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Ihm verdanke ich mein Dasein. Aber kaum war ich geboren, als die Illusionen entschwanden, die sich verhüllend eine Weile, zwischen meine Mutter und die Wirklichkeit gestellt. Sie hatte an Astrau's Liebe glauben wollen, sie hatte gehofft, er werde dennoch "der Rechte" sein, nun das wilde Feuer seiner Jugend verraucht wäre. Aber was konnte für Sibylle ein Otbert sein, der wie alle Roués, und ein Roué war er immer gewesen, zu einem entschiedenen Materialisten geworden war. Der Tod seiner Tochter, das Wiedersehen Sibylla's hatten ihm für Momente einen Reflex seiner Jugend gegeben, und blitzschnell hatte er combinirt, welche finanziellen Resourcen eine Wiedervereinigung mit seiner immens reichen Frau ihm, dem armen Weltmanne, gewähre. Meine unglückliche Mutter war dupirt, trotz der vielfachen Erfahrungen, die ihr Leben ihr bereits gegeben hatte.
Wenig Tage nach meiner Geburt starb mein Vater in einem Duelle, das er wegen einer hübschen Tänzerin mit dem Redacteur eines oppositionellen Journales hatte. Meine Mutter war in Verzweiflung, nicht über den Tod ihres Gatten, denn dieser erlöste sie von einer freiwilligen Abhängigkeit, die sie gerade deshalb wie eine doppelte Schmach empfand; aber der edle Stolz ihrer Seele war verwundet dadurch, dass der Mann, dessen Namen sie und ihr Kind tragen mussten, sich mit einem Bürgerlichen geschlagen hatte. Sie blieb sich gleich in schöner Marmorkälte in jedem Moment ihrer Existenz.
Dieses Evenement rief ihren alten Herzkrampf hervor und in der Alteration jener Tage verschlimmerte sich das Uebel der Art, dass sie starb, noch ehe ich getauft war. Friede ihrer Asche und Ruhe ihrer Rastlosigkeit!
Sie hatte verordnet, dass ich, zum Andenken an unsern Ahnherrn und als Bezeichnung unsers tragischen Geschickes, das uns "zu suchen und nicht zu finden" verdammt, Diogena heissen sollte. O! wie ist der Name mir eine ominöse Vorbedeutung geworden.
Meine Mutter hatte kurz vor ihrem Tode ein Testament gemacht, in dem sie bestimmte, dass ich, fern von dem Treiben und den Erregungen der grossen Welt, auf unsern Stammgütern im Norden Deutschlands erzogen werden sollte. Einer Freundin, einem Fräulein von Dornefeld, ward meine Erziehung übergeben. Diese würdige und treue Pflegerin war der entschiedenste Gegensatz von meiner Mutter. Sie hatte in ihrer Jugend einen adeligen Referendarius geliebt, der früh gestorben war, noch ehe er sie zum Altar führen konnte. In treuer Liebe hatte sie den Witwenschleier über ihr Dasein geworfen und war still und einsam durch das Leben gegangen, Hilfe spendend den Hilfsbedürftigen und überall sich einfindend, wo es irgend eine Lücke auszufüllen gab. Meine Mutter hatte ihre Bekanntschaft im Hause unsers verehrten Verwandten des Bischofs von Bamberg gemacht, dem sie eine treue Pflegerin gewesen war bis an sein Lebensende.
Mit stummer Irritation hatte die gute Dornefeld die Exaltationen, das Meteorartige in dem Wesen meiner Mutter angestaunt, das ihr bald miraculös, bald monströs erschienen war. Aber ihr ängstliches Staunen wich dem Gefühl des Mitleids, als sie sah, wie unglücklich die Frau war, welche kometenartig die Bahn an dem Horizont des Lebens durchstürmte. "O! meine Gräfin!" hatte sie oft gesagt, "wie anders wäre Ihr Loos geworden, hätte man Sie früh an eine treue, weibliche Brust gelegt; hätte eine linde Frauenhand die wilden Stürme dieser Natur durch milde Liebe magnetisch calmirt." Und mit solcher Conviction hatte sie diese Worte gesprochen, dass meine Mutter sich derselben noch auf ihrem Todtenbette erinnerte und mich der treuen Seele zu übergeben beschloss.
Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an unser Stammgut und an die Dornefeld. Meine Mutter hatte gewünscht, mich von Allem fern zu halten, was meine jugendliche Seele exitiren konnte. Sie hatte es der Dornefeld zur Pflicht gemacht, für eine kräftige Entwickelung meines Körpers zu sorgen, und meinem Geiste Zeit zu gönnen, sich innerlich zu developpiren, ehe man ihn nach aussen durch Wissenschaft und Kunst zu beschäftigen suchen würde. Nur Frauen sollten mich unterrichten und in meiner nächsten Umgebung leben, denn meine Mutter erinnerte sich, wie früh sich ihr Verhältniss zu dem Meister Fidelis eigentlich entfaltet hatte und wünschte mich davor zu bewahren.
So führte ich ein wunderbares Doppelleben. Auf einer Seite klösterliche Zucht und Einsamkeit, auf der andern ein wahrhaftes Elfenleben in Wald und Feld. Da mein Körper durch Uebung entwickelt und dennoch männlicher Unterricht vermieden werden sollte, wählte die gute Dornefeld eine Mademoiselle Rosalinde, die früher Mitglied einer Kunstreitergesellschaft gewesen war, zu meiner Lehrerin im Reiten, und liess eine Hallorin, Margarete Feller, kommen, welche mich im Schwimmen, Turnen und Schlittschuhlaufen unterweisen sollte.
Rosalinde war eine ganz aparte Erscheinung. Sie war schön gewesen, war adorirt worden von den brillantesten Cavalieren, bis ein unglücklicher Sturz vom Pferde ihre ganze Existenz bouleversirte. Sie musste auf ihre Carriere renonciren und, da in der Zeit, welche sie an das Krankenlager gefesselt verlebte, ihr Geist sich mit Intensität nach innen wendete, war der Wunsch nach einem reinen, moralischen Wandel in ihr rege geworden. Sie hatte einen Geistlichen verlangt, dieser hatte sie mit seiner Freundin, der guten Dornefeld, in Rapport gebracht und so war sie von dieser in unser Haus aufgenommen worden, um sich zu erheben durch ein ruhiges Leben und mich zu bewahren vor einem unruhigen, durch männliche Leidenschaften getrübten.
An Rosalinde hing ich mit tiefster Inclination. Wenn die gute Dornefeld mich mit dem Nähzeug beschäftigen wollte, so scheiterte ihr Bestreben an meinem ganzen Naturell. Nicht als ob ich es nicht hätte lernen können oder wollen; im Gegenteil