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vielleicht bewies man es mir auch – ich hab' es vergessen! Dies Alles war nicht das was ich brauchte. Das unbekannte Gut, welches ich in jeder dem Menschen gegönnten Richtung gesucht hatte, in der Welt, in den Gefühlen, in der praktischen Tätigkeit, in der geistigen Ausbildung, und immer umsonst! – ich suchte es jezt im religiösen Glauben – und ebenso vergeblich; und es war doch das einzige was ich brauchen konnte.
"Ihnen ist bei uns nicht zu helfen! sprach meine Freundin. Ihre Phantasie wird durch den Katolischen Pomp gefangen, und Ihr Verstand huldigt dem Rationalismus. Diese zwei Elemente ersticken den wahren Glauben."
Es halfen keine Discussionen mehr! ich konnte ihr nicht anschaulich machen, dass nicht der Katolische Pomp sondern die Katolische Einheit mich anzog; nicht, dass ich den Rationalismus als ein Attribut steriler, dürftiger Naturen betrachtete, welche sich im Uebersinnlichen dermassen unheimisch fühlen, dass sie es sinnlich sich erklären müssen; und endlich nicht, dass es mir unmöglich sei mich einer religiösen Gemeinschaft hinzugeben, so lange ich entweder äusserlich mit ihrer Form – oder innerlich mit ihrem Princip und mit meiner Anschauungsweise in Conflict geraten könne.
So war mir der einsame Winter in der Villa paisible vergangen; fast täglich ging ich nach Montreux, und jeden Sonntag fuhr ich zu Benvenuta nach Ouchy. Lectüre und Spaziergänge füllten meine übrigen Stunden. Im Junius musste ich sie aber den Besitzern räumen. Ich besuchte Astralis in Freiburg, und hatte die herzliche Freude sie ebenso zufrieden, und geistig und körperlich in gesunden Elementen gedeihend zu finden, als Benvenuta. Beide waren kräftiger, munterer, frischer als bei mir. Otberts Behauptung fiel mir ein: jeder Mensch habe einen eigenen Lebensäter um seine Persönlichkeit, und dieser wirke entweder belebend oder vernichtend auf andre Persönlichkeiten. Der meine schien in der Tat verzehrender oder austrocknender Art zu sein. Es konnte Niemand so recht behaglich neben mir bestehen noch gedeihen.
Ich ging nach dem Berner Oberland um mir dort ein stilles Plätzchen zu suchen. Das ist schwer genug. Allüberall wimmelt es von Reisenden. Grindelwald schien mir am meisten von dieser Stille zu bieten. Der weite Kessel am Fuss des Wetterhorns von dem die Lavinen donnernd herabstürzen – die grünen Matten der Abhänge auf denen zahlreiche Heerden weiden – der nackte Fels der höheren Bergwände und der ewige Schnee ihrer Häupter – unten die blumigen duftenden Wiesen mit einzelnen Bauerhäusern, Sennhütten und Gehöften, mit Gärten und Obstbäumen übersäet – machen das Tal von Grindelwald vielleicht nicht so malerisch und reich als das von Interlachen, Lauterbrunn und Meiringen; aber sie geben ihm den Character eines einfachen Hirtenlandes, der mich woltuend ansprach. An Reisenden fehlt es freilich auch dort nicht! die beiden Gletscher, welche ihre Eisblöcke von den Bergen herab und auf den lachenden Teppich der Wiesen schieben, sind Merkwürdigkeiten welche die Touristen locken, ohne sie jedoch zu längerem Aufentalt zu veranlassen.
Am unteren Gletscher, der über dem Quell der Lütschine einen saphirfarbenen Bettimmel von Eis wölbt, lag ein Bauerhaus zwischen einem Nussbaum und einer Linde. Wer kennt sie nicht diese malerischen Hütten des Berner Oberlandes, ganz von Holz, mit flachem, breitem, weitschirmendem Dach, mit zierlich geschnitztem Altan rund ums obere Geschoss laufend, mit frommen Sprüchen am Gesims des unteren; ein Brunnen daneben und zwei Schuppen: der grössere für die Kuh und die Ziegen, für die Bienen der kleinere. Aus schönen Bildern oder aus der schöneren Wirklichkeit kennt Jeder sie und jenes Haus glich ihnen vollkommen. Nur war es ganz frisch und neu, und nie bewohnt gewesen; denn eine Engländerin hatte es bauen und einrichten lassen zu ihrer Villeggiatura; aber sie war im Frühling gestorben ohne es je gesehen zu haben, und ihre Erben wünschten dringend es zu verkaufen. Ich widerstand dieser Lockung nicht: für einen mässigen Preis brachte ich das trauliche Hüttchen an mich, und mit unbeschreiblichem Wolbehagen nahm ich auf der Stelle davon Besitz. Es war so recht in meinem Sinn und nach meinem Geschmack in Harmonie mit Umgebung und Bestimmung eingerichtet: das untere Stockwerk für Dienstboten und wirtschaftliche Räume; das obere für einen einsamen Menschen – vielleicht für zwei, wenn sie genügsam waren und sich liebten – und Alles mit der grössten Einfachheit und Sauberkeit, die Wände nach Schweizersitte getäfelt mit braunem polirten Nussbaumholz; von demselben Holz Tische und Schränke; Vorhänge und Meublebezüge von hellem buntgeblümten Zitz – ein wahres Ideal von Einfach heit! Schlaf- Wohn- und Esszimmer nahm ich sogleich für mich in Besitz. Das vierte Zimmer bestimmte ich für Benvenuta, wenn sie in den Schulferien mich besuchen würde.
Wie immer ging es mir Anfangs wohl, denn ich genoss mit vollen Zügen den Zauber der Hochgebirgsnatur – aber nicht wie auf der Reise, sondern in einer selbstgewählten Heimat. Das war mir neu! eine Eigentumsstätte hatte ich in fremden Landen nie gehabt. Es würde mir vorgekommen sein als nähme ich Besitz von einer neuen Welt im Kleinen, wenn ich die Frage hätte beschwichtigen können, welche sich vorwitzig aus meiner Selbstkenntniss mir entgegendrängte: Wie lange wird der Reiz währen? wann wird er abgestumpft sein? Das störte meinen Genuss. Uebrigens gab ich mich lediglich meinen Gedanken und den Einflüssen und Eindrücken der Natur hin. Ich hatte so viel gelesen und so wenig Befriedigung davon gehabt, dass Bücher mich angähnten; ich verdankte das meiner eingewurzelten Torheit: statt in ihnen die relative Wahrheit zu suchen und mir aus derselben einen Nahrungsschatz für eigene Meditationen zu sammeln, hatte ich nach der absoluten in ihnen geforscht und