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Nicht in grossen Harmonien umrauschten mich die Naturstimmen, die Nachts so vernehmlich vom Gebirg herabkommen, auf den Wipfeln der Bäume und auf den Wellen des Flusses säuseln, und in die Ferne hinein hallen; – denn sie klangen mir wie eine lange, unendlich lange, ewig wiederholte Frage .... ohne Antwort! und das macht müde. Aber dennoch war mir die Nacht lieber als der Tag mit seinem angstvollen Menschengewimmel, das nach nichts Anderem als nach Zerstreuung und Vergessenheit ringt! der Arme: nach der Leibesnotdurft eines Bissen Brotes, der Reiche nach Befriedigung imaginärer Bedürftigkeit. Darum verschlief ich die Tage, und die Nächte – verträumt' ich. Im Herbst besuchte mich Benvenuta, und vierzehn Tage lang unterhielt sie sich vortreflich bei mir. Sie hatte mir so viel zu erzählen, dass sie meistenteils die Kosten der Unterhaltung trug. Ueberdas gefiel ihr das ganz ländliche Leben das sie an ihr geliebtes Engelau erinnerte. Ich machte grosse Spaziergänge mit ihr, besuchte mit ihr die Hütten der Landleute, meiner Nachbarn, mit denen ich auf einem viel freundlicheren Fuss lebte als mit den Nachbarn von Engelau – nicht nur weil ich im Stande war ihnen zuweilen Hülfe und Beistand zu leisten, sondern hauptsächlich weil ich sie besuchen durfte ohne weisse Handschuh anzuziehen. Indessen nach vierzehn Tagen waren wir wiederum Beide von der Anstrengung erschöpft uns gegenseitig dieselbe zu verhehlen, und ich brachte sie nach Ouchy zurück. Besorgt fragte sie mich ob ich wirklich dem Winter in meiner einsamen Cottage zwischen Schnee und Gletschern trotzen wolle. Ich war dazu entschlossen; meine Gesundheit hatte sich in der frischen Bergluft, bei der höchst einfachen Kost und Lebensart sehr gebessert; dazu waren mir meine vier Wände behaglich, die ganze häusliche Einrichtung bequem; weshalb sollte ich diese Vorteile aufgeben für die ich in Lausanne oder Genf kein Aequivalent fand, da Geselligkeit und Umgang mich langweilten und abstiessen? "Und wirst Du Dich nicht zu sehr langweilen, so ganz .... ganz allein? meine arme liebe Mama!" fragte Benvenuta, mich zärtlich umschlingend und mit den guten Augen ihres Vaters mich ansehend. "Nein geliebtes Kind! entgegnete ich wehmütig und durch die Wehmut die Vorsicht vergessend: – wenn ich ganz allein bin langweile ich mich noch am wenigsten." "Ach! da bin ich Dir wohl auch langweilig!" rief sie betroffen. "Du bist mein Kind: das zählt nicht als Gesellschaft!" erwiderte ich lachend. Aber solche kleine bedenkliche Aeusserungen fielen auf beiden Seiten doch bisweilen, und darum war es gut wenn wir nicht lange beisammen blieben. Im October fiel schon Schnee und ich machte mich zu meinem Winterschlaf zurecht. – Die grosse Schaar der Reisenden hatte sich längst im Oberland verlaufen; nur einige Nachzügler kamen noch zuweilen nach Grindelwald, wenn ein schöner Tag und ein tiefblauer Himmel das Gebirg und die Gletscher in ihrer Pracht zeigten. Es war um die Mitte eines solchen Tages. Ich war lange umhergestreift und hatte hier und da nach meiner Gewohnheit in einigen Hütten eingesprochen um zu sehen ob und wie sich das arme Volk zum Winter einrichten könne, wo so mancher Verdienst und Vorteil wegfällt, den der Sommer mit sich bringt. Ich kehrte heim. In einiger Entfernung hinter mir gingen zwei Männer, ein Reisender und sein Führer. Durch die klare stille Luft drangen ihre Worte zu mir als der erste fragte: "Wer ist die Dame die vor uns geht?" "'s ischt die guti Fru vom Grindelwald," entgegnete der Führer, dessen Stimme ich kannte, denn ich hatte mich seiner Schwestern angenommen, die hier lebten – zwei brave blutarme Weiber. Da ich nicht zweifelte dass nun der gute Aloys eine lange mich betreffende lobende Geschichte erzählen würde – und da ich es nie habe ertragen können mein Lob zu hören: so blieb ich am Wege stehen und sagte: "Grüss Gott, Aloys! Ihr habt einen stärkern Schritt als ich: da geht nur erst vorüber ehe Ihr weiter von mir sprecht." Aloys zog seine Kappe und entgegnete unverzagt: "Nichts für ungut, Fru! der Herrgott tut's auch hören wenn man ihn lobpreist." "Wohin geht's, Aloys?" fragte ich abbrechend. "Ins Gastaus zuerst, denn wir kommen von Meiringen, und dann zu den Gletschern! morgen früh nach Lautérbrunn über die Wengernalp, und Abends nach Interlachen; – von da gen Bern." "Glückliche Reise!" sprach ich und winkte dem Reisenden an mir vorüber und weiter zu gehen, was er mit einem etwas verwunderten Gruss auch tat. Aloys folgte ihm. Einige Stunden später machte sich ein grosser Auflauf beim unteren Gletscher und es verbreitete sich die Nachricht ein Paar Engländer wären in einen Spalt hinabgestürzt. Allmälig berichtigte sie sich dahin, dass ein Fremder einen höchst gefährlichen Sturz getan und schwer verwundet aber noch am Leben sei. Nach einiger Zeit brachte man den Reisenden von heute früh besinnungslos getragen, und Aloys stürzte voran und zu mir mit der Bitte ihn bei mir aufzunehmen. Ich hätte es ohnehin getan. Mein Gastzimmer war schon bei der ersten Kunde in Bereitschaft gesetzt. Als die Leute ihn bei mir untergebracht sahen, entfernten sie sich mit der tiefen Zuversicht: nun würde er schon wieder gesund werden und es könne ihm keine Pflege fehlen. Mich rührte dies Vertrauen, weil es mir ihre wolwollende Gesinnung bewies; aber zerbrochene Glieder und ein zerschmetterter Kopf begehrten ärztliche Behandlung. Ich schickte reitende Boten nach Unterseen, nach Tun und Bern