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fort. Das fing an mich zu beängstigen. Wilderich war ein Mensch der sich aus Dankbarkeit für eine Frau fanatisiren konnte. Benvenuta sollte mich in den Frühlingsferien besuchen. Ich benutzte das um ihm eines Tages zu sagen: "Es ist zwar sehr unfreundlich einem Gast und einem Kranken die Tür zu weisen, aber es hilft nichts, lieber Wilderich, Sie müssen meiner Tochter das Feld räumen! Ich habe in diesem engen Häuschen nur ein Gastzimmer." "Sie haben mich so lange geduldet aus übergrosser Güte; nichts als Beschwerden und Last habe ich Ihnen gemacht und doch missbrauche ich Ihre Güte genug um nicht von selbst Ihr Haus zu verlassen! das wäre eine grenzenlose Unbescheidenheit – wenn" .... – – – "Es ist keine! unterbrach ich ihn schnell. Sie fühlen sich noch nicht vollkommen hergestellt, und fühlen ebenfalls – was Sie auch von Beschwerden u.s.w. sagen – dass Sie mir nicht lästig sind: drum wollten Sie die trüben Winter-Erinnerungen und den Rest von Schwäche an demselben Orte in der schönen Frühlingsluft abbaden; das ist ganz natürlich." "Ich werde mich also im Gastaus niederlassen; denn Ihre Tochter, gnädige Gräfin, muss ich durchaus kennen lernen! sie ist wohl so ziemlich das einzige Geschöpf auf der weiten Welt für das Sie sich interessiren." "Von Ihnen, Wilderich, hab' ich diesen Vorwurf doch kaum verdient." "Es ist kein Vorwurf .... wenigstens keiner für Sie, sondern für Andere. Aber Ihre Tochter m u ss ich kennen lernen!" "Ich habe gar nichts dagegen," sagte ich ein wenig befremdet, da ich nicht begriff welch Interesse er plötzlich an der unbekannten Benvenuta nahm, deren Porträt ihm nicht einmal sehr gefiel. Er blieb also in Grindelwald nahm ein Zimmer im Gastof und verbrachte übrigens seine Tage bei und mit mir. Bald darauf kam Benvenuta. Sie war jezt in ihrem sechszehnten Jahr, und lieblich .... ach lieblich, wie man eben nur in dem Alter ist, frisch, blühend, rosig und doch so zart wie eine Purpurwolke am Morgenhimmel. Ihre frühere Kränklichkeit hatte sie wie es schien gänzlich überwunden. Ein lebhafter Wechsel der Farbe bei jeder Gemütsbewegung – in welcher sie überdas immer schwieg – deutete auf eine feine reizbare Organisation und auf ein stilles tiefes Gefühl. Von der fliegenden Heftigkeit meiner jugendlichen Empfindungsweise war Gottlob! keine Spur in ihr. Ich glaube nicht ein holdseligeres Mädchen je gesehen zu haben. Sie war so recht ein junges Mädchen – unbefangen und doch schüchtern, schelmisch und doch blöde. Was weiter in ihr war – wer konnte es wissen? – – Wilderich empfing Benvenuta mit stralender Freude. Ich verstand das gar nicht. War es Dankbarkeit gegen mich? hatte sich seine Phantasie zuvor von ihr fesseln lassen? war es eine urplötzlich entzündete Liebe? Zuweilen glaubte ich eines dieser Motive in seinem Benehmen zu finden, zuweilen keines. Was er nur erfinden konnte um Benvenuta zu unterhalten, wendete er an. Zuerst liess sie sich das nur gefallen; allmälig war es ihr angenehm der Gegenstand einer so unausgesetzten Huldigung zu sein. Ich erinnerte ihn täglich an seine Reise nach Baden; er behauptete sie täglich mehr entbehren zu können. "In dem Fall würde Ihre Mutter doch sehr froh sein Sie nach all diesen überwundenen Gefahren wiederzusehen;" sagte ich. "Allerdings! .... und ich auch die gute Mutter! entgegnete Wilderich. Allein ich bin überzeugt sie gönnt mir von Herzen dass ich jezt ein wenig die Schweiz geniesse – und umsomehr da ich meine Zeit nicht verliere, sondern bei Ihnen perfect englisch gelernt habe! denn Zeitverlust ist nun einmal den Müttern ein Greuel." "Sie geniessen aber gar nicht die Schweiz, lieber Wilderich, wenn Sie immer hier bleiben." "Kann man sie schöner geniessen als hier? liegt mir nicht grade hier ihr characteristischer Zauber vor Augen: feierliche Majestät und idyllische Anmut? Dies Tal ist eine Wiege in der wie Zwillinge Gletscher und Wiese friedlich bei einander ruhen. Um unsre kleinen niedrigen Hütten halten die Titanen der Natur, die hohen Berge Wache, recht wie es sich ziemt für die Grossen dass sie die Kleinen beschützen. Da oben donnern die Lavinen, hier unten summen die Bienen! – Und waren wir nicht gestern in Interlachen und vor drei Tagen in Lauterbrunn? – Wollen wir nicht morgen zum Rosenlaui-Gletscher, und ein andres Mal zur Handeck und auf das Faulhorn; und immer wieder hieher zurück unter dies gesegnete Dach? Nein, gnädige Gräfin, weder in der Schweiz noch in der Welt kann ich etwas Schöneres sehen." "Ich kann mir nicht helfen, Wilderich, ich bin eine ächte Mama: mir tut Ihre Zeitverschwendung leid!" "Ach! die sogenannt verschwendete Zeit ist fast immer eine glückliche von der uns später für Nachwirkung und Erinnerung kein schöner Augenblick, kein seliger Atemzug verloren geht, von der ein erquickender Duft und ein melodischer Nachhall in der Seele bleibt." "Kind! was wissen Sie mit Ihren zweiundzwanzig Jahren von Erinnerungen?" "Wenn ich auch nichts w e i ss , so ahne ich doch ihren Zauber und ihre Macht." "Wie das jugendlich gesprochen ist! Von den Erinnerungen erwartet die Jugend allgewaltige Magie; aber auch von der Zukunft! .... und auch von der Gegenwart, nicht wahr? Ihre ungeübte und ungeprüfte Kraft erscheint ihr so masslos und unerschöpflich