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bin gern bereit sie mit Dir egoistisch beschränkt zu nennen. Nur sind die Männer dieser Frauen gewöhnlich in ihrer Art ebenso egoistisch beschränkt; denn nachdem sie deren Wahn geflissentlich hervorgelockt und genährt haben – nachdem sie sich in Schaustellung aller Rasereien der unsinnigsten Leidenschaft gefallen haben – sind sie plötzlich der Sache überdrüssig, die ihnen nicht Ernst war, und begehren vom Weibe es solle nun auch der Komödie satt sein. Aber das hat die Sache für wahr gehalten und findet sich nicht so leicht in den Irrtum. D a h e r die Missverständnisse! – O wollte Gott dass Ihr verständet ein Weib zu lieben ohne Euch zu deren Liebhaber zu machen! dann würden Treue und Friede, Achtung und Zutrauen zwischen uns walten. Aber zu jenem gehört Wahrheit und Wärme des Gefühls; und zu diesem – – Du wirst besser als ich wissen was dazu gehört."
Umgehend antwortete mir Astrau:
"Die Welt kehrt sich um! Emancipationsideen dringen sogar bis zu Deiner ultima Tule und Du bist ganz dazu geschaffen deren Priesterin in Beziehung auf das Weib zu sein. Welch einen Fluch hat denn aber Gott auf uns gelegt, dass das Geschlecht welches die Freude und Wonne des unsern sein sollte, sich allmälig zu einer Caricatur zu verbilden droht, von der wir uns mit Schreck und Widerwillen abwenden müssen! Wir müssen auswandern und Euch die Herrschaft Europas überlassen – dann wird beiden Teilen geholfen sein. Auf der einen Seite überfällt uns eine Arabella und will im Liebesrausch uns ersticken; von der andern tritt eine Sibylle uns entgegen und teorisirt, philosophirt, dogmatisirt und systematisirt, dass uns der kalte Schweiss auf der Stirn perlt über diese Scene aus der "verkehrten Welt". Vertiefe Dich nicht in diese Farce, die Du für ein Drama hältst, meine arme Sibylle! Du hast grosse Neigung und Talent dazu une froide raisonneuse zu sein. Auf deutsch lässt sich das gar nicht ausdrücken; uns fehlte bisher die Sache, also auch die Bezeichnung; aber D u wirst gewiss ein Wort dafür finden. Bis dahin muss ich Dich so nennen. Wäre Dein Kopf ebenso kalt wie Dein Herz es ist, so würdest Du einsehen dass Eure Räsonnements nicht die Grundordnung der Natur hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Mann und Weib aufheben können. Wir spielen nicht Komödie mit Euch – wie Du behauptest – weil wir in einer Epoche unsers Lebens voll leidenschaftlicher Glut zu Euren Füssen liegen; sondern es macht sich in uns die Sphäre des Gefühls geltend, aus der wir uns allmälig in die der Intelligenz hinein arbeiten, für die wir hauptsächlich bestimmt sind. Ihr aber bleibt in der inferiören des Gemüts und verfolgt innerhalb derselben den Kreislauf Eurer Entwickelung, der Euch bestimmt den R e i z Eures Daseins als Liebende und Geliebte, die W ü r d e desselben als schöne und heitere Mütter zu finden. Jede andre Entwickelung streitet mit dem Gesetz, das Gott in Eure Natur gelegt hat, und dieser Widerspruch rächt sich an Euch selbst durch Missmut und Unzufriedenheit, welche Ihr umsonst hinter hochtrabenden Redensarten und Bestrebungen zu verbergen sucht. Ja, diese letzteren machen Euch immer elender, denn sie bringen Euch um Euer Glück und um Eure Glorie: Ihr werdet nicht geliebt! – Ich gestehe Dir aufrichtig die Vorstellung peinigt mich dass Astralis bei und von Dir erzogen werden soll. Ich mögte das Kind für mich in Anspruch nehmen, sobald der traurige Fall eintreten sollte, dass es seine arme Mutter durch den Tod verliert. Freilich würde das eine Umgestaltung meiner Lage mit sich bringen auf die ich vor der Hand nicht eingerichtet bin." – – – Es folgten Auseinandersetzungen derselben, die mir deutlich zeigten, dass sie verwickelter denn je sei.
Ich war fest entschlossen ihm unter keiner Bedingung Astralis anzuvertrauen und hatte ausserdem die Ueberzeugung dass er sie nie ernstaft begehren würde. Daher schickte ich ihm eine ziemlich bedeutende Summe und schrieb ihm dazu: er möge sie zu der Einrichtung verwenden, die er zu machen habe wenn Astralis zu ihm käme. Ich wusste sehr gut dass er sie für ganz andre Zwecke verwenden würde, aber ich suchte fast vor mir selbst Vorwände um sein Verfahren zu bemänteln. Indessen brauchte ich doch die Vorsicht Arabella zu bestimmen, dass sie mir in einem rechtsgültigen Testament die Erziehung, Bildung und Versorgung ihrer Tochter anvertraute. Auf den ersten Teil von Astraus Brief antwortete ich mit ungeheuchelter grosser Ruhe:
"Du nennst mich froide raisonneuse. Dieser Vorwurf hat mich getroffen. Ich glaube selbst dass keine Harmonie zwischen meinem Kopf und meinem Herzen ist. Ich habe mich von der Wiege an mit Träumereien und Phantastereien abgemattet, gegen welche jede Wirklichkeit armselig war – und dann habe ich diese Wirklichkeit mit dem Verstande durchforscht und das Sinnenleben wie das Gefühlsleben unvollkommen und daher unbefriedigend gefunden. Dies gebe ich zu. Aber was beweist es? – weiter nichts als dass i c h unvollkommen bin. Die arme Arabella blindlings versunken in das Gefühls- und Sinnenleben ist in andrer Art ebenfalls unvollkommen; und Du fühlst Dich so verletzt und beklemmt durch die weibliche Unvollkommenheit, deren törichte und übertriebene Richtungen wir versinnlichen, dass Du vor derselben in eine neue Welt entfliehen mögtest. Ich habe hierauf nur mit einer einzigen Frage zu antworten: bist Du vollkommen? – – Genug der dürftigen Persönlichkeiten! ich rede jezt nicht von Dir und mir, sondern von Mann und Weib. Du hältst dieses für ein inferiöres, jenen für ein superiöres Wesen. Warum? – Weil hier mehr dunkles Gefühl, dort mehr klarer Verstand herrscht. Wer hat festgesetzt dass