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es gewährte mir Erquickung mich an eine solche zu wenden, da grade s i e mir seit meinem zehnten Jahr gefehlt hatte. Die kränkliche Mutter, der zärtliche Paul, der gleichgültige Otbert, liessen mich gewähren – aus sehr verschiedenen Gründen, welche aber für mich die nämliche Wirkung hatten. Mein Schwiegervater würde vielleicht versucht haben mich zu dominiren, wenn wir mehr zusammen gelebt hätten; allein grade ihm würde es schwerlich gelungen sein, weil ich nur kühle Achtung, keine warme Verehrung für ihn empfand. Und mein Onkel der Bischof, für den ich letztere im hohen Grade hegte, mied mit zarter Vorsicht jede p e r s ö n l i c h e Autorität um nicht unwillkürlich die g e i s t l i c h e hinein zu mischen. So hatte ich Niemand als mich selbst und meine eigene Zustimmung und Abmahnung, woraus ich mir das Tribunal meiner Handlungen zusammensetzen konnte; – und wie bestechlich .... im besten Fall wie einseitig, ist ein solches.
"Wie glauben Sie denn dass Ihre Zukunft sich gestalten werde?" fragte Sedlaczech.
"Da giebt es zwei Wege, entgegnete ich. Entweder ich verfalle in die schaale Routine des Lebens, welche die Eigenschaft besitzt die Leute – wie man es nennt zu conserviren; nämlich so wie Leichen sich in manchen Gewölben mit dem Anschein von Leben erhalten; und dann kann ich es zu grauen Jahren bringen .... vor denen der Himmel Alle behüten möge die er liebt! Oder solche Existenz ohne Reiz, ohne Nerv, ohne erhebende Gedanken, ohne beseelende Idee, ohne Leidenschaft – führt eine Atonie sämtlicher Kräfte herbei .... welche bald gänzliche Auflösung zur Folge hat. Acht bis zehn Jahre geb' ich mir noch. Dann ist meine Tochter erzogen, dann bin ich fertig, dann werd' ich vielleicht erfahren zu welchem Zweck ich gelebt habe; – denn bis jezt, das gesteh' ich Ihnen, begreif' ich es nicht. Das Leben aus Instinct fortzupflanzen, welches mir meine Eltern aus Instinct gegeben haben, scheint mir keine erschöpfende Bestimmung zu sein, und alles Uebrige: diese Gesetze n a c h denen – diese Pflichten f ü r welche – diese Genüsse u m welche man lebt: entsprechen so wenig unsrer Natur, sind so sehr das Product eines künstlich zusammengesetzten Zustandes, dass man sich selbst verkünsteln muss bevor man sich an sie gewöhnt."
"Wer kann sagen: ich begreife das Leben! erwiderte Sedlaczech. Niemand! Das ist eben die Sache Gottes. Wir aber, die wir es n i c h t können, sollten die Hände davor falten, weil es eine Hieroglyphe ist, die ein göttliches Geheimniss verbirgt." –
"Immer die Fabel von der verschleierten Isis!"
"Ja! aber auch immer im Fabelkleide die urewige Wahrheit."
"O Meister! rief ich, wie sind Sie nur zu Ihren unumstösslichen Ueberzeugungen gelangt."
"Als ich in meine Seele hinein blickte fand ich sie dort vor; denn sie sind uns eingeboren."
"Nimmermehr!" rief ich.
"Doch! unterbrach er mich sanft. Als die Engel in Menschengestalt zu jenen Zeiten von denen nur Legenden uns erzählen, auf der Erde umher wandelten, hatten sie ein geheimnissvolles Wort, kraft dessen sie augenblicklich zu ihren Gestirnen und ihren Himmeln emporsteigen konnten. Die Menschenseele weiss auch von einer solchen Bannformel mit der sie sich über den Staub hinaufschwingen kann, und die ist ihr eben eingeboren, ohne Unterschied der intellectuellen Gaben – Allen! sie heisst: Glaube und Liebe! – d e r Glaube einer ewigen Einheit anzugehören, die ihrer Essenz nach nichts Andres als eine Vollkommenheit sein kann: das ist der Schöpfer! .... d i e Liebe, welche uns die Vielheit, das Geschöpf, als unsers Gleichen, als Gefäss seines unerforschten Willens, als Symbol seiner Idee zeigt."
"Das ist genug für erhabene Menschen, entgegnete ich traurig; – nicht für mich. Diese gleichsam unpersönliche Gemeinschaft mögte ich die der Heiligen nennen .... und die Heiligen, Fidelis, über welche Dornen und Kohlen sind sie gewandelt ehe sie dahin gelangten. Lesen Sie doch die Bekenntnisse des heiligen Augustin, der heiligen Teresia! ist nicht jede Zeile, jedes Wort in ihre Tränen getaucht, von ihrem Herzblut überrieselt? wie sich eine wunde Brust aus unsrer harten nordischen Luft in eine südlichere flüchtet: so haben sie ihre Herzen einer Region zugewendet, deren Aeter feiner als unser derber irdischer ist, den die kaum vernarbten Wunden nicht ertragen würden. Sie tragen eine Glorie, ja! aber deren Stralen sind verwandelte Dornen."
"War Christus nicht von seinem Herzblut überrieselt auf dem Weg zu Golgata? – Sie fürchten das Leid zu sehr, Sibylle!"
"Ich fürchte es nicht! ich weiss nur aus unseliger Erfahrung, dass es uns nicht fördert und nicht hilft – und darum meid' ich es" .... – –
"Das heisst Sie lassen es fallen anstatt es reifen zu lassen."
"Das Leid pflegen .... ist Missverstand."
"Es reifen lassen .... grenzt an Weisheit! sprach er lächelnd. Es lebt sich dann durch alle Phasen durch und aus; es gestaltet sich zuweilen zu einer köstlichen Essenz – wie starker Wein, das Leben kräftigend, wie Rosenöl, es mit Balsamduft durchhauchend. Zuweilen wird es freilich auch zu einer sehr,