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-Baden angelangt, bald der Mittelpunkt der beau monde geworden, um den sich die Elite dieser Saison bewegte. Mein Mann fand viele seiner Reisebekanntschaften in Baden schon anwesend und sehr begierig, mich kennen zu lernen. Schon am ersten Abend präsentirte er mir drei junge Männer, den Fürsten Callenberg, einen Vicomte Servillier und einen Lord Ermanby, mit denen die Ausflüge für die nächsten Tage verabredet wurden. Diese drei Männer waren von sehr divergirenden Charakteren. Fürst Callenberg, der Sohn des Fürsten Gottard von Callenberg und der edeln Cornelie, Witwe des Grafen Sambach, hatte ganz das wunderbar impassible Temperament seines Vaters geerbt. Jahre lang hatte Fürst Gottard mit einer instinctiven, nie encouragirten Treue an Gräfin Cornelie gehangen, war ihr instinctiv gefolgt und hatte constant geschwiegen oder im Halbschlummer vor ihr in den Fauteuils gelegen, so lange Eustach Graf Sambach lebte. Da er in seinem Leben Nichts wahrhaft empfunden, Nichts entschieden gewollt hatte, und doch von der magnetischen Attraction der Gräfin jahrelang wie ihr Schatten an sie gebannt blieb, so präsumirte er, das werde wohl Liebe sein. Er heiratete die Gräfin nach dem Tode ihres Mannes und nach der Verstossung ihres Liebhabers, des bürgerlichen Lenor Brand. Ich kannte zufällig diese Geschichten und Verwikkelungen, und war durch die superbe Herzenskälte seiner beiden Aeltern zu Gunsten des jungen Fürsten prävenirt. Auch entsprach er vollkommen dem edeln Bilde, das ich mir von ihm gemacht hatte. Stundenlang konnte er mit seiner Gigantentaille mir gegenüberstehen und mich regungslos anstarren, ohne eine Sylbe zu sagen, ohne durch ein Zeichen zu verraten, dass er mir nur zuhöre, wenn ich sprach. Aber so wie ich mich erhob, stand auch er auf. Er trug meine Echarpe und meine Ombrelle, er machte meinen Stallmeister, wenn ich reiten wollte, holte mir den Mantel aus dem Wagen, sobald es kühl wurde, und tat all die Dienste, die bei ordinairen Frauen ein indifferenter Lakei verrichtet, mit einer Devotion, mit einem Eifer, dass man sah, er werde durch den Impuls eines tiefen, sich selbst nicht bewussten Gefühls getrieben. Ich kann nicht sagen, dass diese Art der stummen Huldigung, so sehr sie bon genre war, mich wesentlich interessirt hätte. Ich gewöhnte mich bald daran, den Fürsten mir folgen zu sehen, wie ein Planet seiner Sonne folgt, aber es liess mich kalt. Nur wenn ich mit andern Männern sprach, wenn ich andern, brillantern Männern einen Vorzug vor ihm gab, und eine Wolke schweren Depits sich über das impassible Gesicht des Fürsten lagerte, dann machte es mir eine Art von Freude, ihn anzublicken und zu denken, dass ich selbst diesem Marmorherzen ein, wenn auch nur momentanes und factices Leben einzuhauchen verstände. Und brillanter war der Vicomte Servillier allerdings. Feurig, phantasiereich, petillant und vacillirend, wie alle Kinder der Provence, glich er auch in seinem Aeussern den sinnigen, glühenden Troubadours der cours d'amour. Er machte entzückende Verse und sang sie vortrefflich nach selbst erfundenen Melodien. Gleich, als mein Mann mir ihn vorstellte, sagte er mit einem Blicke, in dem sich die ganze heisse Innerlichkeit seiner Natur entüllte: "Um Gotteswillen, Bonaventura, wie kannst Du in dem Strahlenglanze dieser Göttererscheinung leben, ohne zu fürchten, dass sie dich emporwirbelt von der Erde hinweg in die flammende Sonnenregion, der sie entsprossen ist!" Es lag allerdings etwas provencalische Jactance in dieser Interjection, aber der Graf war diese von Servillier gewohnt und mich söhnte die Wunderlichkeit der Begrüssung mit dem Auffallenden derselben aus. Lord Ermanby sagte gar Nichts, setzte sich schweigend nieder, den rötlich blonden Lockenkopf gegen einen Baumstamm, die Füsse auf einen Stuhl gelegt, den er hin und her balancirte, während er den Knopf seiner Badine im Munde hielt. Er war ein Typus von good breeding. Mein Leben ging nun seinen ruhigen Gang, wie das Leben aller Neuvermählten. Ich hatte Rosalinde mit mir genommen, da sie durch ihre frühere Liaisons mit Männern der beau monde sich eine gewisse elegante Ausdrucksweise angewöhnt hatte, die sie mir erträglicher machte, als andere gewöhnliche Kammerjungfern. Zudem besass sie aus der Zeit ihrer Seiltänzercarriere eine grosse Toilettengeschicklichkeit, war klug und mir mit vollkommener Treue attachirt und hatte wirklich alle Qualitäten einer ausgezeichneten Kammerfrau. Am Morgen ging mein Mann und ich an den Brunnen, wo wir unsere Freunde trafen, dann pflegte Bonaventura in das Lesecabinet zu gehen und die Tagespapiere zu durchblättern, auch Lord Ermanby und der Vicomte schlossen sich ihm an. Nur der Fürst besass den Vorzug eines echten, deutschen Cavalieres, sich nicht im Geringsten um die Vorgänge in der Welt zu bekümmern. Die Welt, die Tagesereignisse, Politik und Literatur interessirten ihn nicht; seine Güter verwaltete ein Intendant, seine Revenuen wurden ihm zugeschickt, er fragte nicht um Politik, nicht um Literatur, er lebte ein durchaus müssiges und vornehmes Dasein. Diese phänomenal aristokratische Natur fing an, mich allmälig zu beschäftigen. Eines Abends kehrten wir um zwölf Uhr von einem Spaziergange in unsere Wohnung zurück. Unsere Freunde hatten uns verlassen, wir waren seit langer Zeit zum erstenmale allein, mein Mann und ich, und ich liess den Tee in meinem kleinen Boudoir serviren. Es war ein comfortables, lauschiges Plätzchen. Grüne Weinranken zogen sich zu den geöffneten Fenstern hinein und fielen bis auf den grünen Sammetdivan, auf dem ich lag. Ich hatte ein weisses Negligee übergeworfen, kleine blassblaue Atlaspantöffelchen angezogen und lag nun so da, wie eine Nachtviole, die in holder Schönheit bewusstlos blüht,