highChunks/1846_von_Hahn_Hahn_145_19474.txt -- topic 71 topicPct 0.25
! Am Tage fuhr ich immer in einer bedeckten; Abends liess ich den Kasten abnehmen. Jezt schwebte ein Baldachin von weissem Tafft mit Silberfranzen, an allen vier Ecken mit grossen Blumensträussen geschmückt, über ihr. Die Polster waren ebenfalls von weissem Seidenstoff und purpurfarbener Sammt diente als Fussteppich. Sie war von elfenhafter Zierlichkeit und gefiel mir sehr. Otbert sagte:
"Jezt ist sie Deiner würdig."
Gino meinte ihm sei zu Mut als fahre er die Göttin Venus selbst, und so ging es den Canal grande hinauf und herab, von einer Barke mit Musik begleitet. Dann zur Piazzetta. Ich hatte nicht grosse Lust in meinem etwas fabelhaften Anzug die Gondel zu verlassen und auf den Markusplatz zu gehen; doch Otbert sagte:
"In Paris oder London, vollends in unsern deutschen Krähwinkeln, würde es unpassend sein weil Du auffallen würdest; hier ist man vernünftig und ungenirt! hier bemerkt man eine Frau um ihrer Schönheit – nicht um ihres Anzugs willen. Komm nur getrost."
Die Wahrheit ist – dass er Recht hatte! Es war Musik und grosses Gedränge auf dem Markusplatz: allein ich wurde dennoch bemerkt.
"Oh! che maraviglia!" riefen Einige.
Das machte Otbert mehr Vergnügen als mir! er sah ganz freudig dazu aus, und ich ganz ernst, so ernst dass eine Frau rief:
"Sie ist wohl schön, aber sie hat ein böses Auge."
"Nicht böse, nur traurig," entgegnete ein Mann.
"Wie kann man traurig sein wenn man einen so schönen und zärtlichen Gemal hat!" sprach Jene.
Es giebt nichts Treffenderes und Unbefangeneres als die Auffassungs- und Ausdrucksweise des Venetianers! – Ein Menschenknäuel folgte uns später zu unsrer Gondel und unsre Musiker empfingen uns, weiss der Himmel warum! mit einem God save te king. Die feierliche Musik ergriff die beweglichen Gemüter: man rief Evviva's und Segensworte uns zu. Otbert warf eine Hand voll Geld worunter sich einige Goldstücke befanden, unter die Menge, wodurch sich das Entzücken noch steigerte. Ich war froh als unsre Gondel von der Piazzetta abstiess! – Aber solch ein Abend war ganz nach Otberts phantastischem Geschmack. In dem Punkt harmonirten wir mit einander – nur mit dem Unterschied, dass ich immer von innerlichen, er von äusserlichen Entzückungen träumte; dass meine Phantasie mir unerhörtes, unsägliches, aber ganz stummes Glück – die seine ihm Jubelruf, Freudejauchzen und selige Huldigung einer Welt vormalte; dass ich gleichsam in einen Feenpalast unter die Meereswellen zu versinken – er auf einen weitin leuchtenden Königstron erhoben zu werden wünschte. Ein andrer Zug den wir mit einander gemein hatten war der, dass wir uns den Berauschungen durch unsre phantastischen Grillen zu sehr hingaben um je durch das, was die Wirklichkeit uns bot befriedigt zu werden.
War ich nun glücklich als Otberts Frau? ich wollte es sein, ich nannte mich so, ich prägte mir ein, dass es jezt keine andre Möglichkeit von Glück für mich gäbe und dass ich mein Herz diesem Bewusstsein weit, weit auftun müsse. Ich bemühte mich immer tiefer in Otberts Wesenheit einzudringen, sie mit der meinen zu verschmelzen. Ich studirte förmlich seine Meinungen und Ansichten um auf dieselben einzugehen – seine Wünsche um sie zu erfüllen. Ich liess keine meiner alten Grübeleien in mir aufsteigen: ob dies Gefühl nun das ächte, das wahre, das unvergängliche sei; ich nahm es dafür an. Das machte mich sehr ruhig – so ruhig dass ich in der Erinnerung darüber staune; denn es vergingen nicht sechs Wochen unsrer jungen Ehe und Otbert bekümmerte sich gar nicht mehr um mich. Ich hatte aber ein solches Zutrauen zu ihm, dass ich mit wunderbarer Gelassenheit zu mir selbst sagte: Dies ist der Moment der Reaction, welche auf jede übermässige Anspannung des Gefühls folgt, um dasselbe nach einiger Zeit ins Gleichgewicht zurückzustellen. Er hat ein Jahr in so übertriebener, grenzenloser Erregteit zugebracht wie sie auf die Dauer unmöglich zu ertragen ist. Er muss sich jezt von dem Schwung ausruhen, aus der Sphäre der Imagination in die des Herzens zurückkehren, und seine Liebe in dem schlichten gesunden Erdboden des Gefühls, statt in dem Treibhauskasten der Phantasie wurzeln lassen. Die Verpflanzung einer so zarten Blüte lässt sich nicht ohne einen gewissen leichten Choc bewerkstelligen; aber n a c h demselben kommt sie erst recht zu ihrer eigentümlichen Kraft und Entfaltung.
Meine Betrachtung war ganz richtig und fast auf jedes Verhältniss das neu gegründet wird anwendbar, möge es Liebe, Freundschaft, Ehe, sogar untergeordnete Zustände betreffen. Im Allgemeinen ist der Moment einer Verbindung, welcher Art sie sei! zufriedenstellend; in der Folge entwickeln sich deren Schattenseiten: das pflegt man Enttäuschung zu nennen, es ist aber nur die sehr natürliche Reaction, die auf alle Uebertreibungen in der Empfindungs- oder Handlungsweise folgt. Haben sich die gährenden Elemente abgeklärt und gesetzt, so tritt bei gut- und glücklichgearteten Menschen die dritte Epoche dauerhafter Befriedigung ein – oder entschiedene Trennung, wenn nicht des Lebens, doch der Gemüter, falls ein Irrtum sie zusammengeführt hat. Ich traute mir Kraft zu um zu dieser dritten Epoche durchzudringen, und in Otbert setzte ich sie voraus, weil seine standhafte Ausdauer mich dazu veranlasste. Nur vergass ich seinen Charakter dabei in Anschlag zu bringen! Er begehrte immerwährend in Atem gehalten, in Feuer gesetzt, in Emotionen geschleudert zu werden, um Flammen zu werfen und sich an denselben zu wärmen und zu ergötzen, während sie Andre blendeten und zur Bewunderung hinrissen. Hätte ich