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denn es waren Arabella und Otbert. Wie in einen Zauberspiegel starrte ich in dies Fenster hinein. Ich war nichts als Auge. Mein Herz fasste, mein Verstand begriff dies nicht: sie waren wie todt in mir! nur mein Auge lebte, wachte, sah! .... und sah ein reizendes Bild, würdig durch Titians und Giorgiones Pinsel unsterblich gemacht zu werden: die Transfiguration der Ueppigkeit. Sie sprachen ganz laut und unbefangen wie man eben spricht wenn man sich in seinen vier Wänden sicher weiss. Einmal lachte Arabella. Das Alles rauschte wie ein Waldbach an meinem Ohr vorüber. Plötzlich hörte ich; denn Arabella fragte: "Wann reist Sibylle ab?" "In acht Tagen," entgegnete Otbert. "Und reist sie gern?" "Das ist schwer zu sagen! Du kennst ja ihren Mangel an Animo. Ihre Gedanken nehmen sie zu sehr in Anspruch um ihre Gefühle aufkommen zu lassen." "Indessen hast Du denn doch ihre Gefühle geweckt." "Sage lieber, dass ich ihrer Phantasie einen bestimmten Gegenstand dargeboten habe, Arabella, auf dem sie sich niederliess wie ein umhergescheuchter Vogel auf einem grünen Zweig. Die Wahl ihres Herzens wäre nie auf mich gefallen. Ich glaubte es einst und gab mir darum unsägliche Mühe. Allein .... ich glaub' es nicht mehr. Sie ist partiel ein sehr vollkommnes Geschöpf, aber sie verbraucht sich selbst in unfruchtbarer Weise durch Phantasie und Reflexion, von denen jene ihr heute eine Seligkeit vormalt, welche morgen von dieser vernichtet wird. Im Ganzen ist sie merkwürdig unvollkommen, denn ihr fehlt dasjenige was den Menschen zu Schwung erst und dann zur Ausdauer befähigt: die treibende Kraft der Leidenschaft! jenes innere Naphtafeuer welches die Elemente des ganzen Wesens zu jenem Punkt zusammenschmilzt, den man beim schmelzenden Metall Silberblick nennt und der durch ein liebliches Farbenspiel den Moment bezeichnet, wo es flüssig genug geworden ist um in eine Form gegossen zu werden. Für den Menschen heisst diese Form: T h a t , und je nachdem sein Character edler, sein Wille reiner, seine Selbstbeherrschung gewaltiger, seine Erkenntniss tiefer ist, wird der Tat ein schönerer und grossartigerer Stempel aufgedrückt. Ist der Character gemein oder lasterhaft oder roh, so wird der Abdruck desselben, seine Tat es auch sein; denn adeln kann ihn die Kraft der Leidenschaft nicht immer. Ich sage nur dass dieselbe den innern Adel wenn er vorhanden ist in seiner Glorie zum Vorschein bringt, und dass er ohne sie nur stückweise und ohne göttliche Fülle sich zeigt. Und diesen Mangel beklage ich an Sibyllen für sie selbst und für Andere. Sie ist aller Achtung wert und alles Bedauerns, denn sie wird nie weder glücklich sein noch machen." "Beklag ihn nicht! rief Arabella. Hätte sie jene erwärmende Seelenglut, so würdest Du bei ihr und nicht bei mir Dein Glück gefunden haben, und ich, Otbert, bin nun einmal so beschaffen, dass ich will Du sollst das Glück bei mir finden .... bei keiner Andern! – Ich liebe Dich zu sehr, Otbert, um grossmütig sprechen zu können: Sei glücklich .... aber nicht durch mich! – Das könnte Sibylle." "Ja, das könnte Sibylle! aus Ueberlegung ist sie zu jedem Opfer fähig .... nicht aus Liebesdrang wie Du. Spräche ich zu ihr: stirb für mich! – so würde sie der Nichtigkeit des menschlichen Daseins gedenken und gelassen sterben. Spräche ich so zu Dir, so würdest Du Dich freudejauchzend in den Tod stürzen, und wenn Dir das Leben auch noch so lieb wäre, ohne Reflexion, aus Liebe für mich." "Das ist gewiss!" entgegnete Arabella. Sie sprach ganz wie sonst mit ihrer tiefen gedämpften Stimme, die etwas Rührendes hatte und die mir immer so sehr gefiel. Ihre wunderschönen schwarzen Augen ruhten mit solcher Macht und Innigkeit auf Otbert, dass mir war als müsse ihr Blick ihn wie laue Luftwellen umfliessen und von der Erde heben. Schöner, verführerischer, feenhafter als ich sie je gesehen, ganz wie eine Houri des muhamedanischen Paradieses erschien sie mir. Otbert mogte dasselbe finden. Er stand rasch auf. "Du musst schlafen, Arabella, und Dich ausruhen, sagte er. Auf morgen, Süsse!" Aber er ging nicht; er kniete vor dem Bett nieder, sie umschlang seinen Nacken, sie sprachen ganz leise mit einander, und tausend Liebkosungen durchschwebten das Gespräch. Endlich sagte Otbert laut: "Nun zum letzten Mal – gute Nacht, Arabella, und gieb mir einen Kuss für Astralis mit." "Astralis schläft, Otbert, wecke sie nicht und behalte meinen Kuss!" sagte Arabella mit holdseligem Liebreiz einen Kuss auf seine Lippen drückend. Dann sprang Otbert auf und verschwand hinter dem Türvorhang zu meiner Rechten. Ich hörte unverständliche Stimmen im Nebenzimmer; dann öfnete sich die Haustür und durch die lautlose Nacht hörte ich Otberts Schritt, der dem Landungsplatz zuging. Arabella aber hatte inzwischen schon geschellt, ihre mir wolbekannte irische Kammerfrau war eingetreten und beide sprachen irisch zusammen, was ich nicht verstand. Aber das Folgende verstand ich nur zu gut! Die Kammerfrau ging ins Nebenzimmer und kam nach einigen Augenblicken mit einer Wärterin zurück, die ein ganz kleines Kind trug und es in Arabellas Arme legte. Sie empfing es zärtlich, küsste seine Händchen, sah es an und wieder an, plauderte abwechselnd mit ihm und den beiden Frauenzimmern italienisch und irisch