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bei seiner Winterwanderung, und lässt er sich gehen an die Erschöpfung: so schläft er ein – und stirbt. Ich suche mich zu verteidigen gegen diesen Tod; allein es wird mir schwer. Helfen Sie mir! und leben Sie wohl." Nach Rom schickte ich diesen Brief an die Adresse unter welcher ich Sedlaczech seine Pension seit unsrer Trennung in Venedig beständig zahlen liess. Ich wartete lange auf die Antwort. Endlich kam sie – und zwar aus Hamburg. Er selbst brachte einen jungen Italiener und fragte an, ob er ihn nach Engelau begleiten dürfe. Meine Erinnerungen waren so stumpf und grau, dass ich mich kaum mehr seiner Verbannung durch Otbert entsann. Ich lud ihn ein so schnell wie möglich zu kommen, und er kam an dem für mich so ereignissreichen Tage Aller Seelen. Er wurde sehr gefeiert; er war so wichtig für Engelau, denn er war mein und meiner Tochter Geburtstag. Sie wurde acht Jahr alt, ein schönes Kind mit den guten Augen und dem lieben Herzen ihres Vaters, aber still und verschlossen wie ich selbst es gewesen war. Am Morgen gab es Gesänge und Blumenkränze, am Abend Musik und Tanz. Ich hatte mich ein wenig ermüdet gegen zehn Uhr in mein Cabinet zurückgezogen, als plötzlich die Tür geöfnet ward und Sedlaczech eintrat. "Da sind Sie! sprach ich bewegt. O Fidelis! Gott segne Ihren Eintritt in dies Haus, das Haus meiner Väter und meiner Kindheit!" "Er segne diesen Tag!" entgegnete er und drückte meine Hand innig zwischen den seinen. Ich kehrte in den Salon zurück um den Italiener Herrn Mezzoni zu begrüssen. Philologie und Matematik sollten morgen auswandern, und statt ihrer zog die himmlische Kunst unter mein Dach; das stimmte mich sehr heiter, ja sogar fröhlich. Doch diese seltene Stimmung entschwand als Sedlaczech fragte: "Graf Astrau ist doch nicht krank?" "Er ist wohl – so viel ich weiss! entgegnete ich .... und weshalb sollte er denn krank sein?" "Weil er am heutigen Tage unsichtbar ist." "Er lebt schon seit Jahren in Paris" – erwiderte ich ruhig, aber ich fühlte dass ich erbleichte. Verlegen darüber etwas Unpassendes gesagt zu haben, fiel der arme Sedlaczech um dies Gespräch abzubrechen auf etwas ebenso Unpassendes. "Heute vor dreizehn Jahren war Ihr Vermälungstag" – brachte er fast stotternd hervor. Wohl hatte ich daran gedacht, und meine ganze Kindheit und Jugend, und mein ganzes Schicksal voll seltsamer Einsamkeit waren auf diesem Gedanken an mir vorüber gerauscht und hatten mich während des Tages trübe gestimmt. Jezt vergass ich es einen Augenblick in der Freude Sedlaczech wiederzusehen und er, er selbst musste mich daran erinnern. "Schon dreizehn Jahr den bewussten Traum des Lebens zu träumen .... ist fast zu viel, erwiderte ich kalt. Ueberdies ist dreizehn eine schlimme Zahl. Mir graut vor diesem Jahr." Man beruhigte mich damit dass das vierzehnte beginne und die böse Dreizehn überwunden sei; und bald darauf trennten wir uns. Du bist ein Novemberkind, vergiss das nicht! – sprach ich zu mir selbst, als ich mein Cabinet wieder betrat, das ich vor einer Stunde so fröhlich verlassen hatte. Der Monat ist ein Symbol Deines Lebens: die Sonne sendet wohl zuweilen einen Stral herab, allein er geht unter in Wolken und Nebeln und sie selbst steigt nicht hoch genug um das wüste Grau zu überwinden. Abwärts, abwärts sinkt sie in den ersterbenden December hinein .... da erlischt sie im Eise. Am andern Morgen reiste Herr Becker ab, nach Paris. Ich fühlte mich verpflichtet ihm nach der tödtlichen Langenweile der drei Engelauer Jahre die Erholung dieser Reise zu verschaffen. Er wollte freilich von der Langenweile nichts wissen, und es ist auch ganz richtig: wenn man sich verliebt langweilt man sich nicht. Um desto grösser war aber seine Freude, und sie contrastirte lebhaft mit den Tränen welche Fräulein Matilde wegen der Trennung vergoss. Indessen auch diese versiegten. Sie war ein gutes Geschöpf; doch glaube ich dass sie binnen Jahresfrist im Stande gewesen wäre Mezzoni ebenso gern zu heiraten als Becker. Aber Mezzoni verabscheute sie, eben um diese ihre negative Natur, die ihn auch über ihr Clavierspiel zu der Bemerkung veranlasste: Ihm sei dabei zu Mut wie zwischen den Perlfabriken seiner Heimat – (er war ein Venetianer) – so glatt, kalt und sauber gehe da Alles von statten. Zwei Jahr später bewerkstelligte sich endlich Matildens Verheiratung und Beckers Anstellung, und ich denke sie leben in friedlicher Ehe. – Der alte Müller liess sich in Eutin nieder und widmete sich mit erneutem und gänzlich ungestörten Eifer der Forschung nach jener bewussten Formel. Ich trug sorgsam all meine matematischen Bücher in die Bibliotek und begrub sie dort zwischen ihres Gleichen. Die Stösse Papiere aber die mich mit meinen Arbeiten angähnten, begrub ich noch viel sorgsamer in den Flammen meines Kamins. Wie sie dort als ein Häufchen zerstiebender Asche lagen, sagt' ich ganz laut zu mir selbst: Da sind drei Jahre meines Lebens in Rauch aufgegangen .... und um zu diesem Resultat zu kommen hab' ich die Existenz eines Gymnasiasten – jugendlichen Uebermut abgerechnet – durchgemacht. Welch ein Unsinn! – – – Als ich mit Sedlaczech allein war, erzählte ich ihm ausführlich und aufrichtig wie ich mit Otbert gelebt, und warum wir uns getrennt. Er kam mir noch immer – und in Engelau mehr denn je! – als eine Autorität vor und