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mit dem Testament als ich zufrieden. Bei den Geschäftserörterungen die jezt mehrfach zur Sprache kamen, drang ich denn auch auf die seinigen, und fand die Angaben des Kammerdieners bestätigt. Ich erklärte ihm ich sei bereit diesmal seine Schulden zu bezahlen, aber auch entschlossen mich für die Zukunft gegen eine ähnliche Zumutung zu verwahren. Was kümmerte ihn die Zukunft! war er doch für die Gegenwart wieder frei. – Natürlich nahm er die Sache auf als geschähe m i r der grösste Gefallen durch seine Abreise nach Paris, die er ersehnte; und als lasse er mir Astralis aus besonderen Rücksichten für Arabella, die mich zu ewiger Dankbarkeit im Namen meiner Freundin verpflichteten. Mit der grössten Kälte trennten wir uns. Ich fühlte mich grenzenlos gedemütigt an einen Mann geschmiedet zu sein, dem ich ein äusserliches Interesse widmen musste ohne ihn zu achten oder zu lieben. Ach "die ewige Fessel" – dies Wort der Betörung welches Arabella einst mir zuwarf, wie seltsam hatte es sich bewährt! nicht um Otbert – nein! .... um mich selbst hatte ich sie geschlungen! – Und was war das für ein unbegreiflicher Einfall von Sedlaczech ich solle sie noch fester ziehen .... von ihm der mich anbetete. – –
Nun ja, ich wusste es! Otbert hatte es ausgesprochen und seitdem sprach auch ich es aus! aber ich hatte es schon länger gewusst, ohne bestimmen zu können wann, wie, wodurch. Meine Matematik liess mich hier im Stich, und ohne ihre Hülfe wusste ich dass Sedlaczech mich anbete – lange, o schon sehr lange! vielleicht – immer! Welch eine Labung lag in dem Gedanken – immer! gleich war es mir als baue sich am heissen, leeren, bestaubten Lebenswege ein Kapellchen auf und ein mächtiger Baum breite seine grünen kühlen Aeste schattig darüber aus. Auf diesem Plätzchen voll himmlischer Andacht und voll irdischem Wolbehagen war es zugleich selig und süss zu ruhen, und wie das Loretto-Häuschen von Engeln getragen schwebte es mir vor und winkte mir als holdselige Freistatt in die ich von der öden langweiligen Landstrasse fliehen durfte. Solch ein reizendes Bild zauberte mir das arme kleine Wort i m m e r herauf. Wohl sträubten sich meine Erfahrungen und Zweifel dagegen! .... was half es? – wie heilig lag die Kapelle da! wie frühlingslieblich wehten die grünen Zweige in denen die Vögel sangen und die Morgenlüfte rauschten und die Goldfunken der Abendsonne blitzten! – – –
In dieser Stimmung kehrte ich nach Engelau zurück! Freudig wäre ich wohl stets empfangen worden; jezt wurd' ich es doppelt da ich allein kam. Obzwar Keiner mir diesen Grund sagen konnte, fühlte ich ihn dennoch bei Allen im Hinterhalt. Sedlaczech sah verklärt aus vor innerem Jubel.
"Ich habe nicht geahnt dass Sie sich s o freuen könnten, lieber Meister!" sagte ich.
"Ach, ich bitte um Verzeihung!" entgegnete er und in seinem Blick, seiner Stimme, seiner Bewegung erlosch urplötzlich das Freudenlicht. Er war wieder der stille verschlossene kühle Mensch als den er sich gewöhnlich zeigte.
Das Leben ging alsbald wieder fort im gewohnten Gleis der kleinen Pflichten und der friedlichen Beschäftigungen. Der Todesfall meines Schwiegervaters und Astraus Erscheinung hatten keinen umgestaltenden Nachhall. Die Musik trat wieder in ihre früheren Rechte. Ich erklärte, nachdem wir uns bis dahin dem Kirchengesang der Alten gewidmet hätten, würde ich in diesem Winter nichts singen als Compositionen von Sedlaczech, und er musste seine Psalme und seine Pastoralmesse vierstimmig für uns setzen. Seine Musik war gleich seiner Seele: ernst und geheimnissvoll wie ein Dom, der die Klagen, Kämpfe, Schmerzen und Aengste des gesamten Menschengeschlechts wiederhallt. Nur die Feier der Heiligen Nacht machte eine Ausnahme: wie eine himmlische Vision von Fra Angelico kam sie mir vor. Der ganze Himmel mit seinen Engeln, Glorien und Paradiesen öfnete sich über der Erdennacht der Welt und der Seele, die mit mystisch seligem Schauer die Offenbarung der Liebe empfing. Das Halleluja das am Schluss die Hirten, die Magier und die Könige sangen – die Armut die Weisheit und die Macht! – und in das die Engel wie aus seliger ferner Höhe herab einstimmten, war ein Meisterwerk der Idee wie der Ausführung nach. Sedlaczech componirte den Text immer selbst, immer lateinisch und möglichst bibeltreu, und die feierliche majestätische Sprache, die man nie in einer Opernarie, nie in einer Chansonette, Romanze oder Bolero gehört, verstärkte den religiösen Eindruck ausserordentlich indem sie die Ausdrucksweise beseitigte, welche profane Gedanken mit sich bringen. Diese Vigilie der Heiligen Nacht wurde unser Aller Lieblingsmusik.
"Wo ist Ihnen diese Vision aufgegangen, Fidelis?" fragte ich ihn eines Morgens als wir allein im Musikzimmer waren.
"In Venedig," sagte er.
"In Venedig? als wir zusammen dort waren?"
"Ja! aber erst in Rom wurde sie mir klar genug um sich in Tönen fassen zu lassen. Bis dahin .... umrauschte mich ein melodischer Strom, dem keine Einzelheiten abzugewinnen waren."
"Es müsste von hohem Interesse sein zu erfahren wo und wie die Ideenkeime grosser Kunstwerke oder grosser Taten sich einer Seele bemeistert haben. Es müsste uns wichtige psychologische Aufschlüsse geben."
"Und würde uns zu tausend Trugschlüssen veranlassen! rief er lebhaft. Der Geist Gottes, der alles gute, edle und schöne Tun hervorruft, weht wo er will und meistens ohne irdische Spuren. Wir können ihn nicht locken, nicht bannen; nur ihm folgen