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mir meine Mutter: allüberall sei der unsichtbare grosse gute Gott. Wenn ich nun in der tiefen Stille der Mittags- oder Abendstunden, wo kein Lüftchen sich zu regen scheint, doch die allerhöchsten und feinsten Wipfel der Bäume ohne bemerkbare Ursach sich sanft umbiegen sah, so glaubte ich in meinem kindischen Sinn sie beugten sich unter den Schritten Gottes, der unsichtbar über ihnen dahin wandele um zu sehen ob auf Erden Alles gehe wie es gehen solle; und hauptsächlich ob ein gewisser Knabe Wilderich auch seine Schuldigkeit tue. Das erfüllte mich mit so namenloser andächtiger Ehrfurcht, dass mir zuweilen helle Tränen langsam aus den Augen liefen und ich mir vornahm immer ein ungeheuer guter Knabe zu sein und Mann zu werden. Jezt streifen meine Blicke freilich mehr über die Erde und die Menschen hinweg, senken sich auf Bücher und Papier und allerlei nichtswürdiges Treiben, wo freilich die Schritte Gottes nicht wohl zu erkennen sind. Kommt es aber einmal so wie heut dass ich in feierlicher Stille zu den sanftbewegten Baumwipfeln aufschaue, so wollen ihre leisen Beugungen mich noch immer fragen, ob ein gewisser Wilderich auch seine Schuldigkeit tue; und das stimmt mich ernst – ganz wie damals."
"Und tut er sie?" fragte ich.
"Darauf ist schwer zu antworten."
"Doch nur in dem Fall dass er sie n i c h t tut."
"Wie unerbittlich hart sind Sie!" rief Wilderich.
"Und ungerecht, Mama! rief Benvenuta lebhaft. Soll er sich denn selbst loben? – das würde D i r auch nicht gefallen!"
"Er soll eine aufrichtige Antwort geben! sagte ich. Ob das nun ein Selbstlob sein würde .... bleibe dahingestellt."
"Sie haben eine bessere Meinung von mir als Ihre Frau Mutter, sagte Wilderich freundlich zu Benvenuta. Dafür muss ich Ihnen recht dankbar sein."
"Mama scherzt nur, entgegnete sie errötend. Wenn sie keine gute Meinung von Ihnen hätte würde ich ja auch keine haben."
Sie sprang auf und pflückte schöne Genzianen, die wie dunkelblaue Sterne den Boden an manchen Stellen bedeckten. Wilderich half ihr; dann kam sie zurück und wand einen Kranz immer fröhlich mit ihm plaudernd. Ich sass unbeweglich auf meinem alten Platz. Es kam eine grosse Stille über meine Seele. Das Rauschen des Baches, der Duft des Tannenharzes, der Kräuter und des Mooses, der Sonnenstral der mich in sein Licht und seine Wärme hüllte – webten einen Schleier um mich, hinter welchem ich wie aus weiter Ferne Benvenutas und Wilderichs junge frische Stimmen zu mir klingen hörte; – aber aus der Ferne der Zeit, nicht des Raums. Ich dachte sie könnten dereinst Beide glücklich mit einander werden, glücklicher als ich es je gewesen und wie ich es doch stets ersehnt. Und bei dem Gedanken an m i c h wollte diese uralte ewige Sehnsucht wieder ihre Geierkralle in meinen Busen schlagen. Aber wie man zuweilen im Halbschlaf sich beschwichtigt über einen bösen Traum, so sprach ich jezt heimlich zu mir: Lass das! denke nicht an dich selbst! das macht dir Schmerz. Die intenseste Sehnsucht und das intenseste Bewusstsein von ihrer Unerfüllbarkeit – das allein ist Schmerz .... die ächte Perle des Schmerzes, wogegen alle andern nur Glasperlen sind. Die Offenbarung der Liebe, so stralend und stark, dass sie momentan den Schmerz überflutet: das ist Extase! – Freude, Wonne, Entzücken, Seligkeit, sind keine Extase; sie müssen mit dem Schmerz versetzt sein. Er allein ist dein Erbteil. Dir ward die dunkle Folie ohne den funkelnden Diamant .... aber die Kinder werden es vielleicht besser haben; denk' an sie.
Ich schlug langsam meine Augen auf und begegnete Wilderichs, die mit melancholischer Glut auf mich gerichtet waren während er mit Benvenuta plauderte und ihr die Genzianen zum Kranz reichte. Sie hatte ihren Hut abgenommen.
"Setze Deinen Hut wieder auf! rief ich hastig. Die Sonne brennt, Benvenuta! das schadet Deiner Haut und Deinen Augen."
"Du bist eitel für mich, Mama, und nicht für Dich, entgegnete sie lächelnd und gehorchend. Du sitzest hier seit zwei Stunden ohne Hut. Jezt da ich meinen Kranz vollendet habe kann ich ihn nicht tragen. Da muss ich ihn verschenken."
Und mit rascher graziöser Bewegung setzte sie den Kranz auf Wilderichs glänzend braune Locken. Aber er nahm ihn ab und sagte:
"Verzeihung! wir Männer sehen mit Kränzen eigentümlich ungeschickt aus, so etwas wie Ungeheuer. Finden Sie nicht, Fräulein Benvenuta? – Was Ihre schönen Hände geflochten haben muss zu Ehren kommen."
Mit diesen Worten erhob er sich und setzte mir den Kranz auf
"Da Ihr Beide ihn verschmäht, so muss ich ihn freilich behalten .... und überdas erfrischt er mir angenehm die Stirn," sagte ich.
"Mama! rief Benvenuta lebhaft, erlaubst Du mir den Versuch Dich so zu zeichnen? Du glaubst nicht wie Du schön aussiehst mit diesem dunkelblauen Kranz – ganz wie ein Bild der Melancholie, das ich einmal in einem englischen Album gesehen habe. Die herrliche Tanne – Deine halb liegende Stellung – Alles ist so schön."
"Gut! – ich gebe Dir eine Viertelstunde. Erlaubniss."
Benvenuta schrie das sei unmöglich. Wilderich sagte:
"Fangen Sie nur geschwind an! ich werde nach meiner Uhr sehen und Ihnen sagen wenn die Frist abgelaufen ist. – Jezt ist es halb drei.