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.. und lass uns scheiden."
"Aber nicht auf immer, Sibylle!"
"Und Arabella?" fragte ich streng.
"O! rief Astrau, ich bin unselig."
"Ja, das bist Du! entgegnete ich; aber nicht durch mich .... nicht durch Arabella .... durch Niemand als durch Dich, denn die Poesie welche Du im Leben finden mögtest ist nicht der besinnungslose egoistische Rausch, in den Du Dich aus Eitelkeit oder Genusssucht verlierst .... um nach einiger Zeit zu erwachen."
"Mein Gott! mein Gott! rief Astrau in gewaltiger Aufregung, was für ein Leben führen wir denn eigentlich Alle! In Träumereien, höherer oder niederer Art, wird es verschwendet – feineren oder gröberen Genuss begehrt man bis zum Wahnsinn – die Folgen erduldet man – bei alten Klagen oder neuen Wünschen lernt man vergessen – und getan und gehandelt wird nicht. O Sibylle! gieb mir etwas zu tun! lass mich Dich nach Engelau begleiten .... lass mich dort Dein Verwalter, Dein Geschäftsführer sein .... lass uns als Freunde leben" .... –
"Unsinn das Alles! unterbrach ich ihn. Du bist dem Eindruck des Augenblicks unterworfen wie ein schwaches Weib. Drei Wochen in Engelau .... und Du entfliehst! Uebrigens wiederhole ich Dir: denke an Arabella."
"Aber Du begehrst doch wohl nicht, dass ich meine Existenz für Arabella opfern soll?" rief Astrau sehr ungeduldig.
"Und warum nicht .... da sie Dir die ihre opfert!"
"Ah bah! .... Das wird Arabella nie verlangen."
Ich sah ihn an mit tiefer Empörung und sagte:
"O könnte ich sie mit mir nehmen, die Arme! Bei Dir .... stehen ihr fürchterliche Schicksale bevor."
"Und dennoch bleibt sie bei mir!" rief er trotzig; denn es war ihm unangenehm dass ich mich mehr für Arabella als für ihn interessirte.
"Genug! sagte ich abbrechend. Die Ehe ist eine heilige Sache, Otbert! wer nicht sein Glück in ihr findet dem ist durch sie sein Elend gewiss. Ich bleibe dem Namen nach Deine Frau. Solltest Du aber je Deine Freiheit wünschen .... so bin ich auch dazu bereit."
Ich gab ihm meine Hand; er küsste sie kalt und ersuchte mich alle Dienstboten zu verabschieden und den Palast Gradenigo aufzugeben. Das geschah. Heulend stürzte Gino zu mir. Ob dies der Lohn für seine Treue sei? dem Grafen habe er einen so grossen, hochwichtigen Dienst geleistet, mir desgleichen, – und nun würde er von uns Beiden fortgeschickt.
"Niemand kann zweien Herren dienen, Gino," entgegnete ich und beschwichtigte seinen Jammer durch ein Geldgeschenk.
Nach einem ernsten kurzen Abschied von Otbert reiste ich grade am zweiten Jahrestag meiner Ankunft in Venedig wieder ab. Es war ein wunderschöner Abend als ich über die stille Lagune zum festen Lande fuhr. Myriaden Sterne breiteten ihren Glanz über den dunkeln Himmel, Myriaden leuchtender Gebilde versilberten die dunkle Tiefe: dort oben wie hier unten schwebte der Silberschleier über einem schwarzen Grund. Weshalb an diesen schauerlichen, endlosen Grund denken, wenn es sich doch so lieblich zwischen seinen stralenden und schimmernden Aussenseiten dahin gleiten lässt? fragte ich mich selbst. Weshalb? .... unnütze Frage! die Antwort würde auf meine Organisation deuten, welche wiederum gleichsam die sinnliche Form ist, welche den Grundgedanken, das Princip meiner Individualität zusammenhält und ausspricht. Der Eine bewegt sich auf der Oberfläche, der Andere sinkt in die Tiefe – nicht aus Wahl, sondern weil er dem Princip seines Wesens auf die Dauer nicht widerstehen kann. Der Eine ist darum nicht besser nicht glücklicher, nicht bevorzugter als der Andre! Jeder muss nur seinen Platz und seine Bestimmung erkennen und dann – ruhig sein.
Zweiter Band
Aber ich war nicht ruhig – nur stumpf. Ich mied Würzburg und eilte nach Engelau ohne irgendwo auf der ganzen Reise zu verweilen. Ich wollte es nie wieder verlassen und ward durch den herzlichen Empfang meiner Untergebenen in diesem Vorhaben bestärkt. Was hatte ich in diesen zwei Jahren der Abwesenheit gewonnen? Schmerz und bittre Erfahrung; weiter nichts! Nur Benvenutas Gesundheit hatte sich sehr gebessert; sie war blühend und kräftig und gewährte mir die Beruhigung, dass die Reise für sie nicht umsonst gewesen sei. Tödtliche Pein mit einiger Verlegenheit gemischt verursachte es mir, dass ich als Gräfin Astrau aber – ohne Gemal heimkehrte. Meinem Arzt, meinem ehemaligen Vormund und allen Personen, welche direct oder indirect nach ihm fragten, sagte ich: er könne unser Klima nicht gut ertragen und sei ausserdem mit Arbeiten beschäftigt, welche ihn an Italien fesselten. Man begriff das einigermassen, man beklagte es für mich .... und bald war nicht mehr davon die Rede. Was mich am meisten an ihn erinnerte war ein Schmerz am Herzen, der mich in jener Nacht vor Arabellas Fenster ergriffen hatte, und der seitdem nie ganz mehr wich. Er war aber durchaus körperlich; seelisch – war ich mehr erstarrt und durchkältet als durchschmerzt. Ein Stückchen vom Faden der Ariadne war mir in die Hand gefallen – und fiel ebenso hinweg .... das war Alles. Sollte ich mich grämen? – Warum? – Ich wusste ja dass der Gram etwas ebenso Vergängliches sei.
Wie nun das Leben hinbringen? Der Sommer verging ganz