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, kaum zu mir selbst gekommen, meiner Tochter Red' und Antwort stehen! – Leugnen war vergeblich! Sie hatte seine Stimme gehört und es fehlte ein Bild vom Rosenlaui! – Der Brief auf dem Schreibtisch befremdete sie freilich: war Wilderich hier, wozu der Brief? – Ich half mir mit einer Unwahrheit und sagte:
"Sein Inhalt ist so wichtig dass er ihn selbst bringen – und für ihn so peinlich dass er denselben nicht mündlich mitteilen wollte. Wider Erwarten traf er mich .... und sagte mir Alles! – aber ich behielt dennoch den Brief – Deinetwegen!"
"Meinetwegen?" stammelte sie erblassend, erbrach und las ihn aufmerksam, faltete ihn dann zusammen und sagte leise: "Er liebt mich nicht!"
Ich hatte nicht den Mut sie des Gegenteils zu versichern. Ich schwieg und zitterte wie eine Verbrecherin welche Entdeckung fürchtet. Es war mir lieb, dass jede Gemütsbewegung mich paralysirte; so litt ich weniger; d.h. mehr physisch. Benvenuta schwieg auch. Sie sprach nicht mehr von Wilderich, sie fragte nie nach ihm. Es war als sei er gar niemals da gewesen! Und nicht bloss gegen mich beobachtete sie diese Zurückhaltung, sondern auch gegen Gabriele, welche ich gebeten hatte mit möglichst linder Hand die Wunde ihres Herzens zu sondiren. Nach einiger Zeit sagte mir Gabriele ihre Bemühungen wären umsonst, und fügte hinzu:
"Es kommt mir vor als fände ich in ihr nicht sowol eine Wunde, als ein Grab."
"Und über dem Grabe wachsen Blumen," sagte ich mit Zuversicht zu meinen Erfahrungen.
Das war ein trauriger Sommer! Ich, fast immer leidend; Gabriele in Trauer um ihre Mutter; Benvenuta still und ernst, vor der Zeit eingeweiht in das grosse Geheimniss des Schmerzes. Nichts interessirte sie; sie sprach keinen Wunsch und keine Hofnung aus. Es war ihr gleichgültig ob wir zum Winter nach Italien oder nach Engelau gingen oder in der Cottage blieben. Sie las und zeichnete, sie ging und ritt spazieren, sie besorgte kleine häusliche Verrichtungen mit grosser Pünktlichkeit und grosser Sanftmut, aber ohne Teilnahme und Freude. Ihre liebliche Heiterkeit war ganz von ihr gewichen, und ihr liebes Gesicht auf dem der wundervolle Schmelz der ersten Jugendblüte lag, ward blass und welk. Unerhörte Angst um sie, und ein unerhörter Gram über Wilderichs Verblendung, der sich zuweilen zu zürnendem Groll steigern konnte – marterten mich in einer Weise die mir bisjezt unbekannt geblieben war. Es gab Momente wo ich sie Beide hartnäckige, eigensinnige Kinder nannte, welche durch ihren Trotz Unheil auf sich selbst und auf Andere herabziehen würden.
Im September entschloss ich mich zur Reise nach Italien. Beim Abschied von Grindelwald schien Benvenutas Herz brechen zu wollen. Dies waren nicht Tränen wie die Jugend sie weint: ein Frühregen auf welchen der schönste Tag folgt; es waren Blutstropfen aus einer tödtlich verwundeten Seele. In Genf erkrankte sie bedenklich. Der Arzt erklärte ihre Nerven müssten einen gewaltsamen Stoss erlitten haben, und müssten durch woltätige Einflüsse von Luft, Klima, Zerstreuung und Freude gehoben und ermuntert werden. Blieben sie in dem gegenwärtigen Zustand, so sei Melancholie oder Abzehrung zu fürchten. Ich dachte an meine arme Mutter, bei der auch Seelenleiden die traurige Krankheit herbeigeführt hatten – und erbebte. Nicht mehr über mir sondern über der reinen Stirn meines Kindes sah ich den Unglücksstern schweben, der mein Dasein beherrschte.
Wir gingen nach Neapel. Dort und in Sorrent verlebten wir ein Jahr – o Gott, welch ein Jahr! Eine Dolchspitze berührte meine Brust, anfangs nur drohend, aber bald eindringend, ganz allmälig, Tag um Tag, ohne Barmherzigkeit, ohne Gnade, und als sie bis zum Heft mich durchbohrt hatte – starb Benvenuta. Sie starb am Tage Allerseelen als sie siebzehn Jahr alt wurde. Sie starb in Sorrent in demselben Hause wo ich mit ihrem Vater meinen Liebesfrühling verlebt hatte. Sie starb an einer Nervenverzehrung – wie die Aerzte es nannten. Ihr Organismus sei überangestrengt, meinten die klugen Männer, entweder durch zu anhaltende geistige Arbeit, oder durch zu rasches Wachsen des Körpers. Vielleicht haben sie Recht! vielleicht kam Eines zum Andern um sie aufzureiben! Aber ich meine, sie s t a r b an dem Gefühl für welches sie, der Natur und ihrer Bestimmung zu Folge, hätte l e b e n und glücklich leben sollen. Durch mein unheilvolles Sein wurde es unheilvoll für sie, und ich – die an keine Macht und Dauer der Gefühle glaubte – musste meine Tochter daran sterben sehen. – – – Sie verging, sie schwand dahin, sie ward immer stiller und stummer. Die Komödie einer allmäligen Entfremdung und Ablösung Wilderichs, die ich mir anfänglich ausgedacht, hatte ich nie vor ihr spielen können. Ihre Augen sahen so seltsam wissend aus. Ueberdas liess sie jedes Wort, jede Andeutung, die zu einem Gespräch über ihn hätte führen können, augenblicklich fallen. Nur in ihren allerletzten Tagen sagte sie einmal zu mir:
"Grüsse Wilderich .... wenn Du ihn wiedersiehst."
"Ich werde ihn nicht wiedersehen," sagte ich – um irgend etwas zu sagen.
"O doch! jezt grade wirst Du es können!" erwiderte sie mit Ueberzeugung.
Ich schüttelte schweigend und verneinend den Kopf. Später begann sie:
"Ich hätte eine Bitte, liebe Mama! – Versprich mir Wilderich wiederzusehen."
"Ich kann Dir das nicht versprechen, Kind! Es hängt nicht von mir