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mich lieben! so räsonnirte ich .... allein ich fühlte es nicht ohne diese Beweise. Er drang nicht in mich mit Liebeswünschen und Liebesfoderungen; er schien nichts zu begehren als seine Empfindung an den Tag zu legen. Diese Zuversicht war vielleicht das was ihn für mich unwiderstehlich machte. Ich willigte in unsre Verbindung.
Denk' ich jezt an ihn zurück, so muss ich sagen: er war ein merkwürdiger Mensch! Er hatte in seiner Empfindungsweise die feine Glut, die bewegliche Reizbarkeit und den gewissen Eigensinn – was Alles man sonst den Weibern beizumessen pflegt, was aber vielleicht ebenso sehr mit einer nervenfeinen und sinnlich flammenden Organisation zusammenhängt, aus welcher wiederum die Dichternatur sich entwikkelt. Diese feine lodernde anregende Liebe für alles Schöne, für jeden Genuss, ist für eine solche Dichternatur das, was die feuchtwarme, treibende Frühlingserde für den Pflanzenkeim ist: sie drängt ihn mächtig aus ihrem Schooss empor und hält ihn stets im innigen Zusammenhang mit sich selbst und ihren ahnungsreichen Geheimnissen und Symbolen. Aber sie bleibt nur die Basis seiner ferneren Entwickelung. Lüfte, Gestirne, Ungewitter, alle Elemente, alle Naturwesen, giessen ihren Segen und Unsegen über den zur Blume sich entfaltenden Keim aus; und wird sie zu jener Wunderblume, die wir Genie nennen, dann stralen wiederum von ihr magische Einflüsse aus – Farbenspiele, Düfte, Stralen, welche Andere ihrer Art nicht üben und nicht haben, und welche die Essenz einer höhern Ordnung der Wesen verraten. Allein es giebt manche Dichternatur und wenig, sehr wenig Genies. Otbert hatte schöne und reiche Gaben; frage ich mich was ihm fehlte? so muss ich sagen: eine gewisse Schwere, die ihn nach Innen gezogen und gesammelt hätte; d i e Schwere, welche dem Diamant, der Perle, dem Golde eigen ist und sie so köstlich macht. Weil sie ihm fehlte, drum verflüchtigte er sich.
In jener Zeit benahm er sich gegen mich in der anmutig koketten Weise, welche man ebenfalls als Erbteil der Frauen betrachtet. Wie er ging, wie er stand, wie er sprach, wie er sich kleidete, wie er sich bewegte – Alles war, ich will nicht sagen b e r e c h n e t , jedoch b e w u ss t . Es stand ihm so gut, und er vergass nie was ihm gut stand! Zuweilen warf ich ihm seine spielerische Eitelkeit vor.
"Gefalle ich Ihnen oder nicht?" fragte er.
Dann musste ich freilich eingestehen, dass er mir ganz ausserordentlich und mehr als je irgend ein Mann gefalle.
"Nun, dann lassen Sie mich doch gewähren! entgegnete er. Ich gehöre nun einmal nicht zu jenen täppischen Gesellen, welche sich die Liebe der schönsten Frau der Welt plump gefallen lassen, und durch ihre Derbheit eine hässliche Folie zu der Anmut des Weibes bilden. Ich kann mir den Adonis nicht als einen schönen aber brutalen Jäger – nicht den Endymion als einen schwerfälligen Schäfer vorstellen n a c h d e m sich die Göttinnen zu ihnen geneigt hatten. Vorher – ja! nachher – nein! Zu mir hat sich die Göttin geneigt, Sibylle, und mich in die duftige Atmosphäre ihrer süssen Schönheit gehüllt; – wie wollen Sie mir verbieten, dass ich mir nun selbst geweiht und verschönt erscheine! – Komme ich Ihnen weibisch und verweichlicht vor? – Bedenken Sie doch dass Nino in der gemeinen Tracht des Gondoliers Ihre Barke stundenlang gerudert, und stundenlang auf den Quadern des Quais, auf dem Strande von Torcello und Lido gelegen hat!"
Das war ebenso unbegreiflich als wahr; und die Summe von dem Allen war endlich – dass ich mich heftig in Otbert verliebte. Er beschäftigte so sehr meine Phantasie, er schmolz in ihre Silberwogen die Bilder seines Wesens so anmutig ein, er funkelte und gaukelte in so poetischem Licht um Sinne und Seele – dass ich langsam und leise von unbestimmten Mächten fortgezogen wie in ein Glutmeer von aufgelöstem Purpur, Gold und Rosen hinein schwamm. Ich vergass meine gewohnten Zweifel, Fragen und Grübeleien. Sie sanken gleichsam in ein verborgenes Fach, in einen tiefen Abgrund meiner Seele hinein, während ich wähnte, dass sie sich in Nichts aufgelöst hätten. Ich vergass den dunkeln Strom, der sein Bett an das Ufer meiner Existenz drängte und es zu untergraben suchte; ich sass an dessen Abhang unter Blumen, Lauben und Kränzen und träumte von einem unvergänglichen Frühling.
Dieser Mann, so flatterhaft, wankelmütig und unstät in seinen Neigungen, hatte sich seit Jahren mit dem Herzen an mich gefesselt gefühlt, und keine Trennung, keine Hofnungslosigkeit, keine Entmutigung, keine Lockung zu andrem Glück, hatte ihn von mir abgelöst: das war Treue! – und aus dieser Treue hatte er zugleich süsse Befriedigung und heimlich erkräftigende Zuversicht geschöpft: das war Liebe. Wie Jemand der sich körperlich überarbeitet hat und dem ein Woltäter die Werkzeuge aus der müden Hand nimmt – oder wie Jemand der sich bei der Lösung eines Problems bis zum Schwindel angestrengt hat und endlich durch Intuition das Wort findet – so war mir zu Mut, so ruhte ich in süsser, auflösender Befriedigung, die als Reaction der unfruchtbaren und heftigen Anspannung über mich kam. – Nie hat mir ein Mensch besser gefallen als Otbert! ging er durchs Zimmer, so sah es gut aus; sagte er Ja oder Nein, so klang es gut. Mit seiner Meinung oder seiner Richtung war ich keinesweges immer einverstanden; aber ich betrachtete es als einen Beweis, dass zwei Menschen in