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die es sich, an lange Unterwerfung, ja Unterdrückung gewöhnt, angeeignet hat – Selbstverleugnung: die Fähigkeit hinter das Geliebte zurückzutreten. Dies Geliebte, Otbert, braucht nicht immer ein Mann, nicht immer ein Kind zu sein. Es kann auch eine Ueberzeugung, ein Glaube, eine Liebe, eine Idee sein. Wo die herrscht – ist die Eitelkeit todt."
"O b s i e n i c h t I d e e n h a t t e n , u n d f ü r d i e s e s t e r b e n w o l l t e n ? – spricht Platens Mopsus neben seinen zwölf todten Kindern. Du willst dass das Weib für Ideen lebe! Er vervollkommnet Deine Weltanschauung, teure Sibylle."
"Er persiflirt sie .... und das unterhält mich sehr. Es wäre gar langweilig wenn man ernste Dinge immer mit feierlichem Ernst, und nicht zuweilen mit jenem Humor betrachten wollte, den ihre Uebertreibung oder ihre Kehrseite in jedem aufrichtigen Gemüt hervorlockt."
"Du nimmst also auch den Humor für Dein Geschlecht in Anspruch? ein humoristischer Mann gilt bisjezt für einen halben Phönix! Indessen .... die elektrische Schnellkraft, die aus dem Gebiet der Empfindung in das der Ueberlegung hinüberspringt – die sich mit überraschendem Schwung aus den Rosenwolken der Gefühle auf die Gletscherspitze der Ironie oder in den klaren Aeter der Betrachtung erhebt – deren bedürft Ihr dazu nicht. Ihr macht Verse, plaudert von Emancipation, raucht Cigarren und findet das ungemein humoristisch .... während man es in der Tat burlesk nennen müsste! Diese Verschrobenheit ist eben eine Folge des Emancipationsprincips, das jezt in der Welt grassirt."
"Otbert! eine Welt die Ihr, Ihr Männer! durch Eure Civilisation so verschroben, so materialistisch gemacht habt, dass Weiber wähnen können durch dichten und durch rauchen einige Stufen ihrer Entwickelung zu erklimmen – kommt mir lächerlich vor, und so öde, so hohl, dass sie nicht dauern kann. Und wenn die Weiber Rauchclubs stifteten, es würde ihnen zu ihrer Emancipation ebensowenig, als Euch Eure JagdSpiel- Jockei- Rauch- Schach- und sonstige Clubs zum Fortschritt helfen. Lange Meditationen, tiefe innere Sammlung, ruhige fragende vergleichende Einkehr in sich selbst, müssen jeder höheren Entwickelung vorhergehen. Davon ist jezt bei Männern und Weibern keine Spur! sie sind zerfahrner, haltungsloser, äusserlicher denn je. Vielleicht werden die Weiber zuerst darüber zum Bewusstsein – und somit zur Besinnung kommen, dass ihre Emancipation nicht mit Cigarren und dergleichen Unsinn, sondern mit der gleichmässigen Ausbildung ihrer Innerlichkeit, mit der Pflege ihrer Pflichten und ihrer Rechte beginnen müsse. Warum sie zuerst? weil in ihnen grosse Kräfte sich dunkel regen. Wenn die licht werden" .... – –
"So tritt eine Regeneration ein, nach der auch alle socialen und religiösen Emancipationen streben und drängen! Nun sprichst Du ächt sibyllinisch, teure Sibylle! d.h. Du sprichst aus was Jeder ohnehin sagt, ohne es zu verstehen. Bei der Möglichkeit der Weltumgestaltung muss auch der ewiglebendige Weltgeist, der alle Regenerationen hervorruft: die Vernunft, in Anschlag gebracht werden."
"Hat Christus mit der Vernunft die alte Welt aus ihren Angeln gehoben?" sagte zu meinem Erstaunen Sedlaczech, der sich fast immer fern von unserm Kreise und Gespräch Abends im Musikzimmer aufhielt. "Die grossen Regenerationen die über das Menschengeschlecht vom Anbeginn gekommen, sind durch zwei Mächte bewerkstelligt, welche mit der Vernunft so wenig zu tun haben als die Sonne mit einem chinesischen Feuerwerk – durch Glaube und Liebe. Wo der Glaube und die Liebe sein werden, da wird die segnende K r a f t sein welche rettet was die S c h w ä c h e verwahrlost – die Schwäche, dies Symptom des Verfalls einer Epoche, welche heutzutage durch den ganzen Aufwand von speculativer Vernunft nur bemäntelt werden soll."
"Jezt werde ich versuchen meine Niederlage zu bemänteln indem ich mich von dem Felde der Discussion in die Freistatt der Kunst flüchte und Herrn Mezzoni bitte um seine liebliche Composition von: Ah senza amare;" – sagte Astrau.
Er wollte immer nur necken und ärgern. Wir waren keine Gegner bei denen er es der Mühe wert hielt sich in voller Ueberlegenheit zu zeigen: diesen Eindruck beabsichtigte er zu machen.
Aber das war Alles nichts weniger als angenehm, und die Aussicht er könne den Winter in Engelau zubringen, im höchsten Grade störend. Ich liess eines Morgens seinen Kammerdiener, seinen Geschäftsführer und Vertrauten zu mir bescheiden, und da erfuhr ich denn nach unendlichen Umschweifen und verwikkelten Redensarten, dass der Herr Graf in Folge seiner Grossmut und Munificenz, die von Anderen zur Ungebühr gebraucht und missbraucht worden sei – die nächste Aussicht auf St. Pelagie gehabt habe. Also eine vollkommene Zerrüttung seiner Finanzen? – Auf diese Bemerkung antwortete Monsieur Alphonse durch ein trostloses Achselzucken. Mit Mühe presste ich ihm die Summe der Schulden ab; sie war enorm. Dennoch musste ich sie bezahlen – das sah ich ein! – um Otberts unheimlichen Aufentalt in Engelau zu beenden; und andrerseits war es mir ebenso klar, dass sich dies Ereigniss noch zehn Mal wiederholen und ich durch diese unsinnige Ehe das Vermögen meiner Tochter ruiniren könne. Ich begriff jezt dass er sich zu einer Art von Execution bei mir mache, wie sie sonst säumigen Schuldnern von Gerichtswegen ins Haus gelegt wird. Nur sein erstes drohendes Auftreten hab' ich nie begreifen und nur vermuten