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; ich muss es mir gefallen lassen! aber ich sage Ihnen die Wahrheit. Haben Sie einen Grund meine Bekanntschaft zu meiden, so kommen Sie nicht; allein hören Sie auf mir Ihre Teilnahme so seltsam und unbegreiflich wie bisher an den Tag zu legen."
"Kann ich die Ehre haben Sie morgen früh um zwölf Uhr allein zu finden, Signora? und wird Ihre Nadel, die ich dem Portier vorzeige, genügen um mich zu Ihnen zu führen?"
"Ja mein Herr!" sagte ich, grüsste ihn und verliess die Kirche in der grössten Spannung.
So sollte ich ihn denn sehen, den Sylf, den Verbannten, den Unsichtbaren, den Flüchtling, der meine Phantasie so lebhaft beschäftigt und mir mehr Teilnahme für i h n , den ich nicht sah, als für Alles was ich sah eingeflösst hatte. Ich schlief in der nächsten Nacht nicht fünf Minuten, ich stand drei Stunden früher als gewöhnlich auf; ich befahl Denjenigen, der eine goldne Nadel mit blauen Steinen vorzeigen würde ohne Umstände zu mir zu führen; – und verbrachte darauf in zitternder Erwartung die Stunden.
Mit dem Glockenschlag zwölf gingen rasche Schritte durch den Saal – die Tür meines Cabinets flog auf – und Astrau trat ein.
"Ah, Otbert! wie kommen denn Sie hieher?" rief ich ganz freudig und ahnungslos.
"Kraft dieses Talismans!" entgegnete er und zeigte mir die Nadel, die er wie eine Blume zwischen den Fingern hielt.
"Sie .... Otbert! Sie?" stammelte ich in der höchsten Ueberraschung und lehnte mich zitternd an einen Stuhl.
"Ja, nur Otbert .... sonst Niemand," sagte er.
Spannung, Erwartung, Träume, Phantasien, Ueberraschung, Gewissheit, Freude – alle diese chaotischen Empfindungen, die mir Herz und Nerven vibriren machten – brachen sich urplötzlich in einen Strom von Tränen.
"So betrübt sind Sie, dass nur i c h es bin, Sibylle?" fragte Astrau sanft und traurig.
"Nein nein! rief ich hastig; Sie wissen ja dass ich viel träume! Vielleicht bin ich jezt erwacht und danke Ihnen mit meinen Tränen."
"Dürfte ich das hoffen, Sibylle!"
"Warum denn nicht? ich hoffe es ja."
"Gewiss? fragte Astrau mit stralenden Augen. O Sibylle .... dann wird auch der Glaube nicht fern und die Liebe nah sein .... dann werden Sie mir verzeihen, dass ich trotz Ihres kühlen abwehrenden Briefes aus Würzburg nicht zurücktrat, sondern Ihnen hieher folgte."
"Aber warum beachteten Sie mich nicht in München?"
"Um nicht zudringlich zu erscheinen! – nur mit meinen Gedanken, nicht mit meiner Person wollte ich einen Platz erringen in Ihrem Leben. Sie sollten gewahr werden, dass unablässig die Richtung meiner Seele zu Ihnen gehe, und dass die Attraction, welche Sie auf mich geübt haben nicht jene gewöhnliche sei, die eine schöne Erscheinung mit sich führt und die aufhört wenn sie verschwindet." –
"Könnte ich das Alles glauben, Otbert, sagte ich zaghaft; ach, ich mögte es so gern glauben! Aber sehen Sie, ich kann und kann mir nicht vorstellen, dass die Seele unveränderlich von einem Gedanken bestimmt, von einem Bilde beherrscht werde. Sie folgt den äussern Eindrücken und Bedürfnissen, den innern Neigungen, je nachdem Umstände und Verhältnisse Eines oder das Andre begünstigen oder nicht. Sie fühlt dumpf dass es ihre Seligkeit sein würde in einen Hafen des Lebens-Oceans einlaufen und dort den Anker der Zuversicht: hier ist dein Platz! fallen lassen zu dürfen; aber sie bleibt schwankend auf hohem Meer, denn kein Sturm treibt sie gebieterisch in irgend einen Hafen, und sie selbst fühlt sich zu keiner Wahl veranlasst. Jede wird ihr Gutes und ihr Schlechtes haben – jede wird von Hause aus den Stempel auf der Stirn tragen, den Alles trägt, was dem Menschen zu seinem Genuss, seiner Entwickelung, seiner Freude, seinem Streben und Gelingen und Erreichen gegeben ist – das e i n e fürchterliche Wort: Unvollkommenheit. Diese schliesst sowol die Dauer als die Unwandelbarkeit aus; denn nur die Vollkommenheit besitzt Einheit, und widersteht demnach jeder Wandlung und Auflösung denen unwiderruflich die Unvollkommenheit verfallen muss .... weil sie Stückwerk ist."
Astrau sah mich traurig an während ich sprach, und traurig antwortete er:
"Entzaubert zu werden nachdem man zuvor verzaubert gewesen ist – mag bitter sein! doch tausendmal bittrer ist es mit diesem eiskalten nüchternen Blick Bestimmung und Schicksal zu betrachten, und das Glück fallen zu lassen wie eine Südfrucht, die verschmäht wird, weil sie unter unserm gemässigten, nicht unter ihrem eigenen tropischen Himmel reifte. Diese Nichtachtung der irdischen Zustände, Sibylle, mag die Wonne der Heiligen sein – aber sie ist die Qual des Menschen! und wenn Sie denn doch so sehr heilig sind, so sein Sie es wenigstens mit ganzem Herzen; so leben Sie ein von der Welt abgeschlossenes Leben voll Meditation, Andacht und Barmherzigkeit; so widmen Sie sich ganz der Betrachtung und Uebung göttlicher Dinge, da Ihnen menschliche zu gering sind; so wenden Sie sich überhaupt ganz und aufrichtig dem Schöpfer zu, und lassen Sie das Geschöpf nicht in dem Wahn, als wären Sie zugänglich seiner Empfindungsweise und seiner Sehnsucht; so trennen Sie sich von uns ab, Sibylle, und sagen Sie uns redlich: "Ich habe mit euch Allen nichts zu tun und