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in die wunderlichsten und traurigsten Irrtümer verfallen. Der Mensch – durch Cultur der Sphäre seiner primitiven Begabung entrückt – durch Civilisation zu einer künstlichen ausgearbeitet – durch Erziehung noch ganz speciel soll ich sagen gebildet oder zugestutzt – durch Gewohnheit der Gesellschaft abgestumpft gegen die Erscheinung des Menschen – durch persönliche Erfahrungen bald misstrauisch bald blindvertrauend gemacht: d e r Mensch aus unsrer Zeit und unsrer Welt, ihren Einflüssen, Regeln und Gesetzen untertan, durch sie gesäugt, von ihnen gewiegt – sollte eine solche clairvoyance der Erkenntniss haben, dass dieselbe mit seinem dunkeln Instinct zusammenfiele, und ihn sicherer führte als Beobachtung und Prüfung!?"
"Meine arme Sibylle, entgegnete Otbert mitleidig, Beobachtung und Prüfung führen uns meistenteils so verkehrt und in die Irre, dass der Instinct wenig zu tun braucht um es besser zu machen! – Ich für meine Person halte es, wenn es auf ein Urteil ankommt, in den meisten Fällen mit dem Ergebniss der unwillkürlichen, unräsonirten Regung; denn unser mehr oder weniger sophistisches Räsonnement, durch das zweifelnde Dämmerlicht unsers Verstandes mehr beleuchtet als erleuchtet, ist ganz dazu geeignet um uns an der Wahrheit selbst irre zu machen."
"Das ist richtig! entgegnete ich traurig. Ach, wie er es auch beginne, dem Menschen vom Mittelschlag ist Irrtum und Täuschung gewiss! Unsre unvollkommnen Fähigkeiten werfen ihren tiefen Schatten über die flüchtige Erkenntniss die zuweilen in uns auftaucht um wie eine himmlische Vision in dem Nebel der Alltäglichkeit zu verschwinden."
"O mein Engel! nichts von diesem Rückfall ins Schattenreich! rief Otbert, kniete vor mir nieder und umspann mich mit dem eindringlichen warmen Blick seiner glänzenden schwarzen länglichgeschnittenen Augen. – Sieh, ich bin wie Orpheus! ich habe die geliebte Eurydice in jenem Reich gesucht, gefunden, befreit – ich trage sie in meinen Armen zum goldnen Tageslicht, zum süssen Liebesleben empor – ich bin freudezitternd über meinen Sieg und meine Seligkeit; – o jezt keinen Rückblick mehr, keine Gemeinschaft mit den Schatten der Vergangenheit. Sieh! Sedlaczech gehört ihr an; er ruft jene empor, unabsichtlich, nur durch sein Dasein. Lass ihn gehen, Sibylle! o ich mögte Dich von der ganzen Welt isoliren, alle früheren Eindrücke aus Dir verwischen, damit Du mit mir und durch mich das Leben kennen lerntest."
Mit welchen Gründen sollte ich diese Bitten und Wünsche abweisen? Ich hatte keine. Wir waren im Mai; im hohen Sommer wollten wir nach der Schweiz gehen und uns dort verheiraten. Wollte Otbert in seiner jungen Häuslichkeit keinen Dritten haben – ich begriff das! allein jezt einen Mann zu entfernen, meinen Lehrer, Freund und Gast, den ich eingeladen hatte, das schien mir tyrannisch gegen mich und roh gegen Sedlaczech. Und dennoch erfüllte ich Astraus Wunsch! – – So wie ich den Entschluss gefasst ihn zu heiraten, hatte ich denselben gegen Sedlaczech ausgesprochen. Er antwortete mir nichts als:
"Gott segne Sie in all Ihrem Tun."
Seitdem hielt er sich noch ferner als sonst von mir und war auch noch schweigsamer und zurückhaltender in meiner Gesellschaft. Zuweilen in Otberts Gegenwart, angeregt durch dessen Gespräche, wurde er lebhaft und mitteilend, und dann gab es keinen grösseren Contrast als diese beiden Männer sowol in der äusseren Erscheinung als in dem Ausdruck ihrer inneren Richtung. Astrau – ein Sohn der Sonne, glänzend, prächtig, herrschend, siegesgewohnt und bewusst, ein heitres süsses Spiel aus dem Leben und dessen ernstesten Gaben machend, die Schatten fliehend, also auch Wehmut, Kampf und Schmerz fast ängstlich vermeidend – ein verzogenes Kind des Schicksals und der Menschen, dem Alles geglückt war was er sich je in den Kopf gesetzt, und daher von einem Selbstvertrauen ohne Gleichen, das ihn zu seinem eignen Gott erhob. Sedlaczech – eine Mondscheingestalt, die von Millionen unbeachtet lautlos zwischen ihnen dahin glitt; ein Verstossener aus den Reihen der sogenannt Glücklichen der Welt; von der grössten Schüchternheit, wie der Mangel an Erfolg und vielleicht herbe Erfahrungen das mit sich brachten; von der nachhaltigsten Ausdauer, die aus dem unabweislichen Instinct seines Genies hervorging; voll tiefem Glauben an göttliche Führung, daher voll tiefer Ueberzeugungen und gewappnet zu jedem Kampf; stolz genug um stets das Bewusstsein festzuhalten, dass er seinen Weg erkannt habe und verfolgen müsse, und wenn auch nicht Einer dies anerkenne; aber nicht eitel genug um im Selbstvertrauen eine Bürgschaft zu finden, dass seine Kräfte ausreichen würden für die Mühsale des Weges. Astrau dem Beifall der Welt entrückt, würde vielleicht ohne poetische Inspiration geblieben sein und gewiss nicht das Bedürfniss gehabt haben sich ihr hinzugeben. Er behauptete zum Improvisator oder zum Schauspieler geboren zu sein, da nichts ihn so anfeure und belebe als die elektrische Spontaneität der geistigen Berührung zwischen einem solchen Künstler und der bewundernden, hingerissenen, atemlosen Menge. Sedlaczech würde in der tiefsten Einsamkeit die mächtigsten Inspirationen gehabt und sich durch sie beseligt gefühlt haben, wenn auch deren Blüten, seine Schöpfungen, nie für ein menschliches Ohr erklungen wären. Jener lechzte nach Lob und Schmeichelwort; dieser wehrte kühl auch den geringsten Ausdruck des Beifalls ab. Astrau wollte die volle Huldigung der Zeitgenossen, Sedlaczech schmachtete nach dem Ruhm der Nachwelt. Jener sagte:
"Wer die Gegenwart beherrscht indem er ihrer Gesinnung den entsprechenden Ausdruck leiht, und die in ihr gährenden Elemente in eine klare feste Form giesst, welche sich jedem Auge als das tausendmal geträumte Bild befreundet entgegenstellt: der ist der König seiner Zeit, und es ist gleichviel ob eine spätere ihn dafür anerkennt ....