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, dass sie von keiner andern Empfindung als von unendlichen – sogar in der Erinnerung noch unsterblich! – wissen will. Aber! aber! die Kraft ist nicht übermässig, mein armer Wilderich! sie hält nicht so fest wie der Magnet das Eisen; sie umschliesst nicht so fest wie die Muschel ihre Perle! – Meistens ist sie ein Sieb; zuweilen eine Schaale von Porcellan oder Krystall, der nichts fehlt als dass sie einen kleinen feinen Riss hat, durch den ganz langsam, ganz unmerklich der Inhalt entströmt oder verfliegt. Nein nein, rechnen Sie nicht auf die Wonne der Erinnerung."
"Und was hätte ich denn am Schluss meines Lebens um mein müdes Haupt darauf zu betten wenn nicht den Blumenpfühl der Erinnerung?"
"Und wer sagt Ihnen denn dass Sie am Schluss Ihres Lebens Ihr müdes Haupt auf einem Blumenpfühl betten müssen? – Es kann ja auch sein auf den Dornen des Schmerzes oder in der Asche der Trostlosigkeit."
Benvenuta nahm meine Hand, legte sie auf ihre Augen und sagte bittend:
"Mama, ich kann's nicht aushalten vor Traurigkeit wenn Du so sprichst."
Zu gleicher Zeit sagte Wilderich mit Zuversicht:
"Nein, so elend ist und macht das Leben nicht! Sei es drum dass die Blumen fehlen, dass die Dornen ihren Platz einnehmen! .... aber Asche – nein! so lange mein Herz schlägt, und es kann ja nur mit meinem letzten Atemzug still stehen, lebt ein Funke in ihm, der es vor dem Zusammensinken in Asche bewahrt! sei es ein Glaube, eine Hofnung, eine Liebe – sei es noch Anderes was ich nicht kenne oder nicht zu nennen weiss! Der Mensch soll Leid und Schmerz haben damit er sich bei ihrer Bekämpfung stähle; aber umkommen .... so in der Asche von ich weiss nicht was für namenlosen Dingen – das soll er nicht, das ist nicht seine Bestimmung; und geschieht es dennoch, so geschiehts durch seine eigene Schuld."
Benvenuta hatte ihren Kopf von meiner Hand allmälig gehoben, und sah mit einem Ausdruck von rührender klarer Zuversicht auf Wilderich. Ihre Gesinnung entsprach der seinen. Ein Blick auf dies liebe unschuldige Gesicht machte mich schweigen; sonst schwebte schon die Frage an Wilderich auf meinen Lippen: wie er die Schuld vom Leben trennen – und wie er die Verschiedenheit der Individualitäten aufheben wolle, welche bewirke dass der Eine leicht, der Andre schwer, der Dritte gar nicht das Schuldbewusstsein von sich werfe. – Statt dessen sagt' ich:
"Um wieder auf unser eigentliches Gespräch zurück zu kommen, Wilderich: wann gehen Sie nach Baden?"
"Wenn Fräulein Benvenuta abgereist sein wird;" entgegnete er, nicht eben in froher Laune.
Benvenuta rief aber ganz vergnügt und freudig errötend: "Mit der Einrichtung bin ich sehr zufrieden!"
Am andern Tage ritten wir zum Rosenlaui-Gletscher, den Benvenuta noch nicht kannte, und der unstreitig zu den allerschönsten Punkten gehört, welche die Schweiz aufweisen kann, denn er ist phantastisch – und das ist ihre Natur nur ausnahmsweise. Diese saphirfarbenen Eisblöcke, Eisgrotten, Eispfeiler, liegen da wie Trümmer einer wundersamen fremden Welt an deren Erstarrung man nicht glauben kann weil sie so schön ist. Man meint sie müsse sich wieder zu Tempeln und Hallen auf den Wink eines geheimnissvollen Baumeisters zusammenfügen um dann der Tummelplatz von einem Elfengeschlecht oder von Elementargeistern zu werden. Es ist die schönste Ruine eines Undinen-Palastes von blauem Krystall, welche die Phantasie eines Märchendichters erfinden könnte. Von einer ungeheuern Gewalt ist sie in diese Scenerie hineingeschoben, die mit ihren scharfen Gebirgesspitzen, ihrem zerklüfteten Boden, ihren rauschenden schwarzen Tannen und brausenden milchweissen Bächen, ein ächtes Bild der wilden Bergnatur darstellt.
Benvenuta war ganz bezaubert und ich ganz erstaunt dass sie es war. Ich hatte sonst nie bemerkt dass dergleichen Bilder einen solchen Eindruck auf sie machten. Und doch konnte es nicht anders sein! in dem Kinde s c h l ä f t die Seele, giebt sich nur in einzelnen aufblitzenden Regungen kund, die aber noch weiter nichts als Träume sind. Beobachtung und Wissbegier sind vorherrschend im Kinde: es will die Welt der grossen Leute verstehen. Ist es später in die Jugend hinein getreten – aus der Vorhalle des Lebens auf dessen Tempelschwelle – dann wird es gedrängt das Rätselwort seiner eigenen innerlichen Welt zu suchen; dann braucht es seine Seele, dann schüttelt diese ihren Schlummer ab, erwacht – und mit diesem Erwachen geht das Gefühl in ihr auf, diese Sonne um welche sich tausend Planeten der Gedanken drehen. Benvenuta war still nach ihrer Weise, aber ihre Augen stralten, und als ich sie auffoderte eine schöne Baumgruppe neben dem Gletscher zu zeichnen, sagte sie bittend:
"Ich muss heut' einen Feiertag haben, liebe Mama! es ist hier so sehr feierlich."
"Wir setzten uns Beide auf das frische Moos und lehnten uns an den rauhen Stamm einer ungeheuern Tanne, deren mächtige Zweige ganz still über uns hingen wie zerrissene Trauerflöre durch welche der tiefblaue Himmel und der goldne Sonnenstral freudeverheissend schimmerten. Vor uns lag die Wunderpracht des Gletschers. Ringsum war Alles still, nur die Bäche brausten. Die ganze Natur hielt Mittagsruhe. Seitwärts von uns sass Wilderich mehr zu uns als zu dem Gletscher gewendet. Sein tiefes ernstes Auge schlug zuweilen glanzvolle Blicke zum Himmel auf und sank dann wieder nach Innen blickend unter die Wimpern zurück. Einmal sagte er:
"Als ich ein kleiner Knabe war erzählte