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mir einen unangenehmen Eindruck. Hartes rotes Haar hing ihm dick und verwirrt bis auf die Augenbrauen herab und schloss sich an einen buschigen Backenbart. Er hatte nicht den lebhaften Blick, das heftige Mienenspiel und die raschén Geberden der Taubstummen; er schien mehr das Stumpfsinnige, Plumpe, Schwerfällige des Idioten zu haben. Er stand mit niedergeschlagenen Augen vor mir während ich mit Gino über ihn sprach, und verriet auf keine Weise eine Teilnahme, die doch sehr natürlich gewesen wäre. Sein Anblick war nicht vertrauenerweckend; drum gab ich an Gino den strengen Befehl, dass die beiden andern Gondoliere immer und ohne Ausnahme Benvenutas Gondel – er und Nino die meine fahren sollten. Und so geschah es. Abends nach Sonnenuntergang pflegte ich täglich mit Sedlaczech eine Fahrt zu machen und dann in einem der Cafés auf dem Markusplatz Gefrornes zu nehmen. Von dort ging er gewöhnlich gegen Mitternacht zu Hause, während ich meine nächtlichen Excursionen begann. Gegen Morgen, bald früher, bald später, kehrt' ich heim und ging zuweilen erst schlafen, wenn die Sonne aufging. Es war ungefähr die Sorrentinische Lebensweise, die ich einst mit Paul geführt hatte; nur fehlte in dieser das sinnlich üppige, berauschende Element, welches damals dessen eigentlichste Essenz gewesen war. Dennoch – und trotz all der Lebenskraft, und Glut und Lust, die mich durchströmten – wünschte ich nicht jene Zeit zurück, noch ihre Wiederbelebung an Pauls Seite. Es war mir zu klar erinnerlich, dass sie damals in eine Art von Seelen-Marasmus übergegangen war. Daher sprach ich oft zu mir selbst: Ist in dieser sinnlichen Lebensrichtung für mich nichts Anderes zu erwarten, als eine lange Atonie für eine kurze Befriedigung: so ist das ungestillte Verlangen vorzuziehen; denn in ihm weht doch der Atem der Sehnsucht – wenn auch nur einer irdischen. Das war verkehrt, ich weiss es wohl! ich hätte ja nur das Mass zu halten brauchen um nicht in Atonie zu verfallen! dass ich diese Weisheit und diese Kraft nicht besass – dass meine zu den Extremen geneigte Natur immer über das rechte Mass hinweg bis zu den äussersten Grenzen sich drängte und dort statt der geahnten Seligkeit .... Leere fand: das eben machte mich unselig. Als ich eines Morgens, d.h. um ein Uhr Mittags, aus meinem Schlafzimmer in mein Cabinet trat, fand ich dasselbe in eine blumige Laube verwandelt. Granatbüsche mit ihren feurigen Blüten übersäet, Oleander mit den grossen rosenfarbenen Sternen, Jasmin und Mirten – bildeten einen kleinen duftigen Hain um mein Sopha. Benvenuta hatte sich auf dessen dunkelrote Polster gesetzt, und sah aus wie ein Wachspüppchen inmitten einer Christbescheerung. Da ich Abends zuvor an Fidelis gesagt hatte, ich könne gar nicht recht meine Blumenliebhaberei hier befriedigen: so zweifelte ich keinen Augenblick dass er mir diese Ueberraschung bereitet habe. Ich schickte Benvenuta zu ihm hinauf; sie sollte ihm vorläufig meinen Dank sagen. Er kam mit ihr zurück um sich eine Erklärung der ihm unverständlichen Botschaft auszubitten. Genug – die Blumen waren nicht von ihm. Die Dienstboten wurden befragt und es ergab sich, dass zwei Gärtnerburschen sie in einer Gondel hergebracht und sie meinem Kammerdiener überliefert hatten mit der Bemerkung: ich wisse schon wer sie sende. Die Sache kam mir wie ein Missverständniss über Namen des Palastes oder der Bewohner vor, und ich erwartete jeden Augenblick dass die Gärtner wieder erscheinen und sich ihre Blumen ausbitten würden. Allein sie blieben ohne fernere Nachfrage bei mir. Ich scherzte mit Fidelis über diese kleine Begebenheit und malte ihm aus, dass möglicher Weise die Erkaltung zweier Liebenden aus dieser Blumensendung entspringen könne. Der Cicisbeo finde sie nicht im Zimmer seiner Dame – oder die Dame erwarte sie vergebens an ihrem Namenstage, etc. Schliesslich sagte ich: "Die eigentliche Blume von Venedig ist aber doch die mystische auf dem Wasser schwimmende Lotosblume, dies Symbol der Vereinigung der Tiefe und des Lichts zur Liebe, d.h. zum Leben." Am andern Morgen stand auf der Brüstung meines Balkons eine ganze Reihe der schönsten aller Wasserblumen: der Calla aetiopica. Die grossen weissen mandelduftenden Kelche neigten sich alle wie zum Gruss von dem schlanken Stengel in die geöfnete Tür meines Cabinets hinein. Diesmal wird Fidelis doch nicht seine Hand verleugnen können! rief ich entzückt. Aber er leugnete ganz bestimmt. "Es käme mir auch gar nicht zu, Ihnen Blumen zu schenken, sagte er endlich. Ein unbekannter Verehrer wird diese Boten gewählt haben um Ihnen seine stumme verschwiegene Huldigung darzubringen." Ich fand diese Aufmerksamkeit befremdlich, da ich an kein zweites Missverständniss glauben konnte; und noch befremdlicher die Wahl der Blumen, welche in der Tat auf den Lotus Bezug zu haben schien. Gino hatte sie diesmal wiederum von zwei Gärtnerburschen in einer Barke in Empfang genommen. Ich fragte ihn etwas misstrauisch ob er deutsch verstehe. "Bestia ch' io sono .... no, 'Lustrissima!" rief er, sich scherzhaft verwünschend nicht meine Sprache zu verstehen. Ich befahl ihm und den übrigen Dienstboten eine abermalige Blumensendung sofort abzuweisen, und war grenzenlos erstaunt als dennoch am andern Morgen drei riesenhafte Sträusse von purpurfarbenen Nelken auf meinem Schreibtisch lagen. Ich liess meine Leute zusammen rufen, und erklärte ihnen, ich würde sie a l l e entlassen so wie Einer von ihnen – ich frage nicht welcher! – gegen meinen ausdrücklichen Befehl handle. Mein Kammerdiener und meine Kammerfrau waren Deutsche; Benvenuta's Wärterin war eine Engländerin; alle drei lange und treu befunden in meinem Dienst.