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in sein Schweigen zurück. In Bern ging Benvenuta sogleich schlafen, und ich mit Wilderich auf die wunderschöne Promenade vor der Katedrale, genannt die Plateforme, wo man die herrlichste Aussicht auf die Jungfrau und ihre majestätischen Genossen hat. Es war um Sonnenuntergang und im stralendsten Glanz lagen sie da wie goldene Riesenpfeiler welche den Himmel tragen. Wir setzten uns auf eine Bank unter den Kastanienbäumen. Mein Auge hing an dem Farbenspiel der Berge; meine Seele flog unbestimmten Höhen und Fernen zu. Ich erschrack fast wie ein Nachtwandler den man bei seinem Namen ruft, als Wilderich mit bebender Stimme sagte: "Gnädige Gräfin .... morgen sehe ich Sie nicht mehr, und meine Seele hat sich an Sie gewöhnt." Während er sprach sah er aber nicht mich, sondern die Berge an. Ich fühlte nun wohl dass "sie" nicht die Berge waren; aber voll meiner Voraussetzung, dass zwischen ihm und Benvenuta eine Liebe keime, glaubte ich ihr gelte dies "sie". Und als er nach einer Pause noch leiser und beklommner sagte: "Werde ich Sie nie wiedersehen dürfen?" – – entgegnete ich liebevoll: "Warum denn nicht, Wilderich! Aber versuchen wir eine Trennung von einigen Wochen; sammeln und besinnen Sie sich, überlegen Sie die Zukunft was Sie zu tun und zu bieten haben; – und wenn Sie nach vollendeter Badecur mich in Grindelwald oder wo es sei besuchen: so wollen wir darüber sprechen. Jezt nicht. Es scheint mir noch zu früh, zu unreif." Ein ganz extatischer Freudenschimmer blitzte in seinem Auge auf und zu mir herüber, als er rief: "Also wiedersehen! .... o gelobt sei Gott!" Damit war unser Gespräch zu Ende, und Jeder von uns hing wieder seinen Träumereien nach – lange! lange! Ich hatte nun einmal die Gewohnheit mich nicht um die Zeit zu kümmern. Der starke Schlag der Uhr, die an der Katedrale zehn schlug, machte mich auffahren. Es war ganz finster geworden. "Warum erinnern Sie mich nicht an die Heimkehr, Wilderich!" rief ich schnell aufstehend und seinen Arm nehmend. "Ich fühlte mich daheim in meiner Seligkeit," sagte er. "Hoffen Sie nicht zu viel, Wilderich! .... ich weiss ja nicht einmal ob Sie überhaupt hoffen dürfen." "O still! still! Sie sagten selbst: jezt nicht! – Einige Wochen voll himmlischer Hofnung liegen vor mir und dann – .... dann wird mir zu Sinn sein als würde ich von Rosenwolken zum goldnen Gipfel der Jungfrau emporgetragen." "Welche Schwärmerei!" sagt' ich lachend. "O lachen Sie nicht! bat er sanft; ich bin ja glücklich." "Ist Ihre Liebe wirklich so tief?" fragt' ich gerührt. Er antwortete nicht, aber er nahm meine Hand die auf seinem Arm lag und drückte sie mit tiefer Bewegung an seine Lippen und an sein Herz. In unserm Gastof angelangt setzte ich mich an den Teetisch; Wilderich ging auf und ab im Salon mit einer Hast die beunruhigend war. Ich bat ihn sich zu mir zu setzen: er wollte nicht. Ich fragte dies und das: er antwortete zerstreut. Endlich sagt' ich: "Sie sind ungeselliger Laune; also gute Nacht, mein Wilderich! gehen Sie schlafen!" "Und morgen früh um fünf Uhr muss ich mit dem Zürcher Eilwagen fort ohne Ihnen zuvor Lebewol sagen zu können!" rief er. "Desto besser! Abschied nehmen ist so traurig." Er kniete plötzlich vor mir nieder. Ich sagte kurz: "Auf, Wilderich! diesen Ausdruck der Andacht nicht zum Spass missbraucht!" "Zum Spass? .... missbraucht? – o meine Gräfin! selten mag wohl ein Mensch mit so tiefem heiligen Dankgefühl niedergekniet sein – Dank für das Erbarmen der Vergangenheit – Dank für die Huld der glückseligsten Hofnung. Sie haben mir das Leben gerettet! in langen Nächten haben Sie mich bewacht, in schweren Tagen mich gepflegt, immer ein Lächeln, einen Trost, eine unbesiegliche Geduld für mich gehabt, den Unbekannten, den Fremdling! – dann haben Sie mich gelehrt welch eine herrliche Gabe das Leben sei, weil wir darin das Gute tun und das Schöne lieben sollen – und allendlich haben Sie mir ein überirdisches Glück zugesagt! .... – Und dafür gäbe es einen übertriebenen Ausdruck von Dank und Andacht? – – O sehen Sie denn nicht dass ich nicht anders k a n n als vor Ihnen knien?" Dieser junge warme Ausbruch des Gefühls tat mir unsäglich wohl. Ich sagte: "O Wilderich! es ist doch wunderschön wenn das Herz den Regenbogen der Empfindung – und sei es nur auf Secunden! – über unser graues Lebensgewölk wirft." Er hatte sein Gesicht in meine Hände und auf meine Knie gelegt. Ich hob seinen Kopf empor; an seinen Wimpern hingen Tränen. Sanft legte ich meine Hand über seine Augen und sprach: "Ich bin wie die Männer! ich kann in lieben Augen keine Tränen sehen." Und ich bog mich herab um seine Stirn zu küssen. Aber eine fürchterliche Erinnerung schmetterte urplötzlich wie ein Wetterstral durch meine Seele. Ich lehnte mich zurück, liess die Hand sinken und sprach ruhig: "Und nun genug, lieber Wilderich! dieser Augenblick ist mir süss und freudig gewesen wie eine Frühlingsblume die man im Späterbst unter welken Blättern