highChunks/1846_von_Hahn_Hahn_145_19477.txt -- topic 71 topicPct 0.21875
vor dem starken Herzschlag fürchtet als ob es krankhaftes Herzklopfen sei. Ich bekenne Dir, dass mir die Bewunderung meines geschickten und starken Ruderschlages, meiner Leutseligkeit und Grossmut von Seiten der Gondoliere zu Zeiten viel angenehmer, viel erfrischender ist, als das fade Lob irgend eines kritischen Journals oder eines eleganten Salons."
Das begriff ich ausserordentlich gut! was ich n i c h t begriff und was ich unmöglich an Otbert sagen konnte, war die Frage: warum er mich wohl eigentlich geheiratet haben könne? Es gab eine Antwort auf dieselbe, allein mir grauete sie mir zu geben! sie hiess: Um eine r e i c h e Frau zu haben! – Denn von einem intimen traulichen Leben schwand jede Spur immer mehr und mehr. Er musste sich beständig neue Interessen schaffen, und um so heftiger sein Wunsch und sein Bestreben mich zu gewinnen gewesen war, um so grösser war die Lücke welche auf deren Befriedigung folgte, um so eifriger suchte er sie auszufüllen. Den Winter verlebten wir in dem lebhaftesten gesellschaftlichen Verkehr. Es waren viele Fremde in Venedig. Der Carneval war ausserordentlich munter und besonders darum so lustig, weil das Volk mehr als an jedem andern Ort, Rom nicht ausgenommen, Teil daran nimmt. Weil man nur zu Fuss oder in der kleinen unscheinbaren Gondel seinem Vergnügen nachgeht, so tritt eine äussere Gleichheit der Zustände ein, welche da nicht statt findet wo die eine Hälfte der Teilnehmer den Wagen und Pferden der andern Hälfte beständig ausweichen muss. Dies ist zu jeder Zeit ein auffallender und ganz characteristischer Zug von Venedig gewesen, welchem auch das von je her zwischen Volk und Vornehmen herrschende gute Einverständniss entspricht; da war weder Neid noch Missgunst auf der einen – weder Hochmut noch Unterdrückung auf der andern Seite! sie waren Alle Kinder der Lagune, und Alle von der Regierung auf gleiche Weise überwacht. Damals war das alte Regiment der Republik erst vor einem Menschenalter zu Grunde gegangen, folglich hatte dessen alter tausendjähriger Einfluss noch nicht verwischt werden können. Er lebte fort in Gewohnheit, Sitten und Gebräuchen, und was von denselben in fröhlicher Ungezwungenheit zum Vorschein kam, sprach mich ungemein an durch ein eigentümliches Gemisch von Harmlosigkeit, Mutterwitz und Schlauheit.
Dennoch nahm ich im Grunde nur Teil an diesen Vergnügungen um mich nicht meinen Gedanken hinzugeben. Ich floh sie instinctmässig; mir war als müssten sie mich in ihrem Strudel verschlingen. Ich wollte mich betäuben gegen meine eigene heimlich anpochende Angst – mich klammern an mein Glück und meine Liebe – nicht weichen von dem Boden des Bewusstseins einen Platz gefunden zu haben auf dem ich eine ernste dauernde Befriedigung gewähren und empfangen könne. Ich lebte auch sehr gut mit Otbert, freundlich, teilnehmend, allein lauter und immer lauter wollte in mir eine Stimme sprechen: "Aber dies Alles soll doch wohl nicht Glück und nicht Liebe sein? es wird nur so genannt! und wie heisst es denn in Wahrheit? sollte es wohl .... Komödie heissen, welche die Menschen mit einander spielen um die Hohlheit des Lebens mit einigen bunten Fetzen aufzuputzen?" – Es war eine fürchterliche Zeit! ich ging wie ein Seiltänzer der Turmspitze zu, die ich mein Ziel, mein Glück nannte; und fühlte dabei wie der Schwindel in mir aufstieg, mich umspann, mich umschwebte, dass es mir schwarz vor den Augen ward; und wie ich ihn überwinden m ü s s e um nicht einen grässlichen, einen zerschmetternden Sturz zu tun; und wie dabei das Herz immer schwerer, der Fuss immer lahmer, der Blick immer umflorter werde. So durchlebte ich den Winter, so den Frühling; ich war nun zwei Jahr in Venedig. Ich schlug Otbert einen Sommeraufentalt in Engelau vor.
"Im nächsten Sommer, lieber Engel!" sagte er abwehrend.
Nicht um ihm zu widersprechen, sondern wirklich weil ich es für zweckmässig hielt, bat ich ihn mir Urlaub zu geben: ich müsse einen Blick auf die Geschäfte und in die Zustände meiner Heimat werfen. Er entgegnete freundlich:
"Drei Monat gebe ich Dir! Das ist grade genug um halb erstarrt aus Norddeutschland hieher zurückzukehren und um noch wieder auftauen zu können."
Die unbefangene Freundlichkeit mit welcher Astrau in unsre ziemlich lange Trennung willigte, sprach deutlich seine sanftgleichgültige Gesinnung aus. Mir schien als ob ich fortan gar nicht mehr in seinem Leben zählen würde, und dennoch tröstete mich zuweilen die Hofnung, dass in der Trennung seine Liebe wieder erwachen könne.
Als es in meinem Hause bekannt ward dass ich meine Abreise vorbereite, bat Gino mich dringend in Venedig zu bleiben. Ich entgegnete: da ich im Herbst wiederzukommen hofte, so würde ich ihn in meinem Dienst behalten, und überdas bleibe ja auch der Graf hier. – Er spreche nicht seinet- sondern meinetwegen jenen Wunsch aus, meinte Gino.
"Mir kann weder auf der Reise noch in meiner Heimat etwas Uebles geschehen, Gino!" erwiderte ich gerührt durch seine Teilnahme.
"Weder auf der Reise noch in der Heimat – das weiss ich," entgegnete er mit einem seltsamen bedeutungsvollen Ton, der mir unwillkürlich den fast angstvollen Ausruf entlockte:
"Aber hier?"
Obwol ich allein mit ihm in der Gondel war machte er eine schweigengebietende Pantomime, und nickte dann bejahend aber fast unmerklich nur mit den Augenwimpern.
"Was kann mir hier widerfahren? sprich Gino! sagte ich ernst; – halbe Warnung ist Verrat nach zwei Seiten hin! Ich habe Dir verziehen dass Du Dich vom Grafen zu der