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einer höheren Sphäre als in der des Verstandes sich harmonisch zusammenfinden konnten. Er war ein fascinirender Mensch wenn er es sein wollte; man hatte jeden Augenblick Lust ihn zu tadeln oder Veranlassung zu Missbilligung; allein man brachte es nie dahin. Eine oberflächliche Ansicht, welche meint der Mensch sei derselbe heute wie vor zehn und wie nach zehn Jahren, dürfte in Erstaunen geraten dass ich nicht früher Otberts Zauber verfallen sei. Ich kann darauf nur entgegnen: früher war der Augenblick nicht für mich gekommen. Das unbegreifliche und meistens unselige Wechselspiel unsers innerlichsten Lebens, hängt wie der Klang der Aeolsharfe von unberechenbaren und unbekannten Gewalten ab. Dieser Luftzug – sie tönt! jener – sie schweigt! und noch einer – sie braust! Durch welche innere Umbildungen und Umwandlungen ein Mensch geht, den man doch vor fünf oder zehn oder zwanzig Jahren in derselben Lage und Hauptrichtung gekannt hat: das freilich weiss nur er und Gott allein! Wären sie nicht – wie käme es denn dass die Menschen mit Freudenflaggen ins Lebensmeer hinaus segelnd nach kurzer Frist unter Trauerflagge heimkehrten? Und der Eine hält doch das ersehnte und errungene Weib in den Armen – aber an einem erkalteten Herzen! Und der Andre trägt noch seine stolze Krone – aber über einer geknickten Seele! Und der Dritte hat noch all sein Gold und all seine Schätze – aber sie sind ihm ohne Wert! Und der Vierte lächelt noch immer – aber aus Hohn! Und der Fünfte hält noch immer so hoch und herrscherisch sein Haupt – aber heimlich verachtet er sich selbst! – – – Du der mich liesest, sprich, ist es nicht so? – – Einst kam etwas zur Sprache was ich nie geahnt. "Ich bin nicht reich, Sibylle," sagte Otbert, bei ich weiss nicht welcher Veranlassung. "Nicht reich?" wiederholte ich sehr erstaunt. "Warum erschreckt Sie das?" "Es erschreckt mich gar nicht .... es überrascht mich nur! denn wenn Sie es nicht sind, wie kommen Sie alsdann zu Ihren Nabobs-Allüren?" "Teils durch Gewohnheit keinen Wert auf Reichtum zu legen – was zur Folge hat dass die Leute mich für einen Millionär halten und mir Geld geben so viel ich verlange; teils spiele ich zuweilen sehr glücklich." "Ich habe oft gehört dass das Spiel die Menschen arm – nie dass es sie reich gemacht habe .... ausser – Spieler von Profession." "Ich verachte ein wenig jede Sorte von Profession, weil sie den Menschen kriechend vor seinen Kunden macht. Aber zuweilen, Sibylle, bin ich in high spirit, glückerwartend, glücksgewiss: dann wag' ich enorm auf einen Satz, und der gelingt mir alsdann immer. Ich hab' auch mitunter Anwandlungen von Aberglauben, von Zeichendeuterei. Ich sage mir: Gelingt dir dieser Wurf, so ist das Glück dir hold und dir werden noch ganz andre Dinge gelingen. In solchen Stimmungen spiel' ich auch immer glücklich." "Und wenn Sie in low spirit sind – wie dann?" "Dann suche ich überhaupt gar nicht zu spielen – wie ich im Allgemeinen zu nichts Gutem fähig bin, wenn ich mich matt und grundlos herabgestimmt fühle." "Stellen Sie Glück haben und zum Guten aufgelegt sein in eine Linie?" fragte ich lächelnd. "Zuweilen .... warum nicht? Jedem Augenblick gewachsen und für ihn tüchtig sein ist – gut sein. Spiele ich, so will ich Glück haben, setze ich meinen Willen durch, so bin ich tüchtig" .... – "Ja, sobald Ihre eigne Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer Ihren Willen unterstützt und geregelt haben!" unterbrach ich ihn. "O! rief er, Sie können gar nicht wissen ob nicht der blosse Wille des Menschen ohne alle jene Stützen und Regeln von einem weit beherrschenderen Einfluss auf unsre Geschicke ist." "Das meinte ich nicht, Otbert. Ich meinte nur dass w o l l e n und d a s G u t e w o l l e n zweierlei sei." "Leider ist es im Allgemeinen so; denn der Mensch ist zugleich roh und beschränkt. Wenn er seinen Willen von seiner individuellen Bedürftigkeit abklärte und ihn über den Horizont seiner Persönlichkeit hinaus erweiterte – wenn er sich zugleich feiner und freier aus der Brutalität und aus der Sclaverei seines Ichs heraus schälte – so würde w o l l e n und d a s G u t e w o l l e n immer zusammenfallen." Das Gespräch spann sich leicht und angenehm mit Otbert fort, und ich vergass gänzlich dass er mir zwei Dinge gesagt, die mich im Grunde höchst unangenehm berührt hatten: dass er enorm spiele und keine Vermögen habe. Ich, meiner Natur nach, legte kein Gewicht auf Reichtum, weil ich aus Erfahrung wusste wie leicht ich ihn entbehren könne; denn ich hatte über zwei Jahr mit der grössten Einschränkung in Engelau gelebt und mich nicht unglücklicher gefühlt als in Rom, Paris und London wo ich mit der unsinnigsten Verschwendung lebte. Allein grade jene zwei Jahr in Engelau hatten die Ansicht in mir gereift, dass ich das Vermögen meiner Vorfahren auch auf meine Nachkommen übertragen – dass es d u r c h meine Hand gehen, jedoch nicht in derselben aufgehen müsse. Astraus Verfahren, welches ich sehr richtig mit Nabobs-Allüren bezeichnet hatte, beklemmte mich wie eine unheimliche Ahnung, und umsomehr als mir meine Besorgniss um Geld und Gut