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und vielleicht zwei Dutzend Häuschen von Gärtner- und Fischerleuten liegen ebenfalls dörflich zerstreut zwischen Hecken, Gemüsegärten, Gebüschen und Rasenflecken. Diese Vegetation so wenig gepflegt sie sein mogte, gedieh dennoch vortreflich auf dem üppigen Schlammboden, und erquickte mich durch Farben, Frische und Duft. Der Garten, der am Morgen Benvenutas Tummelplatz war, ruhte mich in der Nacht aus. Es war so etwas Friedliches, Idyllisches auf dieser kleinen Insel, das den einfachen Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprach. Dies schlichte Element tat mir wohl! ich dachte dass Gott in seiner Schöpfung nicht Einmal sondern immer neu das Paradies geschaffen hat: erstens in der Natur, zweitens im Kinde; und dass mir ein Labetrunk aus diesen beiden heiligen Quellen gegönnt sei. Zu Zeiten konnte mich das ganz heiter stimmen; aber es dauerte nicht lange, wie denn nichts bei mir dauerte! reizbar um einen Eindruck zu empfangen, kraftlos um ihn festzuhalten, so war ich! und daher war in meiner Seele nichts dauernd als drängende Unruh – dies ächte und rechte Princip aller Taten des Fluchs, der Torheit, des Unheils. – Wenn diese Unruh recht in mir stürmte, fuhr ich zum Lido, der sich als ein Erdwall zwischen der Lagune und dem Meer aufwirft. Ueber den trostlosen, steinernen Gottesacker der Juden hinweg ging ich zum entgegengesetzten Strande, den das Meer bespült. Ein Gondolier trug mir ein Paar Polster nach und blieb in meiner Nähe, während der Andre die Gondel bewachte. Da lag ich manche Nacht, überwachte den Auf- und Untergang aller Gestirne – welche auch die meiner Heimat waren; lauschte auf das Brausen der Wellen, welche mit demselben harmonischen Takt und mit demselben weissen Schaum an die Küste meiner Heimat schlugen; und fragte mich mit unsäglicher. Trostlosigkeit, ob ich denn wirklich töricht genug gewesen sei um zu glauben, dass es für mich am adriatischen Meer anders und besser sein könne als am baltischen. O! rief ich, die Elemente des Glücks m ü s s e n in der Schöpfung sein, sonst wäre die Organisation des Menschen mit seinem unlöschbaren Durst nach Glück ein Widersinn! aber weshalb versteht er nicht sie zu finden, zu sammeln, festzuhalten? weshalb ist er so unvollkommen beschaffen, dass er meistens nur Eins oder das Andre kann? ja, weshalb ist er zuweilen so blind dass er nicht einmal deutlich sein Glück zu erkennen vermag? .... denn mir fehlen nicht die Elemente dazu, sondern der Brennpunkt in dem sie sich vereinen müssten. Kehrt' ich dann heim, seelenmüde und seelenwund – sah ich den ruhigen Lampenschein in Sedlaczechs Zimmer – hört ich ihn mit gleichmässigem Schritt in der lautlosen nächtlichen Stille über mir auf und nieder gehen – klangen gar seine musikalischen Phantasien oder Eingebungen zu mir herab: so staunte ich fast stupid diese feste klare Seele an. Gewiss gewiss! sprach ich dann in Betrachtung über ihn versunken, sein Genius giebt ihm eine andre Stärke als die, welche uns gewöhnlichen Menschen zu Teil ward! wir verwachen in Lieb oder Leid diese versengenden Nächte – oder wir verschlafen sie; aber er ist frei genug um sich ungestört in geistiges Schaffen zu versenken. Eines Tags kam mein Capo de' gondolieri – wie er sich nannte als er in meinen Dienst trat um meine Gondeln und die beiden andern Gondoliere zu beaufsichtigen – und trug mir die Bitte vor einen vierten Mann anzunehmen. Ich fahre, die Kleine fahre, Sedlaczech fahre – Tag und Nacht sei irgend ein Mitglied meines hohen Hauses auf der Lagune zu finden; das sei freilich eine grosse Ehre für die arme, schlechte Lagune, aber nichts desto weniger ein schwerer Dienst, besonders in dieser höllenheissen Sommerzeit. In diesem halb pomphaften, halb spöttischen Styl, mit einem Lächeln das auf der Grenze zwischen Harmlosigkeit und Unverschämteit schwebte, mit unverwüstlicher guter Laune – diesem Erbteil des venetianischen Volkes – im kleinen blitzenden Auge, liess sich Gino äusserst wortreich über die Notwendigkeit eines vierten Mannes aus. Ich sah das ein, nur drang ich auf einen erprobt geschickten und treuen Menschen, sowol Benvenutas als meiner eigenen nächtlich einsamen Fahrten wegen. "O, rief Gino, der ist treu – treu wie die Madonna mir ist! – Er zog bei diesen Worten ein zinnernes Medaillon der Madonna das er um den Hals trug hervor, und küsste es mit Andacht. – 'Lustrissima können fahren wohin Sie wollen, tun und sagen was Sie wollen .... der schwazt nicht." "Ich hoffe auch Du nicht, Gino." "Kein Fisch in der Lagune ist stummer als ich .... was meine Herrschaft betrift, 'Lustrissima! entgegnete er mit tiefer Verbeugung. Schweigen ist die Pflicht des Gondoliers, folglich schweige ich und wenn's mir noch so schwer wird, aus Tugend. Nino schweigt aus Notwendigkeit .... und die Notwendigkeit ist denn doch ein noch festeres Ding als die Tugend – wenn 'Lustrissima gestatten meine Ansicht von der Sache auszusprechen. Genug, Nino ist stumm." Ich fühlte mich durch sein Unglück für ihn gewonnen, und fragte nur noch ob Gino ihn gut kenne. "Wie sollt' ich nicht, 'Lustrissima! er ist ja mein Sohn .... nämlich der Sohn meiner Frau, die schon lange todt ist .... dolce anima, requiescat in pace! .... sie hiess Ninetta, drum heisst er Nino." Nino trat in meinen Dienst und wurde mir vorgestellt. Er machte