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allein ab, und Wilderich hat gar kein Interesse, glaube mir, mich wiederzusehen."
"In Allem was Du von Wilderich sagst – verzeihe mir! – kann ich Dir nicht glauben, denn ich weiss es besser! Er wird glücklich sein wenn er wieder nach der lieben Cottage von Grindelwald kommen darf."
"Benvenuta, Du weisst nicht wie weh Du mir tust."
"Ich weiss es wohl – und darum hab' ich nie mit Dir über Wilderich gesprochen, entgegnete sie und küsste meine Hand. Nachdem ich in jener Nacht seinen Brief gelesen und Dich so verstört gesehen hatte: wusste ich dass er nicht mich sondern Dich liebe."
Ich winkte ihr zu schweigen; ich fühlte mich hinsterben wie unter dem Richtbeil. Sie wusste also dass ihre Mutter ihre Nebenbuhlerin war! – Mir vergingen die Sinne, Gedanken, Worte. Was sollte ich ihr erklären? wie mich rechtfertigen? ich kam mir schuldbeladen vor, als habe ich eine Todsünde begangen. Als Rächer für die lange Verkehrteit meines Lebens stand diese Minute wider mich auf, diese grässliche, wo der Gipfel aller Verkehrteit in dem Wort erreicht ward, welches die Tochter zur Mutter über den Geliebten sprach: Er liebt dich! – – –
Dies war Benvenutas letzte selbstbewusste Lebensäusserung. In Phantasien mit Letargie abwechselnd, verbrachte sie noch dreimal vierundzwanzig Stunden, und träumte sich hinein in den Tod oder in das ewige Leben. – – – – –
Das ewige Leben! – Ja, sie hat es, denn es war ein Kern in ihr aus welchem sich in einer neuen Phase des Daseins eine neue Blüte entwickeln kann. – – – – –
In die Heimat zu den Gräbern der Meinen wollte ich die geliebte Leiche bringen. Es ging nicht. Ich kam nur bis Rom, wo ich erkrankte. An der Pyramide des Cestius wurde sie bestattet.
Als ich mich im Frühling ein wenig erholt hatte reiste ich nach Freiburg um Astralis zu sehen. Schön und lebenstralend fand ich sie, aber ich fühlte mich durchaus unfähig das vierzehnjährige Mädchen zu mir zu nehmen und die Vollendung ihrer Erziehung und ihren Eintritt ins Leben zu überwachen. Ich schrieb seit Jahren einmal wieder an Otbert, der immer in Paris im Strudel des grossen und ereignissvollen allgemeinen Lebens die Emotionen ersetzte, welche seiner Persönlichkeit nach und nach entschwanden. Ich sagte ihm dass ich den grössten Teil meines disponiblen Vermögens, das sich durch Benvenutas Tod mehr als verdoppelt habe, auf Astralis vererben wolle, sobald ich mich überzeugt halten dürfe, dass er ihr wahrhaft ein Vater sein und nicht nach meinem Tode über ihr Vermögen mit seinen verschwenderischen Händen herfallen wolle.
Er antwortete mir tief erschüttert: er werde jede Bestimmung heilig halten, die ich anzuordnen für gut fände. Er bat auch mich besuchen zu dürfen; aber dankbar für seine Teilnahme und freundlich lehnte ich es ab, nicht aus Widerwillen, sondern nur weil es so sehr überflüssig gewesen wäre.
Die Cottage von Grindelwald sah ich auch nicht wieder. Ich schenkte sie an Gabriele, die mir in meiner Jammerzeit eine treue Freundin und feste Stütze gewesen war. Sie blieb in ihrer Heimat, und ich ging nach Engelau, das ich schon nicht mehr als mein Eigentum betrachtete, denn nach meinem Tode fiel es meinem Mann zu. Ich ordnete auf's Pünktlichste meine Geschäfte, machte für Astralis das bewusste Vermächtniss, und ein kleineres für jene beiden Brüder Wilderichs deren Zukunft ihm Sorge machte; Legate für alle meine Diener. Damit waren die irdischen Angelegenheiten abgetan, und da der Aufentalt in Engelau auf mir lastete wie der Deckel eines Sarges, so ging ich unter dem Vorwand berühmte Aerzte zu consultiren nach einem mir gänzlich fremden Ort – nach Dresden. – – – – – –
Zwischen Dresden und Aussig hab' ich mich fast zwei Jahr umher geschleppt. Auf den grünen nussbaumbeschatteten Abhängen um Schreckenstein war mir am wolsten auf der Welt; – so, als habe Fidelis mir diese Stätte bereitet. Er hat Frieden, möge er leben, möge er todt sein. Er hat die Seele die ihn befähigt zum ewigen Leben. Mit diesem Bewusstsein kommt der Mensch früher oder später zum Frieden. Aber habe ich sie? – "Salva me, fons pietatis!" .... klingt es wie das Echo einer höhern Welt durch meine Seele. Von Rettung spricht man mir. Mich dem Leben der Menschen wiedergeben, wäre das Rettung? – O nein! Gott und ich – wir wissen es anders. "Salva me, fons pietatis!" – – – –
Nicht gelebt hab' ich durch mein Herz; es rächt sich, und ich sterbe am Herzen – – – –
Fussnoten
1 Traghetti sind die Stationsplätze der öffentlichen Gondeln längs den Canälen, und sind fast alle durch ein Madonnenbildchen beschirmt vor dem Nachts eine Lampe brennt.