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Grösse und Ausdehnung – wie etwa die römischen – sondern durch einen eigentümlichen Adel ihrer Proportionen, den Namen Paläste verdienen. Ein Gebäude ihrer Grösse in Norddeutschland, aus Backstein, mit spitzem Ziegeldach, von hundert schmalen Fenstern durchbrochen, im Innern mit hölzernen Treppen versehen – wäre ein gewöhnliches Haus; aber: – Marmormauern, Marmorwände, Marmortreppen, Marmorfussboden – Marmorarbeit wie Schnitzwerk an Balcons, Fensterbogen und Fensterrosacen – Incrustationen von Verde und Rosso antico von Aussen – Gemälde von Titian und Tintoretto im Innern – eine majestätische Festalle von kleinen behaglichen Gemächern umgeben – eine Grotte zur Station für die Gondel: das ist ein venetianischer Palast.
Ich mietete den meinen für geringes Geld. Es war damals noch nicht so viel wie jezt für den Flor Venedigs geschehen. Es war noch kein Freihafen, der Handel stockte, der Verkehr lag danieder; die Paläste standen leer, wenn die alten Familien ausgewandert – verfielen wenn sie verarmt waren; man konnte dort, vergleichsweise, mit einem kleinen Vermögen glänzend leben. Ich richtete mich recht bequem, aber ganz einfach ein, und das war sehr gut; denn als ich mit meiner Einrichtung fertig war, bemerkte ich, dass ich zwar sehr gut für mich – aber sehr schlecht für Benvenuta gesorgt hatte. Sollte das arme Kind in diesem Marmorhause gefangen sitzen? was hatte sie von Gondelfahrten? von Spaziergängen auf dem Markusplatz? – Schnell entschlossen fuhr ich nach der kleinen grünen, ländlichen Insel Torcello hinüber und mietete bei stillen Gärtnerleuten ein kleines Zimmer für Benvenuta. Dort sollte sie mit ihrer Wärterin einen Teil des Tages zubringen und im Garten umherlaufen dürfen. Ich schenkte den guten Leuten ein Paar Ziegen, Hühner, Tauben, an denen die Kleine ihr Ergötzen hatte. Es machte sich Alles leicht und gut. Ich kaufte zwei Gondeln, ich nahm drei Gondoliere in meinen Dienst und liess sie in meine Farben kleiden. Ich war sehr beschäftigt mit diesen verschiedenen Einrichtungen, ausserdem unglaublich gefesselt durch Venedigs Scenerie und Kunst, und ich begann zu hoffen eine Stätte gefunden zu haben, wo ich mich auf die Dauer in meiner Bestimmung zurechtfinden könne.
Mit Sedlaczech lebte ich gut und angenehm, aber nicht eigentlich intim. Er war mir zu sehr überlegen, als dass ich das unwillkürliche innerste Zutrauen, ich mögte sagen diese Seelenströmung zwischen Gleich und Gleich, für ihn empfunden hätte. Nicht als ob mich meine Inferiorität gedrückt – nicht als ob ich nicht gewusst hätte, dass es grössern Genuss gewährt sich zu Menschen hinaufals herabzustimmen! Nur fühlte ich instinctmässig dass wir nicht auf einer Stufe der Entwickelung standen und dass die seine weit höher als die meine sei. Wird eine solche Kluft nicht durch die Liebe ausgefüllt, die Höhen und Tale gleich macht – so kann man wohl zu einem gemeinschaftlichen Leben, doch nicht zu einer befriedigenden inneren Gemeinschaft des Lebens gelangen. Uebrigens war es keinesweges sein Talent, das mir imponirte – so gross es war! so hoch ichs schätzte! – nein, es war seiné Seele; eine Seele von deren Taten und deren Wegen ich nichts wusste, denn er sprach nie über seine Schicksale. Als er vor Jahren von dem Banquier meines Vaters in Lübeck, als Musiklehrer empfohlen nach Engelau kam, sagte er: er sei ein Böhme, Waisenkind, Katolik, und zwischen achtzehn und zwanzig Jahr alt. Das war Alles; und auch jezt blieb es Alles. – Er studirte fleissig in seiner Kunst, mehr auf Composition als auf Ausübung, und nie beschäftigten ihn andre als erhabene und grosse Gedanken. Ein Oratorium mit einem dem Hohen Lied entnommenen Text – war die Idee zu welcher sich seine Kräfte zu concentriren schienen. Er bewohnte ein Zimmer über dem meinen. Wenn ich in tiefer Nacht auf dem Balkon sass, und mich verlor in Träume ohne Ziel, in Sehnsucht ohne Mass, in Wünsche ohne Gegenstand – wenn ich inmitten der Unermesslichkeit dieser Gefühle und inmitten einer Umgebung die an Schönheit und Grossartigkeit ohne Rival ist: dennoch mein Leben nicht anders empfand als der Gefangene den Kerker der ihn elend macht – o wie oft haben mich dann seine Phantasien, seine Accorde – getröstet kann ich nicht sagen, aber beschwichtigt. Von oben herab klangen sie, feierlich, fromm, tiefsinnig, klagend, unendlich melancholisch, aber in glühende Andacht getaucht wie das Gebet eines Heiligen. Ja, sprach ich dann zu mir selbst, das Leben ist ein Kerker, aber der Schlüssel des Kerkers ist die Liebe! der sprengt die Pforte zur Freiheit, und das dürftige abgesperrte Ich fliegt in ein ewiges und seliges Universum hinein. In dieser himmlischen Freiheit lebt mein Onkel: er liebt Gott! – lebt Fidelis: er liebt die Kunst! Ich aber verstehe nicht zu lieben, drum bin ich für alle Ewigkeit in den Kerker gebannt.
Den grössten Teil der Nächte verbrachte ich in meiner Gondel. Bald fuhr ich nur in den Canälen und erfreute mich an dem feenhaften Anblick Venedigs im Mondlicht, dessen mysteriöser Glanz die passendste Beleuchtung dieser mysteriösen Existenz ist. Bald fuhr ich weiter in die Lagune hinaus, nach verschiedenen Inseln, die ich besonders gern hatte – vorzugsweise nach Torcello und zum Lido. Torcello war der Anfangspunkt der grossen Stadt, des grossen Staats Venedig. Das was in jener Zeit der menschlichen Vergesellschaftung Kern und Einheit gab: die Religion, in einem Monument, in einer Kirche ausgeprägt, fehlt der kleinen verwilderten und vereinsamten Insel nicht. Der alte kleine tausendjährige Dom hat Venedigs Höhe und Fall überdauert. In dörflicher Verwahrlosung steht er auf einem grünen Wiesenplatz,