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die Gabe sie lebendig zu machen und meine arme Gegenwart mit ihnen zu schmücken.
War es eine Wiederkehr physischer, oder ein Zusammenraffen geistiger Kraft – genug, plötzlich überfiel mich die Angst ich könne in den nervosen Marasmus meiner armen Mutter versinken und mein Kind derselben innern Entwickelung oder Verwahrlosung – wie soll ich sie nennen! – Preis geben, die ich bei mir selbst für so schädlich erkannt hatte. Die Aerzte rieten mir überdas Veränderung der Luft und Umgebung, und ich fühlte mich durch diese acht Jahr eines ununterbrochenen Aufentaltes in Engelau so ausgesogen, so zusammengeschrumpft, dass mir wie einem Kranken im abgesperrten Zimmer die Lebensluft ausging. Gespenster, Gespenster wohin ich blickte! Gespenster meiner Menschen, meiner Hofnungen, meiner Taten, meiner Gefühle! Gespenster von Epochen, Tagen, Stunden, an diese Räume, an diese Localitäten gebannt, äusserlich mich umzingelnd, die innere Oede nicht füllend. Ich wollte fort um etwas Andres zu sehen als diese Gespenster und um den Kindern etwas Andres zu zeigen als die melancholische kränkliche Mutter. Ich wollte fort um meine Geschäfte welche sich in diesen zwei Jahren durch Otberts wahnsinnige Verschwendung und meine Untüchtigkeit bedenklich verschlechtert hatten, zu ordnen. Ich selbst konnte es nicht. Ich übertrug also die Verwaltung meines Vermögens einer Vormundschaft von redlichen und verständigen Männern, welche das Recht meiner Tochter hauptsächlich gegen Otberts Foderungen verteidigen sollten. Uebrigens teilte ich mein Einkommen nach wie vor mit ihm, und so trat ich meine Reise zu meinem Onkel dem Bischof an. – Sie tat mir wohl, die Bewegung, der Wechsel, die freudige Neugier der Kinder zerstreuten mich; der herzliche Empfang des geliebten und verehrten Greises erquickte mich. So gab es doch wirklich noch einen Menschen auf der Welt, der an mir Teil nahm, der sich für mein Wolergehen interessirte! – Aber er war bereits fünfundsiebzig Jahr alt, und körperlich sehr schwach. Er konnte gar nicht sein Zimmer, kaum seinen Lehnstuhl verlassen: die Füsse trugen ihn nicht mehr. Und doch keine Spur von Abgestorbenheit! sein Herz war frisch. Er hatte es immer für Andre, nie für sich in Atem gehalten, daher fehlte ihm auch jezt die Tätigkeit und Regsamkeit nicht, welche bei Denjenigen im Alter so leicht versiegt, welche ihr Herz mit selbstischen Bestrebungen überfüllt haben. Es wird ertränkt im Durst der Ichsucht. Den kannte er nicht. Er schien Alles zu besitzen – für Andere. Was Jeder begehrte fand er bei ihm: Rat oder Tat, Gold oder Liebe.
Mir war in Würzburg als wehe ein linder Tauwind über die Eisgefilde meiner Seele. Zum ersten Mal seit meiner Trennung von Fidelis trat mir sein Bild ohne herbe Bitterkeit nur mit unsäglicher Wehmut entgegen. Ich ging in den Dom zu jenem Platz am Pfeiler wo ich einst ihn beten sah. Ich fand ihn gleich. Er kam mir geweiht, geschmückt, erleuchtet vor, als sei ein Engel über ihn fortgeschritten. Ich bin's nicht wert ihn zu betreten, sprach ich zu mir selbst. Aber daneben sank ich zu Boden. Ich kann nicht sagen, dass ich kniete, dass ich betete; nein! ich lag nur da und ächzte stummen Jammer aus. Hier ahnte ihn zum ersten Mal das kindische Mädchenherz; aber unbewusst ging es an ihm vorüber und zu einem andern Mann. Hier fand das Weib ihn nach Jahren wieder, befähigt ihn zu erkennen und zu würdigen; aber es war verblendet, erkannte und würdigte ihn nicht, und ging abermals an ihm vorüber und zu einem andern Mann. Jezt war ich zum dritten Mal auf dieser Stätte, doch ohne ihn. Auch er, sogar er! war dem Fluch des Daseins erlegen: der Schwäche. Dennoch blieb er das Altarbild in meinem Leben, aber – es war verschleiert.
An die Kirche zu der er gehörte, welche die Ihren liebt und nicht belehrt – wie Fidelis sagte – dachte ich viel. Eine geistige Gemeinschaft mit ihm, vermittelt durch Gebet, geheiligt durch Andacht, wäre mir süss gewesen. Ohnehin hatte ich Veranlassung mich mit ihr zu beschäftigen, denn ich vergass nicht Arabellas letzten Wunsch Astralis in der Katolischen Religion zu erziehen; ich wollte sie in eine gute Erziehungsanstalt geben. Die der Damen vom Sacré Coeur zu Freiburg in der Schweiz wurde mir sehr gerühmt; das passte zu meinem Vorhaben mich auf einige Jahre in der Schweiz niederzulassen, und Benvenuta in Genf oder Lausanne zu erziehen. Einstweilen aber bekamen Beide in Würzburg passenden Unterricht, denn ich konnte mich nicht entschliessen meinen guten Onkel jezt zu verlassen, da die Aerzte mir sagten: das friedliche Erlöschen seiner Lebenskraft stehe täglich in Aussicht.
Nicht nur Sommer und Herbst, auch den ganzen Winter blieb ich bei ihm, und nicht bloss aus Anhänglichkeit, sondern auch aus Interesse andrer Art: ich dachte an meinen Uebertritt zur Katolischen Kirche, oder vielmehr: ich nahm diesen Gedanken wieder auf. Ich hatte lange Gespräche mit meinem Onkel über religiöse Fragen und Lehren; ich las mit Aufmerksamkeit Alles was diesen Punkt betraf, Controversen für und gegen; die alten Kirchenväter und die neuen Rationalisten der protestantischen Teologie; Lamennais und Schleiermacher, Fénélon und Strauss. Ebenso unsinnig wie ich im Studium der alten Sprachen und der Matematik – Weisheit zu finden gewähnt hatte, wähnte ich jezt in der Teologie – Religion zu finden. Ich folgte ziemlich geschickt den Subtilitäten der Dialektik, welche wie auf dem gespannten Seil der Tänzer seine Schritte, vorsichtig und pünktlich ihre Beweise setzt. Kam nun aber der Augenblick wo der letzte Beweis dem