highChunks/1846_von_Hahn_Hahn_145_19480.txt -- topic 71 topicPct 0.221910119057
, und gab es erst zurück als es anfing zu weinen. Da trug die Wärterin es fort, und Arabella bereitete sich zur Ruhe. Die Kammerfrau schloss Fenster und Vorhang, löschte die Lampen – – – verschwunden war das Bild im Zauberspiegel und ich stand da in der feuchten, grauen Dämmerung.
Dass es Tag wurde brachte mich zu mir selbst. Ich fühlte nichts als dass eine Art von Erstarrung sich meiner bemächtigt hatte, welche mir die Empfindung gab, als ob statt des Herzens mir ein Marmorblock im Busen liege eiskalt und schwer. Ich riss eine Convolvel-Ranke vom Fenster ab um ein sichtbares Zeichen zu haben, dass meine Vision kein Traum gewesen sei, und kehrte zur Gondel zurück in die mich Gino hineintrug. Zu meiner eigenen Ueberraschung sagte ich sehr gelassen und mit fester Stimme:
"Gino, wie hast Du dies Geheimniss erfahren?"
Er wollte Ausflüchte machen; aber ich sagte:
"Bevor ich es wusste musstest Du schweigen, das versteht sich, Gino! allein jezt weiss ich es bereits – also rede .... und die Wahrheit."
Da erzählte er mir, er habe längst bemerkt dass Astrau zu seinen nächtlichen Fahrten nicht unsre eigenen Gondoliere gebraucht habe, sondern zu einem traghetto gegangen sei, und dieser Mangel an Vertrauen habe ihn tief gekränkt, da er sich doch als ein Muster von Verschwiegenheit und Treue bewährt. Seine Ergebenheit für mich, die gute Herrin, sei dazu gekommen um ihn zu einer tadelnswerten Handlung zu verleiten: vor acht bis zehn Tagen sei er heimlich der Barke Astraus nachgefahren, und auf Torcello vorsichtig ihm nachgeschlichen. In dem Häuschen sei es in jener Nacht sehr unruhig gewesen, viel Hin- und Her-Gehens, klagende Stimmen – ihm habe gegraut, und er habe nicht auf Astraus Rückfahrt gewartet, sondern vor ihm Torcello verlassen – was auch sehr gut gewesen indem dieselbe erst am andern Morgen um zehn Uhr erfolgt sei. Am nächsten Tage sei er wieder hinüber gefahren, habe sich beim Hauswirt von Benvenutas Wohnung erkundigt wer in jenem Häuschen wohne, und erfahren es sei eine fremde vornehme Frau, die es schon im vorigen Sommer bezogen habe, in tiefer Einsamkeit lebe und in letzter Nacht ein Kind geboren habe – wie es durch die Wehmutter verlaute, die ganz erstarrt sei über die Herrlichkeit welche die Dame umgebe und über deren Schönheit. Gino suchte in den folgenden Tagen unbemerkt dem Hause sich zu nähern, fand es nur möglich in der Weise wie er es auch heute bewerkstelligt hatte, entdeckte bei der Gelegenheit das erleuchtete Fenster mit Allem was hinter demselben vorging, und wollte mich nun von seiner Entdeckung unterrichten, damit ich meinen Mann in diesem wichtigen Augenblick nicht verliesse.
Ich bewunderte im Stillen Ginos Takt, der ihn die hohe Wichtigkeit des Moments erraten liess, denn allerdings! jezt konnte bei Astrau eine gewisse Gleichgültigkeit g e g e n – oder eine verstärkte Hinneigung z u Arabella eintreten; aber was ging das mich an? ich hatte nur mit dem einen, dem niederschmetternden Gedanken zu tun: Nichts dauert! die Gefühle des Menschen sind Seifenblasen, bunt, leer, nichtig – abhängig von den Wellen des Blutes und den Nervenfasern, welche heute angeregt und morgen abgespannt sind und ihn in diese oder jene Emotion versetzen. – – Ich sass nicht mehr auf der grünen blumigen Wiese auf der es mir vor einem Jahr so wohl gefallen hatte, dass ich meinte ich wolle nie meinen Platz verlassen. Ich war aufgestanden .... war wieder an den Rand des Abgrunds getreten .... sah tief unten den schwarzen Strom fliessen der Endlichkeit heisst, und der stückweise und gliederweise alle Bestandteile des menschlichen Daseins verschlingt und fortwirbelt .... und sah starren Blicks ein Stück meines eigenen Lebens darin untergehen. Ich war nicht entsetzt, nicht verzweiflungsvoll – nur unerhört traurig. Ich hatte keine bittre, zürnende Empfindung gegen Andre, keine mitleidige oder resignirte mit und in mir selbst; – nur den Wunsch: O könntest du versteinern, Sibylle, um wenigstens auf Einmal und nicht so grässlich stückweise den Sturz in den unvermeidlichen Abgrund zu tun! – und mir war als ob die Kälte des Steines langsam und schwer durch meine Adern zum Herzen hinauf kröche und mich ersterben mache.
Als ich zu Hause angelangt mich zu Bett legte, meinte ich unter einem Felsen begraben zu werden. Aber ich schlief als sei mir nichts geschehen einen traum- und leidlosen, von den Qualen der Seele unbelästigten Schlaf. Wird dereinst der Tod also sein? Ich schlief als ginge mich Glück und Unglück, Freude und Schmerz nichts an; und ebenso erwachte ich. Eine Stunde darauf trat Otbert, ausnahmsweise, zum Frühstück bei mir ein.
"Du kehrtest recht spät oder eigentlich recht früh von einer einsamen Spazierfahrt heim?" sagte er.
"Ungefähr eine halbe Stunde nach Dir, entgegnete ich ruhig; – denn nachdem Du Arabella verlassen hattest, sah ich noch Astralis, die zu ihrer Mutter gebracht wurde. Ich war auf Torcello vor dem Häuschen um dessen Fenster diese Convolveln sich schlingen" – setzte ich hinzu auf die Ranke deutend, die eine Wasserschaale umgab.
Astrau starrte mich an als ob ein Medusenhaupt zu ihm spräche.
"Du hast Dich einst mit dem Orpheus verglichen, fuhr ich fort, der Vergleich wird immer treffender! Eurydice hat sich umgeschaut nach der Schattenwelt, der sie nun einmal schon verfallen war; jezt ist sie es mehr denn je und unwiederbringlich gehört sie dem Orkus an