engelsbild! die Liebe ist nur in dem lebenden Herzen, denn die Liebe ist das Leben! Sieh, mein Engel, hier, hier, fühle es, da klopft die Liebe in meiner Brust zum ersten Male in meinem Leben. Sieh, hier ist ein Herz, in dem nie ein anderes Frauenbild lebte, als das Deine, – hier ist ein unentweihter Altar – wohne hier, Du Göttliche! Du, Du allein und für ewig." Eine seltsame Wehmut überschlich mich. Friedrich war magnifik in dieser Ekstase, die den ernsten, ruhigen Mann wunderbar embellirte. Es schmeichelte mir, das erste Weib zu sein, das ihn die Gewalt der Liebe kennen lehrte; es freute mich, den stolzen Bürgerlichen vor mir knieen zu sehen, und während mich die Hoffnung, er sei vielleicht der Rechte, in süsse Emotion versenkte, beruhigte mich der Gedanke, dass ja auch all die andern exclusiven Gräfinnen sich ihrer Liaison mit einem Bürgerlichen nicht geschämt hätten. Vor allen Dingen aber gefiel er mir und ich raisonnirte mir dies Alles nur vor, um mir die Regungen zu seinen Gunsten nicht einzugestehen. Indessen hielt ich es meinem Range angemessen, ihm den Sieg nicht zu leicht zu machen. Ich machte mich sanft von ihm los und sagte, indem ich meine Rechte auf sein Haupt legte und mit der Linken sein Kinn in die Höhe hob, so dass ich ihm fest in die schöne blaue Iris seines treuen Auges sah: "Und wer bürgt Ihnen dafür, lieber Friedrich! dass ich überhaupt für Liebe sensibel, der Liebe capabel sei?" "O Diogena!" rief er mit dem Tone der vollsten Conviction. "Sehen Sie, Friedrich! ich war verheiratet, der Graf hat mich geliebt, Lord Ermanby, der Vicomte Servillier sind aus Liebe für mich gestorben, Fürst Callenberg betet mich an; ich habe