highChunks/1846_von_Hahn_Hahn_145_19499.txt -- topic 71 topicPct 0.196581199765

werden und der erbleichenden Lippe nicht eine Klage entlocken. Der Eine ringt .... und die Erde bebt, die Völker zittern, die Welt droht aus ihren Angeln zu gehen; – der Andre ringt .... und die Träne eines Dankbaren fällt auf seine Pfade, und der Segen eines Geretteten folget ihm nach. Dieser ringt um sich zu verstehen – Jener um sich zu beherrschen – Der, um sich zu entwickeln – und Der nach Weisheit! und Der nach Brot! und Der nach Ruhm! Alle .... auf ihre Weise, nach ihren Einsichten, mit ihren Kräften, welche so verschieden sind wie die Individuen selbst. Aber sie ringen, das heisst sie sammeln ihr ganzes Wesen auf e i n e n Punkt, von wo sie den Zug ins gelobte Land beginnen – vielleicht, wie Moses, es nie erreichend! – Und auch Sie müssen ringen, Sibylle, sonst werden Sie untergehen." "Und wohinwohin soll ich ringen?" rief ich. "Zu Gott!" sagte er sanft. Himmlisch mild wie der Schlussaccord einer Hymne fiel dies Wort und diese Stimme in mein Ohr. "Zu Gott!" wiederholte ich leise, und mein Gesicht sank in meine Hände, und mit tausend Tränen brach ich in mir selbst zusammen und ihre heisse Flut hob den starren Frost unter dem mein Herz seit Jahren eingeschrumpft war. Als ich aus diesem Paroxismus wieder zu mir selbst kam und mich ganz bewildert umsah – war Sedlaczech fort! – – Hatte ich eine Vision gehabt? – hatte unter Orgelton und Glockenklang eine Stimme zu mir geredet? – Ich war doch jeden Sonntag in der Kirche gewesen und hatte ein Paar hundert Predigten gehört und hatte ausserdem manches ernste gute Wort über religiöse Dinge mit meinen Pfarrern – und nicht bloss mit ihnen! – geredet, und nie war mir s o zu Mut gewesen. Nie bebte meine Seele vor ihrem Wort und dennoch ihrem Wort entgegen! Nie stand ihnen der Mosisstab zu Gebot, der aus dem Felsen Wasser schlug! – Und jezt kommt ein Mensch, sagt das Allereinfachste, das Allernatürlichste, was ich, was Jeder ebensogut oder besser hätte sagen können – schöpft es aus dem warmen tiefen Quell seines Herzens – und bewegt mich so .... aber so, dass ich zu mir selbst sprach: Vielleicht ist der Engel über den Teich Betesda dahin gerauscht, und die Blinden und Lahmen, welche jezt in ihm baden, werden genesen! – Vielleicht ist Ostertag gekommen .... der Morgen der Auferstehung. – O welche Gotteskraft ist im Menschen .... wenn er ein göttlicher Mensch ist! – – – Das Leben bekam jezt eine andre Färbung, als ob ein wärmerer, farbenreicherer Himmel einen kühlen und eintönigen verdrängt habe. Freilich war nicht mehr jeder Stunde ihre unveränderliche Bestimmung wie von einem Fatum zugewiesen. Freilich waren meine Beschäftigungen willkürlicher und unregelmässiger. Ich trieb nicht mehr die Einteilung der Zeit bis zu pedantischer Genauigkeit. Eben daher ward mein Leben mannigfaltiger weil Stimmung und Neigung des Augenblicks befragt wurden, weil der Tag nicht wie die Musik einer Spieluhr mechanisch abgearbeitet wurde. Was war das nur für ein unsinniger Einfall sich dermassen in ein Extrem zu sperren? fragte ich mich selbst ganz verwundert – und bedachte nicht, dass ich mir diese Frage wohl schon zwanzig Mal vorgelegt hatte und immer aus einem Extrem in das andre geschwankt sei. Jezt wollte ich auf der schönen klaren Mitte bleiben. Ein stiller Geist kam über mich. Mir ward woler denn je. Ich weiss nicht was für friedliche Anklänge voll süsser Melancholie aus den Tagen meiner Kindheit, aus der Erinnerung an meine Todten, mich anwehten! Sedlaczech war der Repräsentant jener Vergangenheit! unwillkürlich sah ich ihn von dem Kreise geliebter Geister umringt; unwillkürlich reihte ich ihn einer andern Ordnung der Wesen an. Ich hegte ihn mit zärtlicher und ehrfurchtsvoller Pietät in meinem Hause, wie den Barden aus den Tagen der Väter in den Ossianischen Gesängen. Ich sagte ihm das. "Bin ich wirklich so sehr alt und ehrwürdig?" fragte er lächelnd. Ich musste ihn auf diese Frage einmal gründlich betrachten. Nach einer Pause sagte ich: "Das Genie hat kein Alter, und Sie haben ein merkwürdiges Antlitz, Meister Fidelis – als hätte die Natur bei dessen Bildung mächtig tiefsinnige Gedanken gehabt, und als hätten Sie diese Gedanken alle erraten, alle ausgeführt." Dies war ganz richtig! die Züge waren fest geschnitten und fester noch ausgebildet. Flammenfinger schienen magische Zeichen auf seine Stirn geschrieben – Elfenfinger deren strenge Furchen geglättet, und den Abglanz ihres eigenen Schimmers über sie gebreitet zu haben. Die graden starken Augenbrauen, der festgeschlossene Mund zeugten von unüberwindlicher Entschiedenheit; aber wenn diese Lippen sich im Lächeln oder im bewegten Sprechen lösten, so legte sich ein schmerz- und seelenvoller Schmelz weich und fast zitternd über sie. Das Auge ruhte unter der Felsenstirn in tiefer Höle wie ein farbenspielender Diamant, der sein Licht nach innen wendet und nur zuweilen dessen Reflex nach Aussen blitzen lässt. "Sind Sie eine Jüngerin Lavaters? fragte er scherzend; und glauben Sie an dessen Physiognomik?" "Ich glaube an die Urmacht der Natur. Ist der Mensch nicht der Aus- und Abdruck der in ihm wohnenden, ihm uranfänglich eingehauchten Idee: so ist er ein Larvenbild, und dieses ist von einer wahrhaften Gestalt zu unterscheiden. Ich glaube dass Genius und Grösse nicht wie Zieraffen aussehen und sich geberden; und