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Todtenstille und Einsamkeit auf den Canälen herrscht. Es war eine tief dunkle Nacht, so dunkel, dass ich kaum die mysteriöse Barke hatte gewahr werden können. So wie ich mein Cabinet betrat stieg dem Balkon grade gegenüber aus der Mitte des Canal grande eine Rakete wie ein Signal empor, und ungefähr zwei Minuten später flammte im herrlichsten Brillantfeuer mein Name Sibylla Regina an jener Stelle auf. Nachdem er eine Weile gebrannt hatte, verwandelte er sich in tausend buntfarbige Leuchtkugeln, und flog wie Myriaden von Schmetterlingen in den dunkeln Himmel hinein. Dann blieb Alles stumm und finster, und ich vernahm nur den taktmässigen Schlag einiger Ruder, welche eine grosse Barke, wahrscheinlich die des Feuerwerkers, fortbewegten. Ich hatte Lust an Zauberei zu glauben; denn ich hatte Tags zuvor mit Fidelis über die Schönheit eines Feuerwerks auf dem Canal grande gesprochen und hinzugefügt: Wäre ich noch in der verschwenderischen Laune meiner früheren Jahre, so würde ich mir dies Vergnügen verschaffen. Jezt verschaffte es mir ein Anderer – mir! das war kein Zweifel! mein Name sagte es mir. Und wer, um Gottes Willen! wer konnte wissen, dass ich Regina hiess .... kaum Sedlaczech! "Nun was sagen Sie zu der Ueberraschung der letzten Nacht?" fragte ich ihn am nächsten Morgen. "Ich sage, sprach er lächelnd, dass Jemand in Venedig lebt, welcher Sibylla zur Königin seines Herzens erkoren – wie uns die Flammenschrift gesagt hat." "Nicht doch! Regina ist ja mein zweiter Name." "Das ist seltsam! rief er überrascht. Das deutet auf einen alten genauen Bekannten!" "Ich habe hier keinen andern, als Sie." "Nun? Sie trauen mir doch wohl nicht solchen allerliebsten Unsinn zu? fragte er gutmütig. Erstens hab ich kein Geld; zweitens aber – und hätte ich Goldminen! – würde ich einen geliebten und verehrten Namen still in mein Herz schliessen, statt ihn als Leuchtkugeln verflattern zu lassen." Ich hatte es im Grunde auch nicht geglaubt. Nach einigen Nächten, die ich absichtlich bis zur Morgendämmerung auf Torcello zugebracht, kehrte ich eines drohenden Gewitters wegen früher zurück; und siehe! die Rakete gab das Signal und das frühere Schauspiel wiederholte sich. Ich bin von einem Dämon umgeben, sprach ich zu mir selbst, der meine Worte hört und meine Schritte sieht. Halb war dieser Gedanke mir unheimlich, halb lieblich! So gab es doch Jemand der sich für mich interessirtewenngleich in etwas befremdlicher Weise. Ich überlegte ob ich meine Leute fortschicken und Andre nehmen sollte Wer bürgte mir jedoch dafür, dass die neuen einer möglichen Bestechung weniger zugänglich sein würden, als die alten? und waren diese es überhaupt? – Lieber keine Nachforschungen anstellen, als sie anstellen und zu keinem Resultat kommen! Ich verhielt mich passiv und sprach nur mit Sedlaczech über diesen mysteriösen Dämon, der seinerseits höchst activ war. Einmal wurde Beetovens C moll-Symphonie unter meinem Balkon von der vortreflichen östreichischen Regimentsmusik ausgeführt. Ein andres Mal folgte eine Barke mit Sängern der meinen, und liebliche Barcarolen und andre Volkslieder begleiteten meine Spazierfahrt. Zufall konnte das Alles nicht sein, weil es immer Bezug auf Aeusserungen hatte, die ich gemacht und deren ich mich sehr wohl erinnerte. "Aber was soll eigentlich dies Alles vorstellen? fragte ich einmal ganz ungeduldig Sedlaczech. Dieser liebenswürdige unsichtbare Sylf beginnt mich zu langweilen." "Soll das heissen, dass er sichtbar werden möge? entgegnete Sedlaczech. Nehmen Sie sich in Acht! er erfüllt pünktlich Ihre Wünsche .... und wer weiss in welcher abschreckenden menschlichen Gestalt er sich Ihnen nächstens präsentiren wird." "Das wäre unangenehm!" rief ich unbefangen. "Also interessiren Sie sich genug für ihn um ihn in Ihrer Vorstellung liebenswürdig zu finden?" "Aufrichtig gesagt – ja! Es ist unmöglich der Gegenstand einer so aufmerksamen und ausdauernden Huldigung zu sein, ohne sich mit Demjenigen zu beschäftigen der sie uns darbringt; und da ist es doch ebenso unmöglich ihn in der Phantasie zu einem Monstrum zu machen." "Wär' er es nicht, so würde er vielleicht längst zu Ihren Füssen liegen." "Wie sollt' er das anfangen? ich kenne ihn ja nicht." "Sie kennen ihn nicht, d.h. er ist Ihnen nicht in aller Form mit Namen, Rang und Würden feierlich vorgestellt worden! .... Ist denn diese ceremoniöse Etikette sogar Ihnen gegenüber, wenn eine Seele in Flammen lodert, notwendig? sagen denn auch Sie: Ich bitte um Namen, Stand und Herkunft, mein Herr, bevor ich mich entschliesse ob ich mich soll von Ihnen lieben lassen oder nicht." "So ist die Welt! entgegnete ich halb lachend und halb missachtend; – und ich gehöre ihr an." "O Sibylle! rief er, das sollten Sie nicht so kalt eingestehen. Wer der Welt Aug' in Auge gesehen und sich als ihr Kind erkannt hat, dem müsste es gehen wie dem Basilisken: ihm graut vor seinem eigenen Bilde, er stirbt an seinem eigenen Blick. O Sibylle! diese hohlen Existenzen, die nach Regeln der Convenienz leben, statt nach Idealen – schmähen die ewige Wahrheit und die heilige Natur! Nicht dass sie alle und immer selbstbewusst der Lüge und Falschheit anheimfielen; aber Unnatur ist die Sünde wider den heiligen Geist, die ihren Fluch in sich selber trägt, denn sie entwurzelt so zu sagen den Menschen,